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Stimmen aus Afghanistan
Aus Rendez-vous vom 31.08.2021.
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Menschen in Afghanistan Die Angst vor den Taliban wächst

Verraten und schutzlos: Ein früherer Regierungsbeamter und ein junger Blogger machen sich auf das Schlimmste gefasst.

Der Abzug der US-Truppen in der Nacht wurde von Taliban-Kämpfern in Kabul mit Schüssen in die Luft gefeiert. Ganz anders zumute ist es dem ehemaligen Regierungsangestellten Mohammed: «Wir sind frustriert und haben Angst. Wir wissen nicht, wie die Taliban mit uns umgehen werden.»

Gestern im Stadtzentrum habe ein Taliban einen Autofahrer erschossen, weil dieser an einem Kontrollposten nicht gestoppt habe, berichtet Mohammed. Er hielt sich deshalb in den letzten Wochen mit der Familie in seinem Haus versteckt.

Die Angst vor den Listen

Eigentlich standen sie auf einer Evakuationsliste und hätten ausgeflogen werden sollen. Doch der Anruf, an den Flughafen zu gehen, kam nicht. Mohammed befürchtet, dass die Taliban nun im Besitz dieser Listen sind: «Afghanistan ist kein Ort mehr für uns, es ist zu gefährlich», betont der frühere Regierungsmitarbeiter. Seine Frau arbeitete für die Frauenrechte auf dem Land.

Afghanistan ist kein Ort mehr für uns, es ist zu gefährlich.
Autor: Mohammed

Ob sie je ausreisen können, ist völlig unklar. Denn mit den US-Truppen verschwindet auch das Sicherheitsdispositiv am Flughafen, wo in den letzten Tagen Luftabwehrraketen und Drohnen der US-Armee Anschläge noch abgewehrt hatten.

Die Angst vor den Posts

Auch Abdullah konnte nicht ausreisen. Der Student und Blogger stand auf keiner Liste. Er habe fast alles unternommen, um ausgeflogen zu werden, doch passiert sei nichts: «Ich weiss nicht, wen genau sie aus dem Land bringen. Nur jene, die beim Militär waren oder für die Regierung arbeiteten – oder wirklich jene, die Schutz benötigen?»

Abdullah hat sich durch seine Posts im Internet exponiert und fürchtet, dass vieles, was er geschrieben hat, den Taliban nicht passt. Genau weiss er es nicht. Denn es gibt keine Regierung, und die Taliban haben noch keine Gesetze erlassen: «Ich lasse mir nun einen Bart wachsen. Ich weiss nicht, ob das bald Gesetz wird, aber ich muss mich darauf einstellen».

Ich lasse mir nun einen Bart wachsen. Ich weiss nicht, ob das bald Gesetz wird.
Autor: Abdullah

Die Angst vor Kriminellen und Taliban

Die Ungewissheit im Machtvakuum zwischen der alten Regierung von Ashraf Ghani und dem, was kommen soll, versuchen andere zu nutzen. Auch Abdullah geht nur noch für das Nötigste raus: «Die bewaffneten Männer auf der Strasse tragen normale afghanische Kleidung, keine Uniform.»

«Jeder mit einer Waffe könnte ein Taliban sein – oder ein Krimineller, der sich als Taliban ausgibt», sagt Abdullah. Denn gleich nach der Machtübernahme liessen die Taliban in Kabul tausende von Gefangenen frei. Diese ziehen nun durch die Strassen und machen, was ihnen passt.

Jeder mit einer Waffe könnte ein Taliban sein – oder ein Krimineller, der sich als Taliban ausgibt.
Autor: Abdullah

Es gilt das Recht des Stärkeren, und das sind momentan jene mit der Waffe in der Hand. Abdullah, Mohammed und viele andere in Kabul fühlen sich diesen Kriminellen, ob Taliban oder nicht, ausgeliefert. Sinnbildlich für die Lage sei der blutige Terroranschlag von letzter Woche am Flughafen gewesen, sagt Mohammed: «Als ich die Explosion sah, dachte ich mir: Der Krieg ist noch nicht vorbei – das ist die Botschaft an die Menschen.»

Verraten

Die Szenen am Flughafen in den letzten Wochen stünden symbolisch für den US-Einsatz in Afghanistan, so Mohammed: «Die USA hatten 2001 keinen Plan und sie haben es auch heute nicht. Sie kamen komplett unvorbereitet und überstürzt ins Land und genauso verlassen sie es 20 Jahre später wieder».

Sie kamen komplett unvorbereitet und überstürzt ins Land und genauso verlassen sie es 20 Jahre später wieder.
Autor: Mohammed

Ein geordneter Abzug wäre besser gewesen, sagen beide: Zuerst hätten eine neue Verfassung und neue Gesetze ausgehandelt werden müssen. Nun aber seien sie schutzlos dem Willen der Taliban ausgeliefert. Mohammed und Abdullah, die sich für ein demokratisches und freies Afghanistan nach westlichen Vorbild einsetzten, fühlen sich genau von diesem Westen verraten.

Rendez-vous, 31.08.2021, 12:30 Uhr

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Wiedler  (infonews)
    Länder, in denen Männer nie gelernt haben zu arbeiten, sind zum Untergang verurteilt. Denn das einzige, was sie immer beherrschen und bereit sind zu tun, ist Krieg zu führen.
    1. Antwort von robert mathis  (veritas)
      Herr Wiedler diese Männer hatten viele Jahre Zeit sich neu zu orientieren sie haben es nicht gemacht also muss man annehmen dass sie keine westlichen Ansichten übernehmen wollten darum müssen sie die Konsequenzen nun auch selber tragen und nicht jammern die Amerikaner hätten sie im Stich gelassen
  • Kommentar von Werner Gerber  (1Berliner)
    Hier gibts viele gute Ratschläge für die armen Afghanen. Bin gespannt, ob unsere tapferen WiderstandskämpferInnen auch bereit ständen, wenn das Wohlstandsleben zusammen brechen würde. Vielleicht trifft's uns ja auch noch mal und nicht erst unsere Enkel.
  • Kommentar von Christian Baumann  (Christian Baumann)
    Die Afghanen hatten 20 Jahre Zeit mit finanz.. u militär. Unterstützung des Westens eine tragfähige Demokratie aufzubauen. Beim kleinsten Gegenwind sind aber Grossteile die afghan. Armee desertiert u die Regierung ist geflohen. Es ist nun an den Afghanen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es ist die Aufgabe des Westens dafür zu sorgen, dass von afghan. Boden kein Terror mehr in westl. Ländern ausgeht. Dazu ist es ausreichend, die militär. Lufthoheit über Afghanistan zu halten.
    1. Antwort von Christian Baumann  (Christian Baumann)
      Insofern ist der Abzug der NATO-Truppen also keine Blamage.
      Deutschland z.B. hatte vier Jahre nach dem WKII eine demokratische Verfassung und 10 Jahre später ein Wirtschaftswundern.
      Wenn die Afghanen jetzt Angst haben ins Mittelalter zurück versetzt zu werden, müssen sie sich dagegen wehren.
    2. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Leben sie nicht immer noch in alten festgefahrenen Hierarchien? Sind sie
      nicht in einer Kultur gefangen, die das nicht duldet ? Ich würde eher sagen,
      der Westen hat das nicht verstanden und versucht, unsere Kultur als die
      einzig Wahre, ihnen überzustülpen. Solange sie den Koran so auslegen
      können, dass ihre Handlungen gerechtfertigt sind, wird es Gewalt geben.