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Der russische Leviathan ist zurück
Aus Echo der Zeit vom 02.01.2020.
abspielen. Laufzeit 05:18 Minuten.
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Kritik an der Heimat Der russische Staat – «das alles verschlingende Ungeheuer»

Ein russischer Politologe blickt mit kritischem Auge auf sein Heimatland. Dieses falle gerade zurück in alte Muster.

Russland hat ein unruhiges Jahr erlebt: Tausende Bürgerinnen und Bürger demonstrierten in Moskau für freie Wahlen – und der Staat schlug zurück. Es kam zu Festnahmen und Hausdurchsuchungen, zahlreiche Aktivisten wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Politologe Sergej Medwedew glaubt, dass sich diese jüngste Repressionswelle in eine grössere Entwicklung einreiht. Der «Leviathan» sei zurück.

Das Seeungeheuer als Metapher

Der «Leviathan» – ein Seeungeheuer aus der Mythologie – steht als Metapher für den absolutistischen Staat. Die Metapher geht zurück auf den englischen Philosophen Thomas Hobbes, der den Staat im 17. Jahrhundert als «Leviathan» bezeichnet hat. Ein Ungeheuer, dem der einzelne Mensch nichts entgegenzusetzen hat.

Illustration Leviathan
Legende: Das Seeungeheuer Leviathan stammt aus der jüdisch-christlichen Mythologie. Heute steht er sinnbildlich für Allmacht. Gustave Doré

Jetzt, über 350 Jahre später, treibt dieser «Leviathan» in Russland sein Unwesen. Das die These von Sergej Medwedew. Er ist Professor und Publizist und einer der kritischsten Gesellschaftsanalytiker Russlands. «Wir haben es diesen Sommer gesehen», meint er, «der Leviathan hat seine Macht auf den Strassen Moskaus gezeigt und auch in den Gerichtssälen ist er zu spüren gewesen. Angeklagte wurden in Rekordzeit verurteilt.»

Der Staat über allem

Der russische Staat habe zu seiner traditionellen Rolle zurückgefunden, wie er sie bis vor dem Ende der Sowjetunion ausgeübt hatte. «Es beginnt schon damit, wie in Russland die eigene Geschichte gesehen wird», meint Medwedew. Es sei stets die Geschichte des Staates und nicht etwa jene der Menschen oder des Territoriums.

Porträt Sergej Medwedew
Legende: Der russische Politologe Sergej Medwedew zählt zu den kritischsten Gesellschaftsanalytikern des Landes. SRF/David Nauer

Der Staat also steht im Mittelpunkt des russischen Denkens. Und dieser Staat hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Er kollabierte 1917, als die Kommunisten die Macht übernahmen; er kollabierte 1991, als die Sowjetunion zerbrach. «Viele Historiker haben erkannt, dass die Geschichte des russischen Staates in Zyklen verläuft», sagt Medwedew «Phasen der Schwäche wechseln sich ab mit Phasen der Stärke.»

Der Zar, Stalin und jetzt Putin

Zar Nikolaus der I. oder Sowjetdiktator Stalin waren Herrscher, unter denen der Staat erstarkte. In den 90er-Jahren befand sich Russland in einer Übergangsphase. Es gab Freiheit, aber auch Chaos. Viele Russinnen und Russen sehnten sich nach einer ordnenden Hand, einem Leviathan – der zwar Unterwerfung fordert, aber eine gewisse Sicherheit garantiert. Präsident Putin hat geliefert. Russland ist heute viel stabiler als vor 20 Jahren, aber es ist eine bleierne Ordnung ohne Freiheit.

Medwedew zählt auf: «Putin ist Alleinherrscher, die anderen Institutionen wie das Parlament und die restliche Regierung sind reine Dekoration. Dann kontrolliert der Staat einen Grossteil der Wirtschaft, selbst formal private Firmen stehen unter dem Einfluss von Beamten. Zuletzt ist die unabhängige Zivilgesellschaft weitgehend eliminiert worden.»

Düstere Analyse mit spöttischem Unterton

Wenn es doch Proteste gibt, dann greife der Leviathan zum Gummiknüppel. Die Repression funktioniere, sagt Medwedew. «Die Leute haben Angst. Unter diesen Umständen wird es in Russland nicht zu grossen Protesten kommen.»

Protestierende wird von Polizisten festgehalten
Legende: Bei den Moskauer Regionalwahlen im vergangenen Sommer griffen Polizisten regierungskritischen Protesten brutal durch. Reuters

Medwedews Analyse ist düster. Sein Buch allerdings liest sich stellenweise auch heiter. Der Professor beschreibt mit beissendem Spott einen hohen Regierungsbeamten, der von Militärbasen auf dem Mond träumt – und ein Russland, das in der irdischen Welt nicht einmal in der Lage ist, seine Strassen einigermassen im Schuss zu halten. Es ist die Charakterstudie eines Leviathans, der an Grössenwahn und Realitätsverlust leidet – gleichzeitig aber seine Macht abgesichert hat.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von H. Wach  (H. Wach)
    Seit 1547 ist Russland durch den 1.Zaren Iwan IV (der Schreckliche) durch Eroberungen dieses Riesenreich entstanden. Seit 500 Jahren ist dieser Staat mit über 100 Volksgruppen nachweislich nur mit autoritärer Macht beherrschbar. Historiker u. Politologen, die dieses Land kennen, sehen bis heute keinen Lösungsansatz wie man je diesen Vielvölkerstaat mit über 17 Mio. qkm u. einer Bevölkerungsdichte von gerade mal 8 Einw./qkm mit gigantischen Bodenschätzen in unbew. Gebieten demokr. regieren kann.
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  • Kommentar von H. Wach  (H. Wach)
    Seit 1547 ist Russland durch den 1.Zaren Iwan IV (der Schreckliche) durch Eroberungen dieses Riesenreich entstanden. Seit 500 Jahren ist dieser Staat mit über 100 Volksgruppen nachweislich nur mit autoritärer Macht beherrschbar. Historiker u. Politologen, die dieses Land kennen, sehen bis heute keinen Lösungsansatz wie man je diesen Vielvölkerstaat mit über 17 Mio. qkm u. einer Bevölkerungsdichte von gerade mal 8 Einw./qkm mit gigantischen Bodenschätzen in unbew. Gebieten demokr. regieren kann.
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  • Kommentar von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
    Abgesehen davon, wie man zu der Einschätzungen von Herrn Nauer und Herrn Medvedev steht, ist es für eine Diktatur, wie sie in dem Artikel beschrieben wird, dann ja doch erstaunlich, dass westliche Journalisten, die derartiges schreiben, noch in Moskau akkreditiert sind. Denn den Vergleich mit Levithian (ausgerechnet!) und diesen lächerlich reisserischen Titel finde ich schon arg überzogen.
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