Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Europa wäre hilflos ohne USA abspielen. Laufzeit 02:13 Minuten.
Aus HeuteMorgen vom 22.05.2019.
Inhalt

Nato ohne die USA? Europäer stehen vor riesigen Herausforderungen

  • Die Erkenntnis einer Studie der renommierten Londoner Denkfabrik IISS ist so simpel wie irritierend: Europa wäre ohne die USA in einem Verteidigungskrieg gegen Russland chancenlos.
  • Die europäischen Nato-Mitgliedstaaten müssten hunderte von Milliarden Franken zusätzlich in ihre Streitkräfte investieren.

Die Studie der Londoner Denkfabrik IISS erregte in Verteidigungskreisen Aufsehen und wird breit diskutiert. Nach Berechnung des IISS gilt ein Austritt der USA aus der Nato unter Präsident Donald Trump nicht länger als undenkbar.

See- und Handelswege sichern

Die verbleibenden 28 Nato-Länder müssten bei der Sicherung der See- und Kommunikationswege in diesem Fall gewaltige Kapazitätslücken schliessen: Im Atlantik, im Mittelmeer, rund um Afrika, gar im Indischen Ozean – überall dort, wo für Europas Wirtschaft überlebenswichtige Handelsrouten verlaufen. Allein dafür wären Zusatzinvestitionen von rund 100 Milliarden Franken nötig.

Noch teurer würde es, wäre der Kontinent bei der Territorialverteidigung auf sich allein gestellt, etwa bei einem russischen Angriff auf die baltischen Staaten oder gar der Besetzung eines osteuropäischen Landes.

Dafür wäre ein weiterer Investitionsschub von 290 bis 360 Milliarden erforderlich. Zudem Jahr für Jahr gigantische Folgekosten. Die Berechnungen des IISS sind sehr konkret, heruntergebrochen bis auf einzelne militärische Kampfeinheiten, Kampfflugzeuggeschwader, Kriegsschiffflotten, Raketenbatterien oder Infrastrukturanlagen.

20 Jahre Militäraufbau sind nötig

Doch Geld allein ist nicht alles. Grössere, potentere Armeen entstehen nicht über Nacht. Entscheidungsprozesse dauern, Produktionskapazitäten sind begrenzt, neue Kampfmittel müssen erprobt, mehr Soldaten müssen rekrutiert, ausgebildet und Kommandostrukturen von Grund auf neu gebaut werden.

Es würde zwei Jahrzehnte dauern, bevor Europa die erforderlichen militärischen Kapazitäten aufgebaut hätte und sie wirksam nutzen könnte. Selbst dann reichten sie lediglich aus, um in einem begrenzten regionalen Krieg «wahrscheinlich», wie das IISS schreibt, die Oberhand zu behalten.

Realitätscheck beruht auf fiktiven Annahmen

Der Realitätscheck des IISS beruht auf zwei fiktiven Annahmen: einerseits, dass die USA der Nato den Rücken kehren, andrerseits, dass Russland Europa tatsächlich angreifen will.

Angesichts der nicht abflauenden, vielmehr weiter wachsenden Spannungen zwischen den Europäern und der Trump-Regierung einerseits und dem Westen und Russland andrerseits sind beide Annahmen nicht so unrealistisch.

Offenkundig ist, dass die derzeit gern als Ziel genannte «strategische Autonomie» Europas vorläufig nicht mehr als ein ferner Traum ist.

Fredy Gsteiger

Fredy Gsteiger

Diplomatischer Korrespondent, SRF

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».

Finanzierung der Natot
Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

59 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von m. mitulla  (m.mitulla)
    Russland hat gar kein Interesse, Europa anzugreifen, denn ein konstruktives Miteinander nützt beiden Seiten. Mit Handel und Austausch könnte unser Kontinent Erfolge feiern. Nur eine stört das: Onkel Sam könnte ins Abseits geraten - und das soll tunlichst vermieden werden. Daher kommt das Kriegsgeheul - und nicht aus Russland. Ich empfehle die Rede Putins vor dem Deutschen Bundestag mit standing ovation! vom Sept. 2001. Europa war auf guten Weg. Seither kam viel Feindschaft aus den USA.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Enrico Dandolo  (Doge)
    Ob Russland bereit wäre, den "Preis" eines Angriffs zu zahlen? Ich wage das zu bezweifeln! Zumal die eroberten Gebiete dann noch langfristig gehalten werden müssten. Diesen Teil der Analyse hat man sich "gespart". Über die Gründe darf man spekulieren.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Daniel Schmidlin  (Queren life)
    Rein überschlagsmässig wären Landesverteidigungskosten von einer Milliarde Franken pro einer Million Einwohner der richtige Ansatz. Also auch die Schweiz gibt zu wenig aus für ihre Landesverteidigung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen