Es ist der kälteste und härteste Winter seit Langem, dieser vierte Kriegswinter in der Ukraine. Nicht nur wegen der zweistelligen Minustemperaturen. Sondern weil Russland es geschafft hat, die Energie- und Wärmeinfrastruktur systematisch so stark zu beschädigen, dass die Lage für die Bevölkerung inzwischen lebensbedrohlich ist.
Mehr als eine Million Menschen in Kiew seien ohne Strom, mehr als 4000 Wohnblöcke ohne Heizung, sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski am Dienstagabend. Zwar sind die Stadtverwaltung und die Energiedienstleister seit dem schlimmen Angriff auf die Wärmeversorgung Anfang Januar fieberhaft daran, die Energienetze zu reparieren, teilweise mit Erfolg.
«Punkte der Unbeugsamkeit»
Aber Russland greift immer wieder an, mit Raketen und Drohnen. Gemäss Bürgermeister Vitali Klitschko haben im Januar rund 600'000 Menschen die Hauptstadt verlassen. In möglichst vielen Häusern wurden die Heizungsrohre entleert, um ein Einfrieren zu verhindern, und wurden danach wieder aufgefüllt. Trotzdem sind Rohre geplatzt, Toiletten unbrauchbar geworden, man befürchtet den Ausbruch von Krankheiten.
Schulen wurden geschlossen, die Strassenbeleuchtung abgestellt. Der Katastrophenschutz hat Zelte aufgestellt, Wärmestuben, die «Punkte der Unbeugsamkeit» genannt werden. Dort kann man sich aufwärmen und elektrische Geräte aufladen.
Ein Zelt im Wohnzimmer
Im Netz kursieren Tipps, wie man in eiskalten Wohnungen überlebt: beispielsweise indem man im Wohnzimmer ein Zelt aufstellt. Die Kombination von Kälte und dauernden Luftangriffen sei kaum zu ertragen, geben betroffene Menschen Medien zu Protokoll. Russland hat die Kälte erfolgreich zur Waffe gemacht. Das wurde auch deshalb möglich, weil es der Ukraine dramatisch an Waffen zur Flugabwehr fehlt, während Russland die Angriffe ebenso dramatisch gesteigert hat.
Tipps zum Überleben
Er sei daran, mit den europäischen Partnern an weiteren Unterstützungspaketen mit Flugabwehr und Waffen zu arbeiten, sagte Selenski und liess gleichzeitig durchblicken, dass er nicht wie geplant nach Davos ans WEF reisen, sondern in der Ukraine bleiben werde: Niemand brauche leere Politik und Gespräche ohne Ergebnisse, er müsse sich um die Situation im Land kümmern, so Selenski.
Allerdings ist eine hochrangige ukrainische Delegation bereits in Davos vor Ort. Wie viel sie dort erreichen kann, bleibt offen. Denn am WEF richtet sich die Aufmerksamkeit zurzeit auf andere weltpolitische Themen und weg von der dringend benötigten Hilfe für die Ukraine.