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Krieg im Libanon Nahost-Experte: «Die Hisbollah agiert aus zivilen Gebieten»

Israel fliegt die heftigsten Angriffe seit Kriegsbeginn gegen die Hisbollah, will aber gleichzeitig mit dem Libanon verhandeln. Der Nahost-Experte Richard C. Schneider ordnet die Lage ein.

Richard C. Schneider

Journalist und Autor

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Seit vielen Jahrzehnten berichtet der NZZ-Autor sowie frühere ARD-Korrespondent und «Spiegel»-Bestsellerautor Richard C. Schneider über Israel und die gesamte Region.

SRF News: Israel will plötzlich mit dem Libanon verhandeln. Wie ist das einzuordnen?

Richard C. Schneider: Das ist positiv und klar von den USA angestossen. Im Libanon wächst der Widerstand gegen die Hisbollah, weil die Menschen sehen, dass diese Organisation nur Tod und Katastrophe bringt. Die Hisbollah wurde geschwächt und die Regierung in Beirut signalisiert schon länger Gesprächsbereitschaft.

Zerstörtes Gebäude mit Trümmern und Menschen.
Legende: Rettungskräfte durchsuchen die Trümmer eines Hochhauses in Beirut nach den israelischen Grossangriffen am Mittwoch. Imago/ZUMA Press Wire/Sally Hayden

Gleichzeitig führt Israel die heftigsten Angriffe seit Kriegsbeginn. Warum ist dieser Krieg für Israel so wichtig?

Man muss verstehen: Die Hisbollah hat nach dem 7. Oktober 2023 von sich aus Israel angegriffen, um eine zweite Front zu eröffnen. Der Norden Israels wird seither fast täglich beschossen, was zur Evakuierung von 80'000 Menschen führte. Auch dort sind Städte massiv zerstört. Die israelische Bevölkerung verlangt von ihrer Regierung, dass sie für Sicherheit sorgt, damit die Menschen nach Hause zurückkehren können. Zudem zielen auch die Raketen der Hisbollah überwiegend auf zivile Einrichtungen in Israel.

Die jüngsten Angriffe gegen Libanon mit über 300 Toten haben weltweit für Bestürzung gesorgt. Ist diese Brutalität von Israel nicht unverhältnismässig?

Das ist ein grosses moralisches Dilemma. Man muss aber auch die Taktik der Hisbollah sehen: Sie agiert bewusst aus zivilen Gebieten heraus, um den Angreifer in ein schlechtes Licht zu rücken. Wir wissen aus früheren Kriegen, dass Raketen in Wohnzimmern von Zivilisten platziert oder Kommandozentralen in Wohnhäusern untergebracht wurden. Die Menschen werden dazu gezwungen. Das ist eine klassische Taktik solcher Organisationen und eine Tragödie für die Zivilbevölkerung, die dazwischen gerät.

Premierminister Netanjahu spricht vom «totalen Sieg» über die Hisbollah. Ist das realistisch?

Nein. Netanjahu redet vom totalen Sieg, aber er hat ihn nirgendwo erreicht. Die Hamas ist noch da, die Hisbollah hat sich schnell wieder aufgebaut. Selbst der israelische Generalstab sagt, man könne die Hisbollah nicht komplett entwaffnen. Ein solcher Krieg wäre für die Zivilbevölkerung zu verheerend. Was man realistisch erreichen kann, ist, sie so zu schwächen, dass für einige Jahre Ruhe ist.

Jetzt verhandeln die USA mit dem Iran in Pakistan. Was bedeutet das für Israels Kampf gegen die Hisbollah?

Das wird für Israel ein sehr kompliziertes Gespräch mit den Amerikanern. Wenn Israel sich an den eigenen Grenzen nicht mehr frei entscheiden kann, wie es vorgeht, und von aussen bestimmt wird, was es darf, wäre das für die Hisbollah ein grosser Sieg. Es wäre ein Freibrief dafür, sich ungeniert wieder aufzurüsten in unmittelbarer Nähe zu Israel.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 10.04.2026, 13:00 Uhr ; 

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