Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Ein kompliziert verflochtenes Netz von Milizen beherrscht Libyen abspielen. Laufzeit 06:15 Minuten.
06:15 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.04.2019.
Inhalt

Krise ohne Ende «Die Libyer wollen endlich ein normales Leben führen»

Kurz vor neuen Friedensverhandlungen unter Leitung der UNO droht die Lage in Libyen zu eskalieren. Verantwortlich dafür ist der unberechenbare General Chalifa Haftar, wie die Libyen-Kennerin und Journalistin Astrid Frefel ausführt.

Astrid Frefel

Astrid Frefel

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die Journalistin Astrid Frefel lebt und arbeitet seit Ende der Neunzigerjahre in Kairo. Davor war die Ökonomin aus Basel Wirtschaftsjournalistin für verschiedene Zeitungen, später berichtete sie für den «Tages-Anzeiger» aus Wien und Istanbul.

SRF News: Steht in Libyen eine militärische Eskalation bevor?

Astrid Frefel: Es stehen tatsächlich alle Zeichen auf Eskalation. Die Lage ist sehr unübersichtlich und im Fluss. Viele der im Land aktiven Milizen ändern ständig ihre Loyalität – je nachdem, welcher Wind im Moment weht und wer sie gerade am besten bezahlt.

Ist General Haftar nicht an einer politischen Lösung interessiert?

Das weiss man nicht so genau. Vielleicht unternimmt er den aktuellen Vorstoss auf Tripolis, um die politische Lösung, die in den nächsten Tagen für das Land gefunden werden soll, zu hintertreiben.

Haftar – Herrscher über den Osten Libyens

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Haftar – Herrscher über den Osten Libyens

General Haftar war Offizier unter Muammar al-Gaddafi, wendete sich in der Revolution von 2011 aber gegen ihn. 2014 sagte er sich von der Regierung in Tripolis los und stellte in der Region von Benghasi im Osten des Landes eine eigene Armee auf. Haftar hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Tripolis zum Ziel hat. Er wolle die libysche Hauptstadt von Terroristen und Söldnern befreien, sagt er. Tatsächlich aber geht es ihm um Macht und Einfluss sowie um die Kontrolle über die Öl- und Gasvorkommen im Land.

Haftars Hauptgegnerin ist die Führung in Tripolis. Sie kann gegen ihn allerdings nicht viel unternehmen, weil sie in seinem Einflussbereich im Osten des Landes keine Autorität besitzt. Haftar ist ein gewiefter Taktiker, der nie mit offenen Karten spielt und immer wieder vorgibt, an einer politischen Lösung in Tripolis interessiert zu sein. Unklar ist auch, von welchen ausländischen Mächte er unterstützt wird. (frea)

Wurde die Stärke Haftars bislang unterschätzt?

Mit seinen Erfolgen im Süden Libyens sind auch Milizen im Westen des Landes auf seine Seite umgeschwenkt. Deshalb macht es jetzt den Anschein, als ob er einen schnellen militärischen Erfolg feiern könnte.

Kampferprobte Milizen aus Misrata sind auf dem Weg nach Tripolis.

Allerdings gibt es im Westen auch Milizen, die Haftars Truppen bekämpfen werden. Dazu gehören insbesondere die kampferprobten Verbände aus Misrata. Teile von ihnen befinden sich derzeit auf dem Weg nach Tripolis, um die dortigen Milizen gegen Haftar zu verstärken. Unklar ist auch, ob Haftar grünes Licht von arabischen Unterstützern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Ägyptens erhalten hat. Das zumindest vermuten seine Gegner in Tripolis.

Laut UNO-Generalsekretär Antonio Guterres – er befindet sich derzeit im Bürgerkriegsland – gibt es keine militärische Lösung für Libyen. Wie realistisch ist der diplomatische Weg?

Tausende Libyer haben sich in den letzten Monaten mit Konferenzen im ganzen Land am politischen Dialog beteiligt. Dabei kam klar zum Ausdruck, dass die Milizen von der Regierung in kontrollierte Sicherheitsstrukturen eingebunden werden müssen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung will eine politische Lösung. Nach den schwierigen Jahren des Bürgerkriegs will sie endlich ein normales Leben führen, in dem alle Libyer vom Reichtum des Landes profitieren könnten.

Es geht immer um Macht, Einfluss und Geld.

Welche Chance hat unter diesen Vorzeichen die nationale Konferenz zur Suche nach einer Lösung aus der Krise?

Sie ist letztlich wohl der Grund, warum Haftar jetzt handeln musste. Denn wenn es gelingt, die Konferenz erfolgreich durchzuführen, hat Haftar keine Rechtfertigung mehr, auf militärische Aktionen zu setzen.

Frauen demonstrieren.
Legende: Frauen in Tripolis protestieren gegen General Haftar. Sie wollen endlich ein normales Leben führen. Reuters

In Libyen herrscht seit dem Sturz von Machthaber Gaddafi im Jahr 2011 Bürgerkriegs-Chaos. Warum ist trotz aller internationalen Bemühungen keine Lösung in Sicht?

Die Milizen sind inzwischen über das ganze Land verstreut. Das Ganze ist ein äusserst kompliziert verflochtenes Netz mit unterschiedlichen Loyalitäten und Interessen. Immer geht es dabei um Macht, Einfluss und Geld. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist bislang nicht gelungen. Die für nächste Woche anberaumte Konferenz bildete einen kleinen Hoffnungsschimmer, der mit Haftars Offensive jetzt wieder zunichte gemacht werden könnte.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

Legende: Video Marsch auf Tripolis abspielen. Laufzeit 02:02 Minuten.
Aus Tagesschau vom 05.04.2019.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von kurt trionfini (kt)
    Geht in Ordnung: Die westlichen Interventionen während des Syrien Konflikt müssen hinterfragt werden. Was hat das eingreifen bewirkt? Wie kann "der Westen" in ähnlichen Situation besser reagieren - oder eben auch nicht? Geht nicht in Ordnung: Libyen unter Ghadaffi als "Hort des Friedens" oder als Land "mit einer guten Lebensqualität" zu verkaufen. Solche Behauptungen erkläre ich mir mit "Geo- Politisch" motivierter Realitätsveweigerung und schlechtem Erinnerungsvermögen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Was ist mit Saudi-Arabien und andere vom Westen unterstütze Golfstaaten? Ist es dort besser als es in Libyen unter Ghaddafi war? Eins sollte klar sein: wendet der Westen mil. Gewalt an, geht es nie um Menschenrechte, Freiheit, Demokratie und um die Bedürfnisse der Bevölkerung. Entsprechend das Resultat solcher Einsätze.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Sebastian Mallmann (mallmann)
      Sie verwechseln Frieden und funktionierendes Staatswesen mit Meinungsfreiheit. Und mit ihren "kritischen" Fragen an den Westen verharmlosen Sie dessen Interventionen, die mit vollem wirtschaftlichem Kalkül und nicht etwa aus humanitären Motiven durchgeführt werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von kurt trionfini (kt)
    Ich zitiere: "Die überwiegende Mehrheit der Libyer wollen eine politische Lösung". Herr Haftar scheint mehr am militärischen Sieg als an der politischen Auseinandersetzung interessiert. Manche Kommentarschreiber offensichtlich auch.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Sebastian Mallmann (mallmann)
    Warum nur muss ich bei fast jedem SRF-Bericht über Libyen zu den Kommentaren runterscrollen, bis ich die Ursache für dieses Desaster klar genannt bekomme?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen