Zum Inhalt springen

Header

Video
Venezuelas gespaltene Opposition
Aus SRF News vom 06.02.2021.
abspielen
Inhalt

Krise in Venezuela «Die Kraft der Opposition wurde überschätzt»

Venezuela sieht schwarz. Während gleich zwei Präsidenten die Macht für sich beanspruchen, sehen die meisten Menschen keine Zukunft mehr in ihrem Land. SRF News hat mit einem Experten über Ausmass und Gründe der Krise gesprochen.

Jesús Rafael González

Jesús Rafael González

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Jesús Rafael González ist Politikprofessor an der Universidad Central de Venezuela (UCV). Seine Fachbereiche sind Governance und Politikmanagement.

SRF News: Zwei Präsidenten, zwei Oberste Gerichte, zwei Parlamente im gleichen Land. Herr González, wie soll das weitergehen?

Jesús Rafael González: Einen schnellen Ausweg aus der Krise sehe ich nicht, und darunter leidet in erster Linie die Bevölkerung. Die politische Krise hat dazu beigetragen, dass das Bruttoinlandsprodukt von Venezuela in den letzten sieben Jahren abgestürzt ist, mit einer Reduktion um 74 Prozent. Das entspricht in etwa einem Verlust, wie ihn Syrien erlitten hat – nach jahrelangem Bürgerkrieg. Nur 60 von 194 Ländern erkennen Juan Guaidó als Interimspräsidenten an. Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Mehrzahl der Länder der internationalen Gemeinschaft haben sich nicht klar für ihn und seine Politik ausgesprochen.

Hoffen die Venezolaner denn überhaupt noch auf Guaidó?

Vielleicht klingt es pessimistisch. Aber die Zahl der Auswanderer spricht für sich. Wir befinden uns in der grössten Migrationskrise, die der amerikanische Kontinent je erlebt hat. Bis Ende 2021 könnten insgesamt 8 Millionen Venezolaner das Land verlassen haben (Anm. d. Redaktion: Schätzungen der UNO gehen von derzeit 5.4 Millionen venezolanischen Migranten aus). Das ist ein Fiasko für Guaidó, es ist ein Fiasko für Maduro, es ist ein Fiasko für unser politisches System. Die Menschen erwarten nichts mehr von der Zukunft in ihrem Land. Sie fragen sich nicht mehr, ob sie sich irgendwann ein Haus kaufen können. Die Frage ist: Habe ich morgen genug Geld, um Essen für meine Kinder zu kaufen?

Wir befinden uns in der grössten Migrationskrise, die der amerikanische Kontinent je erlebt hat.

Was hat die Opposition falsch gemacht?

Die Opposition war vor allem im letzten Jahr in erster Linie damit beschäftigt, sich gegenseitig anzugreifen. Sie hat zudem die Verbindung zur Bevölkerung verloren. Was die Menschen brauchen, ist Hoffnung. Und um Hoffnung zu generieren, muss man Alternativen aufzeigen. Es genügt nicht zu sagen: «Maduro muss weg.»

Welchen Rat würden Sie Joe Biden geben?

Ohne Verhandlungen wird es keine Lösung geben. Aber es gilt erst einmal, zuzuhören und das Ausmass der Krise zu verstehen. Dafür müssen mehr Stimmen angehört werden als nur Regierung und Oppositionsvertreter. Es gilt auch, Akademiker anzuhören, NGOs, Führungspersonen der Zivilgesellschaft. Das wurde bisher vernachlässigt, und die Kraft der Opposition wurde überschätzt. Ihre Spaltung behindert ausserdem die Lösungsfindung. Es gab mindestens fünf Dialogversuche in den letzten Jahren. Der letzte wurde unter anderem von Norwegen und Spanien unterstützt. Aber dabei kam nichts heraus. Ein Grund dafür war, dass nicht alle Akteure am Tisch sassen.

Es müssen mehr Stimmen angehört werden als nur Regierung und Oppositionsvertreter.

Heisst das auch, dass die USA wieder mit Nicolás Maduro sprechen und wieder Botschafter ins Land schicken sollten?

Ich denke, das wird notwendig sein. Eine direkte Kommunikation ist nicht nur mit Guaidó und Maduro nötig, sondern auch mit dem Rest des Landes, das unter der derzeitigen Krise leidet. Neun von zehn Venezolanern leben in Armut, dort gilt es, hinzuhören und konkret zu sein in den Aktionen. Die Menschen haben keinen Strom, kein Essen, kein Gas. Die Zeit drängt. Ein Drittel der Venezolaner möchte das Land verlassen. Es gibt kein Gefühl der Zugehörigkeit mehr zu diesem Land, keine nationale Identität mehr. Solange wir die Komplexität der Lage und die Fehler der Vergangenheit nicht verstehen, wird jede Verhandlung schwierig sein.

Das Gespräch führten Karen Naundorf und Herminia Fernández.

Video
Politische Situation könne nicht verfahrener sein
Aus Tagesschau vom 03.02.2021.
abspielen

Tagesschau, 3.2.2021, 19.30 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jörg Kaufmann  (jka)
    Letzthin habe ich einen Film zu Venezuela gesehen, gehe davon aus, dass nicht geschwindelt wurde. Es ist Umweltzerstörung ersichtlich, die durch Misswirtschaft der Regierung entstand. Weiter gibt es so Revolutions-Apostel der Regierung, die in der Bevölkerung für Wahlen Stimmen für die Regierung kaufen: "Mit Speck fängt man Mäuse". Konträr, jene, die nicht mit dem System gehen, werden benachteiligt und verunglimpft.
    Mit so einem Regime einen Dialog zu führen wäre falsch. Es wird mal zerbrechen.
    1. Antwort von Mauro Schläpfer  (Statistician)
      Maduro ist ein Diktator, nur das erste Mal wurde er demokratisch gewählt. Ein Freund aus Venezuela wohnt zurzeit bei mir und einen solchen Kommentar wie Ihren versteht er wirklich nicht. Ich verstehe das aus schweizer Sicht die Umwelt prioritär ist, aber die Venezuelaner sterben, hungern, haben nichts ausser günstiges Benzin und Sie beziehen Ihre Kritik auf die Zerstörung der Umwelt...
  • Kommentar von Wolfgang Bortsch  (a2b3c4d5)
    Und noch etwas :
    Von internationalen Gangstern
    lassen wir uns nicht beleidigen !
    Have you a nice day !
  • Kommentar von Alexander Markert  (garantiert-trollfrei)
    Obwohl ich dafür bin, dass diese ewig gestrigen Kommunisten in Venezuela verschwinden, ist jemand wie Guaidó, der meiner Meinung nach offensichtlich ein Akteur der amerikanischen Geheimdienste ist, nicht der richtige Mann. Erschwerend kommt hinzu, dass Russland Maduro unterstützt.