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Dritte Welle wütet in Osteuropa
Aus HeuteMorgen vom 31.03.2021.
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Neue Coronawelle in Osteuropa In Polen starben zuletzt 1945 so viele Menschen

Die osteuropäischen Spitäler sind derzeit wegen der dritten Corona-Welle vielerorts überlastet. Nirgendwo in der EU sterben derzeit so viele Menschen an Covid-19 wie in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Die jahrzehntelange Vernachlässigung des Gesundheitswesens rächt sich.

In unserem polnischen Bekanntenkreis gehören tragische Geschichten über kranke Verwandte oder Freunde, die zu spät, zu schlecht oder sogar überhaupt nicht behandelt wurden, zum Alltag. Erst recht, seit das Coronavirus wütet.

Ein trauriger Rekord

Solche Geschichten sind mehr als nur Anekdoten. Das beweist die Todesstatistik vom vergangenen November: Damals starben in Polen fast doppelt so viele Menschen wie im gleichen Monat des Vorjahres. Und in keinem Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg verloren im grössten osteuropäischen EU-Land so viele Menschen ihr Leben wie 2020.

Die meisten hat nicht das Coronavirus getötet. Oder zumindest nicht direkt. Vielen dürfte eher zum Verhängnis geworden sein, dass die Pandemie die Spitäler so sehr überfordert hat, dass andere Fälle nicht mehr genügend gut behandelt werden konnten. Jetzt, in der dritten Pandemiewelle, steht Polen erneut vor diesem Drama.

Weitverbreiteter Ärzte- und Pflegemangel

In ganz Osteuropa fehlen Ärztinnen und Pflegende. Sie sind in den letzten Jahren zu Zehntausenden ausgewandert, etwa nach Deutschland, Grossbritannien oder in die Schweiz.

Nirgendwo in der EU geben die Regierungen so wenig Geld für das Gesundheitswesen aus wie im Osten. Polen zum Beispiel erwirtschaftet mehr Geld pro Kopf als Portugal, investiert aber nicht halb so viel in die Gesundheit seiner Bevölkerung.

Tiefe Löhne und marode Infrastruktur

Das schlägt sich in tiefen Löhnen und in der maroden Infrastruktur nieder; in Frust und Überforderung beim medizinischen Personal; in der Auswanderung; und jetzt in der Pandemie wohl auch in den hohen Todeszahlen.

Die Regierungen im Osten der EU versprechen alle, sie wollten ihre Gesundheitssysteme verbessern. Nur überzeugen ihre Rezepte oft wenig. In Polen soll ab Juli der Minimallohn einer Fachärztin steigen – um umgerechnet fünf Franken im Monat. Ein Hohn, sagen die Ärzte.

Mehr Lohn für weniger Freiheit

In Ungarn gibt es derweil mehr Lohn in den Spitälern, aber gleichzeitig auch weniger Freiheit, zum Beispiel beim Annehmen von Nebenjobs. Geht nicht, sagen tausende Ärzte und Pflegende. Sie haben ihre Spitaljobs gekündigt.

So oder so lassen sich jahrzehntelange Versäumnisse nicht von heute auf morgen kurieren. Für viele, die derzeit während der Pandemie auf gute Pflege angewiesen wären, kommt wohl jede Hilfe zu spät.

Roman Fillinger

Roman Fillinger

Osteuropa-Korrespondent, SRF

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Roman Fillinger ist Osteuropa-Korrespondent von Radio SRF. Von 2007-2018 arbeitete er in verschiedenen Funktionen beim «Echo der Zeit», zuletzt als Moderator und stellvertretender Redaktionsleiter.

HeuteMorgen, 31.03.2021, 07:00 Uhr

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Kovacs  (Bese)
    Herr Minister Orbán, was sagen Sie dazu?
  • Kommentar von Alexandra Jäger  (Legoriel)
    Das ist leider so. Meine Oma hat Covid überstanden, hat aber im Spital verhungert, da sie selber nicht in der Lage war zu essen und es zu wenig Personal gab, um ihr damit zu helfen. Es gibt auch kein Spitex, meine Mutter musste nach der Spitalentlassung von Oma die ganze Pflege übernehmen. Kein Arzt wollte einen Hausbesuch machen und meine Oma starb, weil sie einfach aus nicht diagnostizierten Gründen nicht mehr essen konnte. In Polen ist es mittlerweile gefährlich geworden, ins Spital zu gehen.
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    ich habe eine tolle Geschichte über Ungarn gehört. Der Herr Orban hat neulich ein neues Stadion (nicht das erste, freilich) bauen lassen, weil ja das Volk durch Sport gesund werden muss. Stadionverbot wegen Corona? Geradezu 11 "sportliche" in der ganzen Anlage anzutreffen? Das sind doch Details, nicht wahr...
    1. Antwort von Marlis Bremgartner  (Brem)
      Gestern auf SRF1 habe ich gehört, dass die EU solche Sportstadion Investieren um den Investor anzulocken. Spitäler und Gesundheit das halb so wichtig. Da muss der Vater Staat in die Tasche greifen und das kostet.