Nach dem Anschlag in Berlin auf den Christopher Street Day sitzt der Schock tief in Deutschland. Nun wurde auf dem Handy des Täters ein IS-Bekennervideo gefunden. Und in den Sozialen Medien gehen die Wogen hoch. Die aktuelle Situation analysiert Eren Güvercin. Er setzt sich für Völkerverständigung ein.
SRF News: Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?
Eren Güvercin: Es ist immer ähnlich: Nach islamistischen Anschlägen folgt immer eine sehr intensive Phase. Ich erhalte viele Medienanfragen, und das ist sehr anstrengend. Aber es ist wichtig, auf bestimmte Punkte immer wieder hinzuweisen. Ich bin selbst Muslim. Und wenn es zu islamistischen Anschlägen kommt, dann beschäftigt das einen natürlich.
Fällt Ihnen etwas auf bei den Reaktionen?
Es ist für alle Akteure eine Herausforderung: für die Politik, die Sicherheitsbehörden und im vorliegenden Fall für die queere Community. Die politische Debatte fokussiert sich dann immer auf Forderungen nach mehr Befugnissen für die Sicherheitsbehörden, nach mehr Überwachung.
Beim Attentäter von Berlin kannten die Behörden im Grunde seine ganze Vorgeschichte.
Aber man sollte das nüchtern betrachten: Beim Attentäter von Berlin kannten die Behörden im Grunde seine ganze Vorgeschichte. Es mangelte also nicht an Informationen. Deshalb greift die Debatte um mehr Überwachung zu kurz.
Die verschiedenen Muslimverbände in Deutschland verurteilten die Tat aufs Schärfste. Doch das reiche nicht, sagen Sie. Warum?
Man erlebt immer dieselben Muster: Wenn es zu rechtsextremen Anschlägen kommt, wie zum Beispiel in Hanau vor einigen Jahren, dann sind die muslimischen Verbände in der Lage, das Tatmotiv des Täters zu nennen: Rechtsextremismus. Doch bei islamistischen Anschlägen wird das Motiv des Täters oft nicht genannt.
Wir müssen die Probleme beim Namen nennen.
Auch wurden in der aktuellen Reaktion des Koordinationsrats der Muslime die Opfer nicht explizit erwähnt. Fakt ist: Der Anschlag war ein gezielter Angriff auf queere Menschen. Wenn solche Leerstellen in einer Presseerklärung vorhanden sind, dann ist die Verurteilung der Tat nicht ausreichend. Wir müssen die Probleme beim Namen nennen. Wenn wir daran scheitern – wie sollen wir das Problem selbst bekämpfen?
In den Sozialen Medien ist die Stimmung aufgeheizt: Einerseits wird der Anschlag von manchen Muslimen gefeiert, andere distanzieren sich deutlich und äussern die Angst, mit den Islamisten in einen Topf geworfen zu werden. Was sind Ihre Gedanken dazu?
Leider wiederholen sich die Muster. Es gibt politische Akteure, die den jetzigen Schockzustand als Trittbrettfahrer nutzen, um gegen Muslime Stimmung zu machen. Auf der anderen Seite feiern Muslime den Täter ab.
Man darf die Themen Homophobie und Queerfeindlichkeit, aber auch Antisemitismus nicht tabuisieren.
Letzteres zeigt, dass Homophobie und Queerfeindlichkeit in Teilen der muslimischen Gemeinschaft eine Realität sind. Damit müssen wir Muslime uns selbstkritisch auseinandersetzen. Man darf die Themen Homophobie und Queerfeindlichkeit, aber auch Antisemitismus nicht tabuisieren. Man muss darüber sprechen und das auch offen adressieren. Das ist die Bringschuld, die wir als deutsch-muslimische Community haben.
Das Gespräch führte Radka Laubacher.