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Demonstrationen gegen Chancenlosigkeit in Chile
Aus Echo der Zeit vom 22.10.2019.
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Massenproteste in Chile Ein Volk wehrt sich gegen die Elite

Ausnahmezustand, Militär auf den Strassen, nächtliche Ausgangssperre in sieben Landesteilen: Auch in der Nacht auf Dienstag kam es in Chile wieder zu Zusammenstössen und Plünderungen. Die Unruhen forderten bislang 15 Tote. Die breiten Proteste richten sich nicht gegen das ultraliberale Wirtschaftsmodell an sich, sondern gegen seine Auswüchse.

Extreme Einkommensungleichheit

Im Mittelpunkt der Krise stehen Jahrzehnte alte, unerfüllte Forderungen der Gesellschaft, die extreme Einkommensungleichheit zu überwinden. In dieser Hinsicht ist Chile das Schlusslicht in Lateinamerika.

Ein einziges Prozent der 17 Millionen-Bevölkerung kontrolliert 26 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Dagegen kommen die ärmsten 50 Prozent der Haushalte auf einen BIP-Anteil von bloss 2.1 Prozent.

Es gibt einen abgrundtiefen Graben zwischen der reichen Elite und der breiten Masse. Und in der Praxis heisst das: Miserable Löhne, miserable Altersvorsorge und überteuerte öffentliche Tarife.

Die U-Bahn von Santiago ist ein gutes Beispiel dafür. Sie ist die teuerste in Lateinamerika; die Fahrt kostet über einen Franken. Wer den Mindestlohn von umgerechnet 400 Franken bezieht, wendet allein fürs Pendeln zwischen 20 und 30 Prozent des Einkommens auf.

«Die Leute müssen halt früher aufstehen»

Derselbe Graben existiert zwischen der Politik und der Gesellschaft. Die Institutionen sind diskreditiert, vor allem den jungen Jahrgängen ist das Wählen zuwider. Die aus dem Land- und Finanzadel hervorgegangene Elite setzt politisch ihre Eigeninteressen um und hat keinerlei Bodenhaftung. So sagte der Arbeitsminister nach der inzwischen zurückgenommen U-Bahn – Tariferhöhung: «Die Leute müssen halt früher aufstehen, dann kriegen sie ein verbilligtes Ticket».

Der chilenische Politologe Patricio Navia erklärt den Hintergrund der Proteste und Unruhen folgendermassen: «Die Menschen lehnen das ultraliberale Wirtschaftsmodell mit vollprivatisierten öffentlichen Dienstleistungen nicht grundsätzlich ab. Aber sie wollen gleich lange Spiesse wie die Elite, um sich behaupten zu können».

Elite sichert sich Fortbestand

Reformen zur Eindämmung der Auswüchse des chilenischen Modells waren in den letzten 29 Jahren meist kosmetischer Natur. Die Elite sichert ihren Fortbestand, indem sie den Nachwuchs über Privatschulen an die besten Universitäten schickt.

Video
Unruhen in Chile (unkomm.)
Aus News-Clip vom 22.10.2019.
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Der Nachwuchs der grossen Masse muss hingegen mit der schlechten öffentlichen Bildung Vorlieb nehmen und scheitert an den Zulassungsprüfungen der Unis. Berufsbildung wie in der Schweiz ist in Chile unbekannt.

Hunderttausende von jungen Leuten sind in der Gesellschaft praktisch überzählig und stehen ohne jegliche Perspektiven auf Prosperität da. Die irrationale Gewalttätigkeit, Plünderungen und Brandschatzung dürften auch damit zu tun haben.

Ulrich Achermann

Ulrich Achermann

Südamerika-Korrespondent, SRF

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Ulrich Achermann ist seit 2003 SRF-Korrespondent und berichtet über alle Länder Südamerikas. Er lebt in Santiago de Chile.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Beutler  (Peter Beutler)
    Chile ist neoliberal geknechtet. War es auch während diversen sozialistischen Präsidentschaften. Der Übergang zur Demokratie nach der blutigen, rechtsextremen Militärdiktatur Pinochets von 1973 bis 1990 ging ohne Blutvergiessen vonstatten, mit dem Preis, dass die Verbrechen der Militärs nicht geahndet wurden, notwendige soziale Reformen auf der Strecke blieben. Der derzeitige neoliberale Präsident wollte das Rad zurückdrehen. Nun erhebt sich das Volk gegen den Raubtierkapitalismus.
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  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    Solche mediale "Analysen" über von sozialistische Regimes gelenkte Staaten haben absoluten Seltenheitswert, obwohl bei diesen neben einer mindestens so schlimmen Ungleichheit auch noch massive Korruption des Regierungsapparats dazukommt. An Beispielen seien nur Nicaragua oder Venezuela genannt.
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    1. Antwort von Martina Degonda  (mardeg)
      Seit wann wird Chile sozialistisch regiert?
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  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Genau so wie Hr Buchmann schreibt
    Viele Chilenen zählen
    sich nicht zur Elite
    Sie haben ihre Brtriebe selber aufgebaut können sich im Gegensatz
    Zum „Proletariat“ vieles leisten und das macht neidisch
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    1. Antwort von Philipp Moreno  (HOC)
      Die grössten Arbeitgeber sind die Bergbauindustrie, Armee und der Staats-/Verwaltungsapparat. Die "Armen" kommen nur in 2 dieser 3 Branchen. Selbst in diesen sind die Aufstiegschancen begrenzt. Zuerst wird eingestellt wer aus einer "guten" Familie kommt, ein entsprechend hohes Schmiergeld bezahlt oder die besten Verbindungen hat.
      Wie kann sich ein normaler Büezer also etwas aufbauen?
      P.s. Proletariat gehört in den Sozialimus oder Kommunimus aber Chile ist rechts-konservativ, also bitte.
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