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Krieg in Syrien «Wir haben gar keine andere Wahl, als zu kämpfen»

Die UNO befürchtet einen blutigen Kampf um die syrische Provinz Idlib. Die Rebellen hätten nichts mehr zu verlieren.

Legende: Audio Idlib: Kapitulation kommt nicht in Frage abspielen. Laufzeit 06:25 Minuten.
06:25 min, aus Echo der Zeit vom 13.08.2018.

Es ist 1.30 Uhr nachts, als wir Abu Ahmad in Idlib über WhatsApp erreichen. Seine Nummer haben wir von ein paar seiner Freunde erhalten, die in der jordanischen Hauptstadt Amman leben. Weil die Verbindung schlecht ist, nehmen wir unsere Fragen als Sprachnachricht auf, schicken sie ihm und warten, bis er uns seine Antwort sendet. Manchmal müssen wir lange warten, denn Ahmad nimmt seine ganze vom Krieg geprägte Lebensgeschichte auf.

Ein Finger weist auf das WhatsApp-Symbol auf einem Bildschirm.
Legende: SRF-Nahost-Korrespondentin Susanne Brunner erreichte die Aufständischen in Idlib per WhatsApp. Keystone

Ausführlich erzählt er besonders vom Krieg in Daraya, einem Vorort von Damaskus. Hier wuchs der Buchhalter Abu Ahmad auf, leistete seinen Dienst in der syrischen Armee. Als die Armee 2012 seine Heimatstadt angriff, desertierte er und wechselte die Fronten.

Belagerung und Fassbomben

Was er danach in Daraya erlebte, ist längst als grausames Kapitel des Syrien-Krieges bekannt: Der Stadtteil wurde fast vier Jahre lang belagert, ausgehungert, eingeäschert.

Hier leben Tausende Assad-Gegner, die kein gemeinsames Ziel haben und nicht organisiert sind.
Autor: Abu AhmadAufständischer

Abu Ahmad erzählt von den Fassbomben – deren Einsatz die syrische Regierung stets bestritten hat – und vom Hunger. Und wie sie trotz allem ausharrten, bis die Regierung den Rebellen 2016 überraschend die Evakuierung nach Idlib anbot, zusammen mit ihren Familien.

Karte Syrien
Legende: Die Provinz Idlib ist eine der letzten Regionen in Syrien, die unter Kontrolle von Aufständischen stehen. SRF

Bespucken und verfluchen

Auf der Reise nach Idlib folgte die grosse Ernüchterung: Am Wegesrand standen Menschen, die sie bespuckten und verfluchten, ihnen Bilder von Präsident Baschar al-Assad entgegenstreckten. Vom Stimmungwandel im Land hatten sie nach vier Jahren Belagerung in Daraya keine Ahnung. Nicht einmal ihre Freunde hatten ihnen davon geschrieben, um sie nicht noch mehr zu demoralisieren. Umso grösser war der Schock, und sie hinterfragten sich, ob die Assad-Anhänger doch im Recht seien und ihr Kampf falsch gewesen sei.

Ein Knabe hält ein Baby vor einem Zelt.
Legende: Kinder im Kelbit-Flüchtlingslager in der Idlib-Provinz, nahe der türkischen Grenze. Reuters

Die psychische Belastung, die Frustration, welche die Evakuierung von Daraya nach Idlib hinterlassen hat, hört man Abu Ahmads Stimme an.

Angst und Hoffnung

Vor einer Offensive der syrischen Armee auf Idlib hat er Angst. «Hier leben Tausende von Assad-Gegnern, radikale und weniger radikale, die aber überhaupt kein gemeinsames Ziel haben und nicht organisiert sind.» Das erschwere einen koordinierten Kampf gegen Assads Truppen.

Männer mit Gewehren auf einem Pick-up.
Legende: Unter den Rebellen in Idlib sind auch radikalislamische Gruppierungen. Reuters

Nachts um 2.05 Uhr erhalten wir die letzte Sprachnachricht von Abu Ahmad aus Idlib. «Manchmal denke ich, wir hätten alles verloren.» Trotzdem hoffe er auf Licht am Ende des Tunnels.

Glauben und Revolution

Am nächsten Nachmittag erreichen wir Mohammed, einen Arabischlehrer und Aktivisten aus Homs, der 2014 auf vielen Umwegen aus der belagerten Stadt in die Provinz Idlib flüchtete.

Jetzt aufgeben wäre Verrat an den Märtyrern.
Autor: MohammedAuftständischer

Auch ihn erreichen wir über WhatsApp, kommunizieren mit aufgezeichneten Sprachnachrichten. Er wohnt jetzt mit seiner Familie in Adme, unweit der türkischen Grenze. Auch er erzählt von der Angst in der Region vor einer Offensive der syrischen Armee. Aber im Gegensatz zu Abu Ahmad glaubt er noch an einen Sieg der Revolution.

Kampf und Verrat

Es stimme zwar, dass es viele verschiedene Rebellengruppen gebe, die nicht koordiniert seien. «Aber wir haben gar keine andere Wahl, als zu kämpfen.» Acht Jahre lang hätten die Syrer gekämpft. «Jetzt aufgeben wäre Verrat an all jenen Märtyrern, die mit ihrem Leben für diesen Kampf gestorben sind oder noch in den Gefängnissen ausharren.» Diese dürfe man jetzt nicht vergessen.

Zwei Männer in Trümmern.
Legende: In der Provinz Idlib leben Hunderttausende Assad-Gegner. Reuters

Für wen er kämpft, will Mohammed nicht sagen, nur, dass er bis zum Ende seiner Tage für sein Ideal eines friedlichen, freien Syriens kämpfen will. «Koste es, was es wolle.» Zum Schluss nimmt er einen flammenden Appell an alle Syrer auf, die irgendwo in der Welt verstreut sind: Dass sie Syrien nicht vergessen sollen.

Schwarz gekleidete Personen stehen in einem Kreis.
Legende: Rebellen beim Training in Idlib. Reuters

Man hört seine Kinder reden im Hintergrund. Sie wolle er in Sicherheit bringen, bevor der Kampf beginne, sagt er und verabschiedet sich.

Bereiten Regierungstruppen Offensive auf Idlib vor?

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Uniformierte Männer mit Gewehren.
Legende:Soldaten der Regierungstruppen in der Provinz Idlib.Reuters

In der nordsyrischen Provinz Idlib ist die Stimmung angespannt. Es gibt immer mehr Anzeichen, dass die Regierungstruppen eine Offensive gegen die Hunderttausenden von Assad-Gegner vorbereiten, die hier leben. Darunter sind Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat, andere radikalislamische Gruppierungen und solche, die weniger radikal sind.

Viele dieser Kämpfer und Aufständischen hat die Regierung mit Bussen hierhergebracht – mitsamt ihren Familien. Vor einigen Tagen liess die syrische Armee in Idlib Flugblätter abwerfen, mit denen sie die Menschen aufforderte, die Wiederherstellung der staatlichen Gewalt zu akzeptieren. Die UNO befürchtet einen blutigen Kampf um die Region, bis zu zweieinhalb Millionen Menschen könnten in die Flucht getrieben werden. Die Hilfswerke bereiten sich auf das Schlimmste vor.

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan von Känel (Trottel der feinen Gesellschaft)
    Diese x-te Darstellung der Ansichten Aufständischer in Idlib grenzt angesichts des Fehlens jeglicher Berichte aus Perspektive der Regierungsanhänger an Verklärung einer einzelnen Kriegspartei aus politischen Gründen. Ich bitte Sie: "Ein friedliches und freies Syrien", und das ohne jede Einordnung seitens der Autorin. Wie repräsentativ ist wohl ein Buchhalter inmitten bewaffneter sunnitischer Extremisten? Von der SRG darf wohl etwas mehr erwartet werden als Standards à la Ringier.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Schlimm am Syrienkrieg ist auch, dass der Westen, um Assad los zu werden, sich auch mit den schlimmsten Halsabschneider verbündet hat und damit fortschrittliche Kräfte, die eine Demokratisierung wollten, verraten hat. Vom Westen sind weder Menschenrechte, Frieden noch Demokratie zu erwarten - es geht nur um Ressourcen, Waffengeschäfte, Geostrategie, egal welch Unheil angerichtet wird, . Recht hat die Mehrheit der syrischen Bevölkerung, welche das kleinere Übel, nämlich Assad, unterstützt, leider
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  • Kommentar von Jacob Goldman (Goldmann Jacob)
    Idlib ist das Sammelbecken aller Terroristen und Takfiri. Bilder von den Opfern dieser Schlächter findet man selbstverständlich bei SRF nicht. Es gibt sie aber und zwar viele davon. Kopfabschneiden ist dabei nur ein Teil des Programms. Nun werden sie auf einmal zu "schutzbedürftigen Flüchtlingen" gemacht. Warum wurden eigentlich in Daraa soviele Waffen israelischer und amerikanischer Herkunft bei den Terroristen gefunden? Das wäre mal eine Frage, die ein kritischer Journalist beantworten sollte.
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