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Krieg in der Ukraine Ukraine trotzt russischen Bomben und Eiseskälte

Kälte als Waffe: Die unablässigen Angriffe der Russen auf die Energieversorgung machen auch in Kiew schwer zu schaffen.

Um die Energieversorgung in Kiew steht es schlecht. Viele Wohnungen haben keinen Strom oder bestenfalls ein paar Stunden am Tag. In vielen Gebäuden funktionieren die Heizungen nicht oder nur sehr schlecht. Gleichzeitig gehen die russischen Angriffe weiter. Explosionen und Flugabwehrfeuer sind täglich zu hören.

Dies bei Temperaturen um die minus zwölf Grad Celsius. Diese Krise ist förmlich sichtbar: Kiew ist zu einer dunklen Stadt geworden. Die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs oder für Spitäler funktioniert nur noch teilweise. In diversen Stadtvierteln fahren Trams und Trolleybusse nicht mehr. Geschlossen sind mangels Strom auch mehrere Supermärkte und Tankstellen.

Grausame Kälte trifft Hunderttausende direkt

Anderes funktioniert noch. So etwa eine Geburtsklinik, die aber ihr eigenes kleines Heizkraftwerk und Stromgeneratoren hat. Die Mütter können zwar betreut und versorgt werden, werden aber mit ihren Säuglingen wegen der regelmässigen Luftangriffe immer wieder in den Bombenkeller gezwungen.

Ein Mann steht vor einer zerstörten Wohnsiedlung in Kiew.
Legende: Ein Mann steht am 9. Januar 2026 vor einem Gebäude in Kiew, das von den russischen Drohnenangriffen schwer beschädigt wurde. Imago/Li Dongxu

Unter den winterlichen Bedingungen ist das Leben mühsam geworden. Eine 60-jährige Frau schildert ihre Lage in einem Wärmezelt des Zivilschutzes im Hof ihrer Wohnsiedlung: Wie sie seit vier Tagen ohne Strom und bei neun Grad Celsius allein mit ihrem Enkel in einer Wohnung lebt, während ihr Sohn und dessen Ehefrau an der Front kämpfen.

Andere nehmen das Ganze erstaunlich gelassen. Sie kaufen sich einen zusätzlichen Wollpullover zum Schlafen oder gehen zu Freunden mit einem Holzofen. In einem proppevollen, aber unbeheizten Restaurant versammeln sich Leute – allesamt eingehüllt in Wolldecken, die den Abend trotzdem geniessen. «Winter hin oder her – das Leben geht weiter», sagte ein Gast.

Not und Erfindergeist

Präsident Selenski appellierte kürzlich an den Westen, die ukrainische Flugabwehr zu stärken. Die Ukraine kann ihre Städte nur noch mehr schlecht als recht schützen. Denn die Russen feuern viel mehr Drohnen und Raketen ab als früher. Das ist auf mittlere bis längere Frist bedrohlich für die Ukraine.

Auf einem Truppenübungsplatz zeigt sich zugleich die erstaunliche Widerstandsfähigkeit und Kreativität der Menschen. Die Armee trainiert mit kleinen Anti-Drohnen-Drohnen, die grosse russische Drohnen abschiessen können. Die Ukrainer haben begriffen, dass sie vom Westen nicht genug Waffen bekommen und bauen neue. Bis solche Anti-Drohnen-Drohnen den Himmel schützen, wird es aber noch dauern, falls es gelingt.

Keine Illusionen mehr im «Vernichtungskrieg»

Die Hoffnungen der Menschen in Kiew auf einen baldigen Friedensplan sind auf null gesunken. Niemand ist der Meinung, dass die Verhandlungen in absehbarer Zeit Frieden bringen. Ein «absurdes Theater», das nur für Donald Trump aufgeführt werde, erklärte ein Politologe. Der US-Präsident verstehe diesen Krieg gar nicht: Denn Moskau gehe es längst nicht nur um die Eroberung von ein paar zusätzlichen Dörfern im Osten, sondern um das Ende der Ukraine als unabhängige Nation in einem «Vernichtungskrieg».

Ähnlich äusserten sich auch andere Gesprächspartner in Kiew: Der Krieg ende erst, wenn die Russen dazu bereit seien oder nicht mehr weiterkämpfen könnten. Im Moment aber ist der Kreml offensichtlich nicht bereit, den Krieg zu beenden – weil er seine Kriegsziele noch lange nicht erreicht hat und immer noch glaubt, sie erreichen zu können.

Echo der Zeit, 14.01.2026, 18:00 Uhr; noes

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