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Besetztes Westjordanland Gefangen in der eigenen Stadt

Israel schränkt die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland zunehmend ein. Eine Reportage.

Hohe Metallzäune umgeben Sinjil, eine Kleinstadt von etwa 7000 Einwohnerinnen und Einwohnern im besetzten Westjordanland. Sinjil liegt direkt an der Strasse Nr. 60, der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung. Wir parkieren das Auto vor der Einfahrt in die Stadt. Hineinfahren können wir nicht, denn ein massives orangefarbenes Eisentor versperrt die Zufahrt.

In der Garage vor dem Tor arbeitet der Elektriker Gharib. Seit dem 7. Oktober 2023 sei dieses Tor geschlossen, sagt er. Die israelische Armee wolle den Leuten so das Leben schwer machen.

Eine Kollektivstrafe

Gharib ruft uns ein Taxi. Hinter der Schranke steigen wir ein und fahren zur Gemeindeverwaltung, wo uns Iman Fuqaha empfängt, die Mediensprecherin von Sinjil.

«Seit dem 7. Oktober 2023 sind vier der fünf Zufahrtsstrassen versperrt», sagt die Dreissigjährige: «Zwei mit Eisentoren, zwei mit Erdwällen, die nicht passierbar sind für Autos.»

Iman empfindet diese Blockaden und die israelischen Checkpoints als Kollektivstrafe, die grosse Auswirkungen auf den Alltag in Sinjil hätten. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt seien der Willkür der israelischen Soldaten ausgeliefert, die bisweilen auch das fünfte Eisentor schlössen.

Sinjil hat seit der Schliessung der Zufahrtstrassen keinen ungehinderten Zugang mehr auf die Schnellstrasse Nr. 60 – Linksabbiegen ist verboten, das heisst: Um in den Norden zu fahren, etwa in die Stadt Nablus, muss man grosse Umwege nehmen. «Das ist zeitraubend, das kostet Nerven. Dabei wissen wir: Zeit ist Gold», sagt Iman.

Lokale Wirtschaft leidet

Die grossgewachsene Frau, ganz in schwarz gekleidet, beschreibt ein Klima der Angst. Angst vor der Armee und vor zunehmend gewalttätigen israelischen Siedlern.

Frau mit Kopftuch vor Stadtlandschaft.
Legende: Iman Fuqaha von der Gemeindeverwaltung posiert vor einem Foto von Sinjil. SRF

«Früher habe ich ab und zu im Auto einen kleinen Ausflug unternommen, wenn ich Lust dazu hatte. Frische Luft schnappen, Musik hören, dazu einen Kaffee trinken. Das mache ich jetzt nicht mehr. Ich fürchte mich», sagt Iman.

Hunderte Checkpoints und Barrieren

Box aufklappen Box zuklappen

Checkpoints und Strassensperren im besetzten Westjordanland sind nicht neu. Doch nach den terroristischen Anschlägen vom 7. Oktober 2023 haben die israelischen Behörden die Bewegungsfreiheit der Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland noch stärker eingeschränkt. Das UNO-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) zählte vor einem Jahr 849 Hindernisse, davon gut 200 Eisentore. Andere Quellen gehen von bis zu 1000 Barrieren aus. Die Auswirkungen: Die lokale Wirtschaft darbt, Bauern können nicht mehr auf ihre Felder, und vor allem für die Menschen in den Dörfern ist der Zugang zu medizinischer Versorgung oder zu Schulen erschwert.

Auf Nachfrage von SRF begründet die Pressestelle der israelischen Streitkräfte die Restriktionen mit Sicherheitsrisiken: Sie seien «Teil operativer Lehren aus dem Massaker vom 7. Oktober.»

Laut Zahlen der OCHA sind palästinensische Zivilpersonen jedoch einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt zu werden, als israelische Siedler, die nach Völkerrecht nicht im besetzten Gebiet leben dürften.

Die Eisentore sind auch für die lokale Wirtschaft ein Problem. Sinjil war ein kleines Handelszentrum. Doch die Leute aus den umliegenden Dörfern kämen nicht mehr zum Einkaufen, sagt der Gemüsehändler Muhammad. Man wisse nie, ob die Eisentore offen seien oder nicht. Der Arbeitsalltag ist beschwerlich. Seine Ware bezieht er vom Grossmarkt in Nablus.

Eine Fahrt von eigentlich 20 Minuten dauere jetzt vier Stunden. Muhammad muss deswegen jeweils um halb drei Uhr nachts losfahren.

Es herrschen Langeweile, Frustration und Angst. Aber der Mensch ist anpassungsfähig, damit er überleben kann.
Autor: Wael Patissier

In der Patisserie nebenan bieten uns die Brüder Wael und Ammar frisch gebackene Kekse und Kaffee an. Auch bei ihnen läuft das Geschäft schlecht. Und die Blockade schlägt aufs Gemüt.

Der 43-jährige Wael, Vater von drei Töchtern, sagt, er fühle sich wie ein Gefangener. «Und genau wie Gefangene müssen auch wir uns anpassen und an die Situation gewöhnen. Es herrschen Langeweile, Frustration und Angst. Aber der Mensch ist anpassungsfähig, damit er überleben kann.»

Echo der Zeit, 14.04.2026, 18 Uhr; noes

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