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Iranischer Kurde im Exil «Wir dürfen jetzt nicht naiv sein»

Die USA und Israel versuchen, kurdische Widerstandsgruppen zu Angriffen im Westen Irans zu motivieren. So berichteten es in den vergangenen Tagen diverse Medien. Auf kurdischer Seite ist man indes zurückhaltend. Angesichts der unklaren Situation bleibt die Sorge auch bei kurdischen Exil-Iranern gross. Das erzählt Kamran Mohammadi im Gespräch mit dem «Club». Er hat das Land 2010 verlassen.

Kamran Mohammadi

Sozialpädagoge und Musiker

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Kamran Mohammadi verliess 2010 im Alter von 26 Jahren das Land. Er war Mitglied der links-kurdischen Partei Komala Kurdistan. 2014 kam er in die Schweiz, studierte Sozialpädagogik und arbeitet heute im Sozialwesen. Daneben macht er Musik und schreibt poetische Texte auf Deutsch.

SRF: Wie geht es Ihrer Familie vor Ort im Iran? Was hören Sie?

Kamran Mohammadi: Viele meiner Verwandten leben in Teheran und in kurdischen Städten im Norden und Westen des Landes. Die Kommunikation ist fast unmöglich. Einzig über die Satellitenverbindung von Starlink höre ich ab und zu von meiner Familie. Ihr Gemütszustand bewegt sich zwischen Hoffnung und Angst. Man hofft auf einen Regimesturz, ohne zu wissen, was darauf folgen könnte.

Iran ist ein Vielvölkerstaat

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Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung im Iran sind Perser. Die andere Hälfte besteht aus ethnischen Minderheiten. Die Kurden machen in diesem Vielvölkergebilde rund zehn Prozent aus. Der ethnische Bogen Irans reicht von Arabern über Belutschen bis zu Azeris und Gilakern.

Sie sind als Teil einer Minderheit unter dem Mullah-Regime aufgewachsen. Wie muss man sich das vorstellen?

Um im System bestehen zu können, muss man die eigene ethnische Zugehörigkeit oder Religion verschleiern – auch ich war teils davon betroffen. Mit meinem echten Lebenslauf hatte ich keine Chance auf einen Job. Viele leugnen ihre Identität, wenn sie sich für eine Arbeitsstelle oder eine Universität bewerben. Die Mullahs – und auch die Monarchie vor der Revolution von 1979 – versuchten, aus der kurdischen Kultur eine minderwertige zu machen. Gleiches gilt auch für viele andere Minderheiten im Iran.

Person steht vor historischen Gemäuern neben einem Gehweg mit Bäumen im Hintergrund.
Legende: Vor seiner Flucht aus dem Iran arbeitete Kamran Mohammadi im Tiefbauwesen. SRF

Folgende Anekdote zeigt die Auswirkungen dessen: Im Jahr 2000 war ich in der Teheraner Strassenbahn unterwegs. Mein Handy klingelte. Ein kurdischer Freund versuchte mich anzurufen. Doch ich habe ich das Telefon nicht abgenommen, weil ich nicht wollte, dass die Menschen um mich herum erkennen, dass ich Kurde bin. Ich habe mich also selbst zensiert – aus einem Minderwertigkeitsgefühl, einem Druck heraus, den ich erst nach und nach abstreifen konnte. Besonders schlimm war die Repression aufgrund meiner politischen Arbeit als Aktivist. Nur knapp konnte ich der Festnahme und einer womöglich mehrjährigen Haftstrafe entgehen.

Sehen Sie Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs, als mögliche Alternative?

Auf keinen Fall. Wir Kurden glauben nicht an einzelne Personen. Bei uns gibt es eine lange Tradition von Parteien, Vereinen und Bewegungen. Eine einzelne Person mit grosser Machtfülle steht deshalb ausser Frage. Zudem war die Situation ethnischer und religiöser Minderheiten auch unter dem Schah nicht gerade rosig. Meine Eltern haben mir davon erzählt. Ich bin überzeugt, dass sich auch mit Pahlavi an der Spitze wenig ändern würde. Sein Ziel ist es, einfach alle Menschen unter einer Flagge zu vereinen. Wir Kurden wünschen uns aber ein Land, in dem Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, Religionen und Volksgruppen herrscht.

Nahaufnahme eines Rucksacks in der Natur mit kurdischer Flagge und Abzeichen.
Legende: Rucksack einer kurdisch-iranischen Kämpferin. Er ist mit der Flagge der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (links) und der kurdischen Flagge (rechts) bestückt. Sie ist Teil eines Bündnis kurdisch-iranischer Parteien, die sich gegen das Mullah-Regime verbündet haben. Auch die Komala-Partei, der Mohammadi früher angehörte, ist Teil des Bündnis. Imago/Keiwan Fatehi

Es gab Berichte, wonach die USA kurdische Truppen aufrüsten will. Befürworten Sie ein Eingreifen kurdischer Truppen im Iran?

Wir müssen uns bewusst sein, dass die Interessen der USA und der Kurden unterschiedlich sind. Wir dürfen jetzt auch nicht naiv sein. Wir bejubeln den Krieg auf keinen Fall. Gleichwohl ist es gut, wenn wir die Situation für unsere eigenen Ziele nutzen. Eine gewisse Kooperation kann uns helfen, damit wir uns vom Joch des Regimes befreien und für unsere Rechte kämpfen können. Meine grösste Sorge ist allerdings, dass die Unterstützung plötzlich wegfallen könnte. Es gibt ähnliche Beispiele in Syrien. Da hat man die Kurden vonseiten der USA lange unterstützt und am Ende fallen gelassen.

Das Gespräch führte Barbara Lüthi.

Club, 10.03.2026, 22:25 Uhr ; 

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