US-Präsident Donald Trump hat eine Verlängerung der zehntägigen Waffenruhe zwischen Israel und Libanon verkündet. Diese Ankündigung verkennt die komplexe Realität des Staates Libanon. Es gibt keine Kampfhandlungen zwischen der libanesischen Armee und Israel. Also kann es auch keine Waffenruhe zwischen Libanon und Israel geben. Krieg führen die mit dem Iran verbündete Hisbollah und Israel. Und die Hisbollah war nicht an den Verhandlungen über eine Waffenruhe oder gar ein Ende des Krieges beteiligt.
Seit Jahrzehnten sind libanesische Regierungen und die Armee des Landes zu schwach, um die Hisbollah zu entwaffnen. Trumps Verkündung einer Waffenruhe ist deshalb mehr Wunschdenken als Realität. Ausserdem gibt der US-Präsident widersprüchliche Signale: Er verkündet einerseits eine Waffenruhe zwischen Libanon und Israel, gleichzeitig schickt er einen dritten Flugzeugträger in den Nahen Osten. Das könnte darauf hindeuten, dass der Krieg mit dem Iran fortgesetzt wird. Geht der Krieg mit dem Iran weiter, dann wird die mit dem Iran verbündete Hisbollah eingreifen.
Israel besetzt den Süden Libanons
Libanons Premier Nawaf Salam versucht Trump auf eine bittere Realität hinzuweisen: Israels Armee besetzt faktisch den Süden des Landes, und hat mehr als eine Million Menschen aus dem Südlibanon und dem Süden der Hauptstadt Beirut vertrieben. Diese Menschen leben jetzt in Notunterkünften oder auf der Strasse. Sie müssen zuschauen, wie die israelische Armee ihre Dörfer und Häuser dem Erdboden gleichmacht, und haben keine Perspektive auf Rückkehr.
Libanons Premier drängt Trump dazu, mehr Druck auf Israel zu machen: Zieht sich die israelische Armee nicht aus dem Südlibanon zurück, kann die Hisbollah auf die libanesische Armee zeigen, die dagegen machtlos ist. Damit festigt sie ihr Image als einzige Armee, welche Libanon gegen Israel verteidigen kann.
Israel pocht – mit Unterstützung der USA – auf sein Selbstverteidigungsrecht, aber das ändert nichts daran, dass die Menschen im Libanon Israels Präsenz im Süden des Landes als Verletzung ihrer nationalen Souveränität empfinden, und die Vertriebenen nicht zurückkehren können.
Waffenruhe ist kaum von Dauer
Unter diesen Umständen wird eine Waffenruhe kaum von Dauer sein. An Verhandlungen mit der Hisbollah führt kein Weg vorbei. Das zeigt ein Blick in den Gazastreifen, wo die Hamas auch nach dem israelischen Abwurf von schätzungsweise über zweihunderttausend Tonnen Sprengstoff in zwei Jahren noch immer nicht entwaffnet ist.