Ein Stromausfall hat Anfang Woche auf ganz Kuba die Lichter gelöscht: Ein deutliches Zeichen dafür, wie sich die Versorgungslage im Karibikstaat zunehmend verschlechtert. Hintergrund ist einerseits die marode Energieinfrastruktur im Land. Dazu kommt die folgenschwere Blockade der USA: Die Regierung von US-Präsident Trump schneidet die Insel weiter vom überlebenswichtigen Öl aus Venezuela ab. Auslandredaktorin Anna Lemmenmeier ist gerade aus Kuba zurückgekehrt und erzählt, was das für die Menschen im Land bedeutet.
Wie geht es den Menschen in Kuba?
Die Stimmung ist wirklich bedrückt. Überall haben mir die Menschen gesagt: «Wir sind uns vieles gewohnt, aber so kann es wirklich nicht weitergehen.» Die Folgen der ständigen Stromausfälle sind weitreichend: In den Kühlschränken verrottet das Essen, die Strassen sind dunkel und teils fliesst kein Wasser, weil die Pumpen ausfallen. Tagsüber stehen die Menschen stundenlang an und hoffen, dass sie irgendwie an Benzin kommen. Auch das Gesundheitswesen ist stark betroffen. Es gibt zu wenige Medikamente und Operationen werden nur notfallmässig durchgeführt. Ein Arzt hat mir erzählt, dass er Patientinnen und Patienten oft nur noch beim Sterben zuschauen kann. Das alles zeigt: Für viele Menschen sind die Probleme zunehmend existenziell.
Was sind die Gründe?
Die Krise hat sich zugespitzt, seit die USA in Venezuela eingegriffen haben und nun die dortigen Ölreserven kontrollieren. Venezuela war mit Abstand der wichtigste Lieferant für Kuba – diese Quelle ist jetzt von Washington blockiert. Zudem hat US-Präsident Trump auch allen anderen Ländern, die Kuba mit Öl versorgen wollen, Sanktionen angedroht. In der Folge kommt seit drei Monaten kein Nachschub mehr nach Kuba und das Land ist de facto von der Versorgung abgeschnitten. Da Treibstoff in Kuba auch gebraucht wird, um Strom zu produzieren, ist jetzt das fragile Stromnetz zusammengeklappt.
Steht das Land vor dem Zusammenbruch?
Das ist die grosse Frage. In Kuba weiss man nie, was genau Sache ist. Die Regierung kommuniziert nicht, ob es irgendwo noch Treibstoffreserven gibt. Momentan sieht es so aus, als neigten sich diese tatsächlich dem Ende zu. Es kann so nicht weitergehen, weil das Land ohne Treibstoff erstickt. Es muss eine Lösung gefunden werden. Was die Diktatur angeht, wage ich keine Prognose. Dem Regime ist schon etliche Male das Ende vorhergesagt worden, trotzdem ist es seit über sechs Jahrzehnten an der Macht. Fakt ist aber auch, dass der Druck aktuell von innen und von aussen enorm hoch ist. Für die Menschen im Land wird der Alltag so schwierig, dass sie trotz grosser Angst anfangen, wieder vermehrt auf die Strasse zu gehen. Und die US-Regierung unter Trump macht keinen Hehl daraus, dass sie Veränderungen verlangt – im Minimum eine wirtschaftliche Öffnung.
Was wünschen sich die Menschen in Kuba?
Mein Eindruck war, dass die Menschen vor allem müde und frustriert sind. Es ist einfach anstrengend, in Kuba zu leben und dauernd irgendwelchen Sachen nachrennen zu müssen, um die sich eigentlich der Staat kümmern sollte. Alle, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir, es brauche einen Wandel. Aber es ist nicht klar, ob das ein Regimewechsel sein soll oder gar das Ende des Sozialismus. Mir scheint, für die Menschen im Land ist das nicht entscheidend. Ihnen geht es um die Basics. Sie wollen ihre Kinder ernähren können. Sie wollen Strom im Haus und Benzin im Tank. Es geht schlicht um einen möglichst normalen, lebbaren Alltag.