Soha Kanj lebt im schiitischen Stadtviertel Shiah von Beirut, das direkt ans christliche Ain-al-Remmaneh grenzt. Die schiitische Muslimin setzt sich seit Jahren zusammen mit ihren christlichen Nachbarinnen für den Frieden im Libanon ein.
Am Morgen nach den heftigen israelischen Luftangriffen schickt sie diese Sprachnachricht: «Gottseidank, uns geht es gut», sagt sie. «Wobei: Eigentlich geht es niemandem gut.» Sie sei gestern rechtzeitig aus Beirut geflohen.
Es ist unsäglich, was mit dem Libanon passiert.
«Sie bombardierten ganz in der Nähe meines Hauses – nur etwa 200 Meter entfernt. Gott hat uns gerettet. Hoffentlich ist dieser Krieg jetzt fertig.» Soha Kanj spricht von einer grossen Ungewissheit, die den Libanon plage. «Wir wissen nicht, wohin wir steuern. Betet für uns, und sorgt dafür, dass unsere Stimmen gehört werden. Es ist unsäglich, was mit dem Libanon passiert.»
Grosse Zerstörung in der Nähe
Sie schickt Bilder, welche die Zerstörung unweit ihres Hauses zeigen, in der Wohnung ihrer Freundin Mariam. Das Gebäude sei eingestürzt, im Erdgeschoss habe es eine Apotheke gegeben, die verbilligte Medikamente an intern Vertriebene verkaufte.
«Das ist ein Verbrechen. So viele wurden getötet, auch Ärzte, und viele Unschuldige, die einen solchen Tod nicht verdient haben», sagt die hörbar erschütterte Mutter.
Israel begründet seine Angriffe damit, dass Hisbollah-Kämpfer sich jetzt ausserhalb der schiitisch geprägten südlichen Vororte Beiruts positionierten.
Gefangen zwischen zwei üblen Mächten
In Jdeide, einem nördlichen Vorort, lebt Jean, ein christlicher Unternehmer um die Vierzig. Die Menschheit bewege sich rückwärts, sagt er. Und der Libanon sei zwischen zwei üblen Mächten gefangen. Auf der einen Seite Israel, auf der anderen Seite der Iran und die Hisbollah, die einander willkürlich bekämpften.
Wir wurden in einen Krieg gezogen, den wir nicht wollen.
Die Libanesen stünden dazwischen und seien hilflos. «Wir fühlen uns wie Geiseln,» sagt Jean: «Wir wurden in einen Krieg gezogen, den wir nicht wollen.»
Erschütterung und Wut
Auch Rana Eid ist die Erschütterung anzuhören: Noch immer seien sie alle schockiert, sie funktioniere noch nicht richtig, sagt die 50-jährige Sound-Designerin aus Beirut per Sprachnachricht. In die Erschütterung mischt sich Wut: «Sie haben meine Stadt gestern erneut zerstört.»
Eid hat als Kind den libanesischen Bürgerkrieg und die Einnahme Beiruts durch israelische Truppen miterlebt. Sie ist keine Unterstützerin der Hisbollah. Als säkulare Kulturschaffende kann sie mit der schiitischen Miliz und ganz generell mit islamistischen Gruppierungen nichts anfangen. Doch heute beklagt sie die Doppelmoral des Westens.
Was passiert sei, sei inakzeptabel. Die internationale Gemeinschaft müsse etwas unternehmen. «Wir sprechen immer über die Hisbollah, über Hamas und den Iran. Doch es gibt einen religiösen Staat, einen kriminellen Staat namens Israel», sagt Eid. Man müsse die Dinge beim Namen nennen.