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Krieg im Nahen Osten Schock im Libanon nach israelischen Angriffen

Hundert Ziele hat die israelische Armee am Mittwoch innert zehn Minuten angegriffen – über 182 Menschen wurden getötet.

Soha Kanj lebt im schiitischen Stadtviertel Shiah von Beirut, das direkt ans christliche Ain-al-Remmaneh grenzt. Die schiitische Muslimin setzt sich seit Jahren zusammen mit ihren christlichen Nachbarinnen für den Frieden im Libanon ein.

100 Angriffe innert zehn Minuten

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Rettungskräfte gehen vor einem zerstörten Gebäude.
Legende: Reuters/Mohamed Azakir

Innerhalb von nur zehn Minuten hat die israelische Armee am Mittwoch 100 Ziele in der libanesischen Hauptstadt Beirut angegriffen. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden dabei mindestens 182 Menschen getötet.

Die Luftangriffe auf Beirut – nach Verkündung der Waffenruhe der USA und Israel mit dem Iran –  trafen nicht nur die schiitisch geprägten Vororte, die als Hochburgen der schiitischen Hisbollah-Miliz gelten. Es wuden Quartiere in der ganzen Stadt von Bomben getroffen. Die Heftigkeit der Offensive hat weltweit für Bestürzung und Kritik gesorgt.

Am Morgen nach den heftigen israelischen Luftangriffen schickt sie diese Sprachnachricht: «Gottseidank, uns geht es gut», sagt sie. «Wobei: Eigentlich geht es niemandem gut.» Sie sei gestern rechtzeitig aus Beirut geflohen.

Es ist unsäglich, was mit dem Libanon passiert.
Autor: Soha Kanj Shiitiche Muslimin, lebt in Beirut

«Sie bombardierten ganz in der Nähe meines Hauses – nur etwa 200 Meter entfernt. Gott hat uns gerettet. Hoffentlich ist dieser Krieg jetzt fertig.» Soha Kanj spricht von einer grossen Ungewissheit, die den Libanon plage. «Wir wissen nicht, wohin wir steuern. Betet für uns, und sorgt dafür, dass unsere Stimmen gehört werden. Es ist unsäglich, was mit dem Libanon passiert.»

Grosse Zerstörung in der Nähe

Sie schickt Bilder, welche die Zerstörung unweit ihres Hauses zeigen, in der Wohnung ihrer Freundin Mariam. Das Gebäude sei eingestürzt, im Erdgeschoss habe es eine Apotheke gegeben, die verbilligte Medikamente an intern Vertriebene verkaufte.

«Das ist ein Verbrechen. So viele wurden getötet, auch Ärzte, und viele Unschuldige, die einen solchen Tod nicht verdient haben», sagt die hörbar erschütterte Mutter.

Hunderttausende im eigenen Land auf der Flucht

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Hunderttausende im Libanon sind im Zuge des neusten Kriegs zu Vertriebenen im eigenen Land geworden. Eine Million Menschen, die meisten von ihnen Schiiten, sind aus ihren Häusern im Süden des Libanon und in den südlichen Stadtteilen von Beirut weggebombt worden. Die israelische Armee hat auch Brücken zerstört, an eine schnelle Rückkehr ist nicht zu denken.

Die Menschen auf der Flucht müssen irgendwo Unterschlupf finden, oft in Quartieren anderer Konfessionen. Doch fast niemand gibt ihnen einen Mietvertrag oder ein Hotelzimmer. Denn die Geflüchteten könnten von Israel als Hisbollah-Sympathisanten oder -Mitglieder gehalten werden. In diesem Fall würden Haus oder Hotel womöglich ebenfalls zerstört. Israel hat sogar dazu aufgerufen, dass Christen und Drusen im Südlibanon bleiben dürfen, aber nur, wenn sie schiitische Geflüchtete vertreiben.

Die Konsequenz: Über 100'000 Menschen sind in Notunterkünften untergekommen, andere wohnen jetzt in ihren Autos oder campieren am Strand und auf den Strassen. Die grosse Mehrheit von ihnen sind wieder die Schiiten, die jetzt zusätzlich durch die Vertreibung stigmatisiert werden – ohne eine Perspektive, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. (Thomas Gutersohn)

Israel begründet seine Angriffe damit, dass Hisbollah-Kämpfer sich jetzt ausserhalb der schiitisch geprägten südlichen Vororte Beiruts positionierten.

Gefangen zwischen zwei üblen Mächten 

In Jdeide, einem nördlichen Vorort, lebt Jean, ein christlicher Unternehmer um die Vierzig. Die Menschheit bewege sich rückwärts, sagt er. Und der Libanon sei zwischen zwei üblen Mächten gefangen. Auf der einen Seite Israel, auf der anderen Seite der Iran und die Hisbollah, die einander willkürlich bekämpften.

Wir wurden in einen Krieg gezogen, den wir nicht wollen.
Autor: Jean Christ und Unternehmer

Die Libanesen stünden dazwischen und seien hilflos. «Wir fühlen uns wie Geiseln,» sagt Jean: «Wir wurden in einen Krieg gezogen, den wir nicht wollen.»

Erschütterung und Wut

Auch Rana Eid ist die Erschütterung anzuhören:  Noch immer seien sie alle schockiert, sie funktioniere noch nicht richtig, sagt die 50-jährige Sound-Designerin aus Beirut per Sprachnachricht. In die Erschütterung mischt sich Wut: «Sie haben meine Stadt gestern erneut zerstört.»

Eid hat als Kind den libanesischen Bürgerkrieg und die Einnahme Beiruts durch israelische Truppen miterlebt.  Sie ist keine Unterstützerin der Hisbollah. Als säkulare Kulturschaffende kann sie mit der schiitischen Miliz und ganz generell mit islamistischen Gruppierungen nichts anfangen. Doch heute beklagt sie die Doppelmoral des Westens.

Was passiert sei, sei inakzeptabel. Die internationale Gemeinschaft müsse etwas unternehmen. «Wir sprechen immer über die Hisbollah, über Hamas und den Iran. Doch es gibt einen religiösen Staat, einen kriminellen Staat namens Israel», sagt Eid. Man müsse die Dinge beim Namen nennen.

Echo der Zeit, 9.4.2026, 18:00 Uhr

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