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Legende: Audio Sicherheitskräfte und Checkpoints prägen das Bild in Colombo abspielen. Laufzeit 05:11 Minuten.
05:11 min, aus SRF 4 News aktuell vom 30.04.2019.
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Lage in Sri Lanka «Es liegt eine Spannung in der Luft»

Die Lage in Colombo sei ruhig, aber angespannt, sagt SRF-Korrespondent Thomas Gutersohn. Sorgen bereitet ihm der anstehende Wahlkampf: Die Parteien könnten versucht sein, mit den Attentaten Politik zu machen und die Menschen gegeneinander aufzuhetzen.

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Indien- und Südasien-Korrespondent, SRF

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Thomas Gutersohn lebt seit 2016 im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien. Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert.

SRF News: Sie befinden sich derzeit in Colombo. Wie erleben Sie die Hauptstadt Sri Lankas eine gute Woche nach den verheerenden Terroranschlägen?

Thomas Gutersohn: Es gibt viele Sicherheitskräfte und Checkpoints. Zwar wurde am Sonntag die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben, trotzdem sieht man abends nur wenige Menschen in den Strassen. Offenbar trauen sie der Ruhe nicht so recht. Dies wohl auch, weil täglich neue Behördenwarnungen vor weiteren Anschlägen publik werden. Auch wenn sich diese dann nicht bewahrheiten, tragen sie dazu bei, dass sich die Menschen unsicher fühlen. Entsprechend angespannt ist derzeit die Ruhe in Colombo.

An einigen Orten ist es zu Angriffen auf Muslime oder Ausschreitungen gekommen.

Stehen die Muslime in Sri Lanka unter Generalverdacht, weil die Attentate von Muslimen verübt wurden?

Die meisten Menschen in Sri Lanka unterscheiden immer noch zwischen Islamisten und Muslimen. Allerdings kam es in den vergangenen Tagen an einzelnen Orten zu Angriffen auf Muslime oder zu Ausschreitungen. Entsprechend sind die Geschäfte der Muslime derzeit geschlossen. Sie befürchten, dass sich die Angriffe ausweiten könnten.

Richtet sich das seit Montag geltende Verhüllungsverbot vor allem gegen Musliminnen?

Die Massnahme ist Teil der Notstandsgesetze und soll vordergründig die Kontrolle von verdächtigen Personen erleichtern. Verschiedene muslimische Kleriker haben ihre Gemeinschaft dazu aufgerufen, in nächster Zeit auf den Gesichtsschleier zu verzichten. Man muss sich dabei bewusst sein, dass die Muslime in Sri Lanka nur gerade sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen. Entsprechend wenige muslimische Frauen mit Gesichtsschleiern sieht man in der Öffentlichkeit. Trotzdem wurden die Notstandsgesetze als Massnahme gegen Terrorismus verkündet – es scheint, damit werde auf Kosten der Musliminnen im Land Politik gemacht.

Die Terroranschläge stellen den sozialen Frieden in Sri Lanka auf den Prüfstand.

Sri Lanka hat in der Vergangenheit stark unter ethnischen und religiösen Spannungen gelitten. Werden diese Wunden nun wieder aufgerissen?

Es ist wohl noch zu früh, dies zu beurteilen. Allerdings liegt eine spürbare Spannung in der Luft. In der Vergangenheit ging die Gewalt meist von buddhistischen Mönchen aus, welche gegen die Minderheiten der Christen und Muslime vorgingen. Auch ist der Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilen erst vor zehn Jahren beendet worden. Noch sind viele Wunden nicht verheilt. Die Terroranschläge von Ostern werden den sozialen Frieden in Sri Lanka deshalb sicher auf den Prüfstand stellen.

Zehntausende Tote im Bürgerkrieg

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Zehntausende Tote im Bürgerkrieg

Im sri-lankischen Bürgerkrieg kämpften ab 1983 tamilische Separatisten mit Gewalt für einen unabhängigen Staat im Norden und Osten der Insel. Der Konflikt endete 2009 mit einem militärischen Sieg der sri-lankischen Regierungstruppen über die tamilischen Kämpfer der sogenannten Befreiungstiger von Tamil Eelam. Im 26 Jahre dauernden Bürgerkrieg starben bis zu 100'000 Menschen. Zehntausende Tamilen flüchteten vor den kriegerischen Ereignissen ins Ausland, darunter auch in die Schweiz.

Ist sich die Politik dessen bewusst?

Man ist sich dessen sehr bewusst. Die politischen Parteien sind im anstehenden Wahlkampf denn auch versucht, die Wunden aufzureissen und damit Politik zu machen – allen voran die Opposition des früheren Machthabers Mahinda Rajapaksa. Er verweist darauf, es brauche nun wieder einen starken Mann wie ihn, schliesslich habe er damals den Bürgerkrieg beendet. Ob diese Rhetorik tatsächlich verfängt, wird man bei den Wahlen Ende Jahr sehen.

Das Gespräch führte Teresa Delgado.

Legende: Video Aus dem Archiv: 15 Tote bei Anti-Terror-Razzia in Sri Lanka abspielen. Laufzeit 02:18 Minuten.
Aus Tagesschau vom 27.04.2019.
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4 Kommentare

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  • Kommentar von R. Raphael (R.Raphael)
    Die Medien haben nie begriffen, dass sie mit solchen Artikeln dem ohnehin gebeutelten Land noch mehr schaden zufügen. Als Hotelbesitzer in Sri Lanka weiss ich von was ich schreibe. Totale Hysterie bei den Touristen und Absagen, obwohl sich die Lage längst beruhigt hat und kein Grund mehr besteht nicht dorthin zu reisen. Oder soll man etwa auch nicht nach Barcelona, Paris, London, Griechenland oder Irland reisen? Dort hat es nämlich mehrmals gekracht....
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  • Kommentar von Haller Hans (H.Haller)
    Diese Aussage ist nun wirklich sehr fraglich und bedarf einer Ueberprüfung. "In der Vergangenheit ging die Gewalt meist von buddhistischen Mönchen aus, welche gegen die Minderheiten der Christen und Muslime vorgingen." - So etwas ist für Buddisten nämlich sehr, sehr ungewöhnlich, sogar sehr unwahrscheinlich. Für mich jedenfalls, inmitten von Buddisten lebend sogar ziemlich unwahrscheinlich. - SRF bitte überprüfen Sie das mal genauer. Da kann etwas nicht stimmen.
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    1. Antwort von SRF News
      Gewalt, die von buddhistischen Mönchen ausgeht, gibt es nicht nur in Sri Lanka, sondern etwa auch in Burma. Das SRF hat bereits öfter darüber berichtet:
      https://www.srf.ch/news/international/das-andere-gesicht-des-buddhismus

      https://m.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/moenche-im-krieg-gewalt-im-namen-buddhas

      https://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-religion/gewalt-im-namen-des-wahren-glaubens
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    2. Antwort von Thomas Gutersohn
      Es gab in der Tat Übergriffe radikaler buddhistischer Mönche auf religiöse Minderheiten in Sri Lanka. Etwa in Aluthgama 2014 oder in der Nähe von Kandy 2017 gegen Muslime. Nach letzteren wurde der Notstand ausgerufen. Nach der sri-lankischen National Christian Evangelical Organisation hat die Gewalt radikaler Buddhisten gegen Christen gerade letztes Jahr stark zugenommen. Sie spricht von rund 70 Übergriffen. Wie in vielen Ländern kommt es auch in Sri Lanka seit Jahren zu gewalttätigen Übergriffen auf Minderheiten. In Sri Lanka ist die Mehrheitsreligion der Buddhismus mit 70%.
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