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Angriffe trotz Vereinbarung Was ist im Südlibanon los? Kämpfe gehen trotz Waffenrufe weiter

Die israelische Armee warnt die Bevölkerung im Libanon, in ihre Dörfer südlich oder in der Nähe des Litani-Flusses zurückzukehren. Grund seien «anhaltende Aktivitäten» der Hisbollah. Trotz Waffenruhe gehen die Kämpfe im Süden weiter, Israels Armee zerstört Dörfer und Städte. SRF-Nahostkorrespondent Thomas Gutersohn ordnet die Lage ein.

Thomas Gutersohn

Nahost-Korrespondent

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Thomas Gutersohn lebt seit 2023 in Amman und berichtet für SRF aus dem Nahen Osten. Von 2016 bis 2022 war er als Südasien-Korrespondent tätig, zuvor hat er aus der Westschweiz berichtet. Gutersohn arbeitet seit 2008 bei SRF und hat in Genf Internationale Beziehungen studiert.

Gilt die Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon nicht mehr?

Die kürzlich in Kraft getretene, zehntägige Waffenruhe ist äusserst brüchig. In Beirut hat sie zwar zu einer gewissen Beruhigung geführt. Im Süden des Landes kann jedoch kaum von einer Waffenruhe gesprochen werden. Israel interpretiert das Abkommen einseitig und behält sich vor, weiterhin Ziele anzugreifen, die es als Bedrohung einstuft. Israel beruft sich auf das Recht auf Selbstverteidigung und argumentiert, Infrastruktur wie Bagger oder Bulldozer könne auch für den Bau von Tunneln verwendet werden.

Person sitzt auf Trümmern eines zerstörten Gebäudes.
Legende: Obwohl die Feuerpause offiziell gilt, kommt es weiterhin zu Zwischenfällen und Beschuss. Die israelische Vorgehensweise widerspricht der grundsätzlichen Idee einer Waffenruhe. (19.4.2026) Reuters / Marko Djurica

Welche Strategie verfolgt Israel?

Satellitenaufnahmen, unter anderem von der BBC veröffentlicht, zeigen eine systematische Zerstörung von Ortschaften und Quartieren im Südlibanon. Eine Rückkehr der Bevölkerung ist kaum möglich. Nach eigenen Angaben will Israel damit eine Pufferzone schaffen, um die Bevölkerung in Nordisrael vor dem Beschuss durch die Hisbollah zu schützen.

Wie gross ist das Gebiet, das Israel als Pufferzone beansprucht?

Aktuellen Berichten zufolge plant das israelische Militär eine Unterteilung des Südlibanon in drei Zonen mit unterschiedlicher Kontrolle. Wie gross die Pufferzone tatsächlich wird, ist unklar:

  1. Die «rote Linie»: Die Zone umfasst Dörfer direkt an der Grenze (etwa 0 bis 5 Kilometer). Hier sind die meisten Gebäude bereits zerstört, um eine Rückkehr der Bevölkerung zu verhindern. Israelische Bodentruppen haben feste Stellungen bezogen.
  2. Die «gelbe Linie»: Das Gebiet reicht etwa 6 bis 10 Kilometer ins Landesinnere. Hier sind israelische Bodentruppen weiter präsent, die Armee hat Stellungen und Aussenposten aufgebaut. Israel scheint direkte militärische Kontrolle ausüben zu wollen.
  3. Die dritte Zone: Diese erstreckt sich bis zum Litani-Fluss, rund 30 bis 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Hier will die Armee ihre Kontrolle vor allem durch «Feuerkraft und Beobachtungsposten» durchsetzen und verbietet der Bevölkerung, zurückzukehren.
Trümmer von zerstörten Gebäuden in Stadtumgebung.
Legende: Im schlimmsten Fall könnte etwa ein Fünftel des libanesischen Staatsgebiets betroffen sein. Israels Armee griff nach Eintreten der Waffenruhe auch Ziele weiter nördlich an. (17.4.2026) Reuters / Louisa Gouliamaki

Warum will die Bevölkerung trotz der Gefahr zurückkehren?

Die Menschen wollen zurück in ihre Heimat. Es herrscht die Angst, dass sie ihre Häuser sonst für immer verlieren. Viele haben zudem keinen anderen Ort, wohin sie gehen könnten. Viele wurden schon im letzten Krieg vor zwei Jahren vertrieben. Zudem sind Mietwohnungen und Hotelzimmer teuer. Besonders Schiitinnen und Schiiten aus dem Süden finden oft keine Vermieter mehr, aus Angst, dass deren Wohnungen selbst Ziel von Angriffen werden.

Starker Verkehrsstau auf einer Strasse mit Lastwagen und Autos.
Legende: Seit Beginn der Eskalation wurden Hunderttausende Menschen vertrieben. Für viele ist ein Verbleib in Beirut oder im Norden des Landes aber keine Option. (20.4.2026) Reuters / Aziz Taher

Könnte sich die schiitische Bevölkerung von der Hisbollah distanzieren?

Das ist im konfessionell aufgeteilten Politsystem im Libanon kaum möglich. Jede Religionsgemeinschaft – Christen, Sunniten, Drusen und Schiiten – hat ihre eigene grosse Partei. Für die Schiiten sind das hauptsächlich die Hisbollah und die verbündete Amal-Bewegung. Zudem übernehmen die Parteien, auch die Hisbollah, viele staatliche Aufgaben: Sie betreiben Spitäler, Schulen und soziale Dienste. Wer sich von der Hisbollah abwendet, verliert oft Zugang zu grundlegender Versorgung. Wahlen wurden wegen Krieg und Vertreibung um zwei Jahre verschoben. Damit bleibt der Status quo bestehen und die Hisbollah eine starke Kraft im Parlament.

Israelischer Soldat beschädigt Jesus-Figur im Libanon

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Israelischer Soldat beschädigt Jesus-Figur im Libanon und schlägt mit einem Hammer darauf.
Legende: Ein israelischer Soldat hat im Südlibanon eine Jesus-Figur beschädigt. Das bestätigt auch das israelische Militär. (19.4.2026) Reuters / Social Media

Die israelische Armee bestätigt, dass einer ihrer Soldaten im Südlibanon ein christliches Symbol beschädigt hat. Man nehme den Vorfall äusserst ernst, teilte die Armee am Abend auf X mit. Das Verhalten des Soldaten sei in keiner Weise mit den Werten vereinbar, die von Soldaten erwartet würden.

Am Sonntag hatte die Armee ein Foto veröffentlicht, das zeigt, wie ein Mann in israelischer Armeeuniform mit einem Hammer auf eine von einem Holzkreuz gefallene Figur von Jesus Christus einschlägt. Die Armee teilte mit, es sei nach einer ersten Untersuchung festgestellt worden, dass das Bild einen Soldaten im Südlibanon zeige.

Gegen die Beteiligten würden angemessene Massnahmen ergriffen, hiess es von der Armee weiter. Darüber hinaus wolle man die Gemeinde bei der Wiederherstellung des Kruzifixes an seinem Standort unterstützen. Rund jeder dritte Libanese ist Christ.

Auch Israels Aussenminister Gideon Saar entschuldigte sich angesichts des Vorfalls bei allen Christen, deren Gefühle verletzt worden seien. Er sprach von einer «beschämenden Handlung», die Israels Werten widerspreche. (sda)

Rendez-vous, 20.4.2026, 12:30 Uhr ; 

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