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Krisenstaat in der Karibik Armut, marodierende Banden – und ein bisschen Hoffnung in Haiti

Eine internationale Eingreiftruppe soll die Banden in der Hauptstadt bekämpfen. Diese terrorisieren seit Jahren die Bevölkerung.

Haiti ist das ärmste Land Amerikas. Über die Hälfte der Bevölkerung hat laut einem Bericht der UNO nicht genügend zu essen. Zur humanitären Krise kommt die enorme Bandengewalt.

Allein im vergangenen Jahr wurden in Haiti 9000 Menschen getötet, Haiti hat damit eine der höchsten Mordraten der Welt. Der Staat hat die Kontrolle verloren – und auch eine von Kenia angeführte Polizeimission hat nicht die erwünschte Besserung gebracht.

Eingreiftruppe gegen Bandengewalt

Der UNO-Sicherheitsrat hat deshalb im Herbst beschlossen, eine internationale militärisch-polizeiliche Eingreiftruppe nach Haiti zu schicken. Diese hat ihre Mission inzwischen angetreten – laut der UNO mit ersten Erfolgen.

Person feuert Gewehr in dunklem Raum.
Legende: Die USA und Panama hatten die neue Eingreiftruppe vorgeschlagen, um von Kenia geführte multinationale Einheiten zu ersetzen, die unter mangelnder Finanzierung litten. Getty Images/Anadolu/Guerinault Louis

Der Journalist und Haiti-Kenner Toni Keppeler bestätigt, dass sich die Lage verbessert hat. Allerdings bleibt sie mehr als angespannt. «Zu den schlimmsten Zeiten wurde gesagt, dass 90 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince von den Banden kontrolliert werden – jetzt sind es nur noch 70 Prozent.»

Eingreiftruppe wird weiter aufgestockt

Es gibt also wieder so etwas wie Hoffnung im krisengeschüttelten Land. Was die Eingreiftruppe aber tatsächlich leisten kann, um Haiti zu stabilisieren, muss sich erst noch weisen.

Derzeit ist erst eine Art Vorabmission in Haiti aktiv, sie umfasst etwa 400 Mitglieder. Laut dem UNO-Sondergesandten Carlos Ruiz Massieu sollen es «zwischen Herbst und Jahresende» 5500 Militär- und Polizeikräfte sein. Truppen aus dem Tschad sind bereits in der Hauptstadt Port-au-Prince stationiert.

Mädchen hockt nachdenklich neben roter Wand.
Legende: Die anhaltende Bandengewalt hat eine Rekordzahl von mehr als 1.45 Millionen Menschen vertrieben – mehr als die Hälfte davon Kinder. Keystone/AP/ODELYN Joseph

«Die Menschen in Haiti haben viel zu lange viel zu viel ertragen müssen», sagte Jacques Christofides, der Sonderbeauftragte der Truppe. «Das Ausmass der Gewalt und Vertreibung ist einfach inakzeptabel.»

Die Menschen leben oder überleben von heute auf morgen.
Autor: Toni Keppeler Journalist und Haiti-Kenner

Banden haben seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 in seiner Privatresidenz an Macht gewonnen. Von der Hauptstadt aus haben sie ihre Aktivitäten, einschliesslich Plünderungen, Entführungen, sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen, auf weitere Landesteile ausgeweitet.

Die haitianische Polizei konnte zuletzt gemeinsam mit den internationalen Truppen Banden aus einigen Vierteln der Hauptstadt vertreiben. «Und es scheint so, dass sie in der Lage sind, diese auch zu halten», sagt Journalist Keppeler. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass Vertriebene wieder in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren können.

Raub und Erpressung als Überlebensstrategie

Trotz der jüngsten Erfolge: Die humanitäre Lage bleibt prekär, es fehlt an Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe für Notleidende. «Die Menschen leben oder überleben von heute auf morgen», berichtet Keppeler.

Menschen gehen durch eine von Müll gesäumte Strasse in einer Stadt.
Legende: Durch den Krieg gegen den Iran und den damit verbundenen Anstieg der Benzinpreise ist die Lage noch schlimmer geworden. Denn damit verteuern sich auch die Lebensmittel. Getty Images/Anadolu/Guerinault Louis

Den Banden verschafft das Elend weiter Zulauf. «Man kann sehr schnell sterben, wenn man in ein Gefecht mit der Polizei gerät», schliesst Keppeler. «Aber solange man lebt, kann man sich und seine Familie durch Raub und Erpressung ernähren.»

Hoffen auf eine bessere Zukunft

Nun sollen die Sicherheitskräfte die Gewaltherrschaft der Banden beenden. Die stellvertretende US-Botschafterin Jennifer Locetta teilte vor dem UNO-Sicherheitsrat mit, dass die Operationen zur Bekämpfung der Banden messbare, aber fragile Fortschritte gezeigt hätten.

«Wir messen den Erfolg nicht daran, was internationale Kräfte in Haiti erreichen können», sagte sie. «Wir messen den Erfolg daran, wie schnell Haiti sie nicht mehr brauchen wird.»

Echo der Zeit, 24.04.2026, 18 Uhr ; 

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