Die israelische Armee warnt die Bevölkerung im Libanon, in ihre Dörfer südlich oder in der Nähe des Litani-Flusses zurückzukehren. Grund seien «anhaltende Aktivitäten» der Hisbollah. Trotz Waffenruhe gehen die Kämpfe im Süden weiter, Israels Armee zerstört Dörfer und Städte. SRF-Nahostkorrespondent Thomas Gutersohn ordnet die Lage ein.
Gilt die Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon nicht mehr?
Die kürzlich in Kraft getretene, zehntägige Waffenruhe ist äusserst brüchig. In Beirut hat sie zwar zu einer gewissen Beruhigung geführt. Im Süden des Landes kann jedoch kaum von einer Waffenruhe gesprochen werden. Israel interpretiert das Abkommen einseitig und behält sich vor, weiterhin Ziele anzugreifen, die es als Bedrohung einstuft. Israel beruft sich auf das Recht auf Selbstverteidigung und argumentiert, Infrastruktur wie Bagger oder Bulldozer könne auch für den Bau von Tunneln verwendet werden.
Welche Strategie verfolgt Israel?
Satellitenaufnahmen, unter anderem von der BBC veröffentlicht, zeigen eine systematische Zerstörung von Ortschaften und Quartieren im Südlibanon. Eine Rückkehr der Bevölkerung ist kaum möglich. Nach eigenen Angaben will Israel damit eine Pufferzone schaffen, um die Bevölkerung in Nordisrael vor dem Beschuss durch die Hisbollah zu schützen.
Wie gross ist das Gebiet, das Israel als Pufferzone beansprucht?
Aktuellen Berichten zufolge plant das israelische Militär eine Unterteilung des Südlibanon in drei Zonen mit unterschiedlicher Kontrolle. Wie gross die Pufferzone tatsächlich wird, ist unklar:
- Die «rote Linie»: Die Zone umfasst Dörfer direkt an der Grenze (etwa 0 bis 5 Kilometer). Hier sind die meisten Gebäude bereits zerstört, um eine Rückkehr der Bevölkerung zu verhindern. Israelische Bodentruppen haben feste Stellungen bezogen.
- Die «gelbe Linie»: Das Gebiet reicht etwa 6 bis 10 Kilometer ins Landesinnere. Hier sind israelische Bodentruppen weiter präsent, die Armee hat Stellungen und Aussenposten aufgebaut. Israel scheint direkte militärische Kontrolle ausüben zu wollen.
- Die dritte Zone: Diese erstreckt sich bis zum Litani-Fluss, rund 30 bis 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Hier will die Armee ihre Kontrolle vor allem durch «Feuerkraft und Beobachtungsposten» durchsetzen und verbietet der Bevölkerung, zurückzukehren.
Warum will die Bevölkerung trotz der Gefahr zurückkehren?
Die Menschen wollen zurück in ihre Heimat. Es herrscht die Angst, dass sie ihre Häuser sonst für immer verlieren. Viele haben zudem keinen anderen Ort, wohin sie gehen könnten. Viele wurden schon im letzten Krieg vor zwei Jahren vertrieben. Zudem sind Mietwohnungen und Hotelzimmer teuer. Besonders Schiitinnen und Schiiten aus dem Süden finden oft keine Vermieter mehr, aus Angst, dass deren Wohnungen selbst Ziel von Angriffen werden.
Könnte sich die schiitische Bevölkerung von der Hisbollah distanzieren?
Das ist im konfessionell aufgeteilten Politsystem im Libanon kaum möglich. Jede Religionsgemeinschaft – Christen, Sunniten, Drusen und Schiiten – hat ihre eigene grosse Partei. Für die Schiiten sind das hauptsächlich die Hisbollah und die verbündete Amal-Bewegung. Zudem übernehmen die Parteien, auch die Hisbollah, viele staatliche Aufgaben: Sie betreiben Spitäler, Schulen und soziale Dienste. Wer sich von der Hisbollah abwendet, verliert oft Zugang zu grundlegender Versorgung. Wahlen wurden wegen Krieg und Vertreibung um zwei Jahre verschoben. Damit bleibt der Status quo bestehen und die Hisbollah eine starke Kraft im Parlament.