Zum Inhalt springen

Header

Audio
In Nordirland werden die Folgen des Brexits spürbar
Aus SRF 4 News aktuell vom 03.02.2021.
abspielen. Laufzeit 05:16 Minuten.
Inhalt

Nordirland und Brexit «Es ist nicht so, dass man vor einem neuen Bürgerkrieg steht»

Aus Sorge um die Sicherheit der Zollbeamten hat Nordirland die Brexit-Kontrolleure vorübergehend von seinen Häfen abgezogen. Grund sei eine «Zunahme unheimlichen und bedrohlichen Verhaltens in den letzten Wochen». Pro-britische Unionisten sollen zu Gewalt gegen die Grenzbeamten aufgerufen haben. Die Journalistin Tessa Szyszkowitz in London sieht einzelne frustrierte Unruhestifter hinter den Aktionen.

Tessa Szyszkowitz

Tessa Szyszkowitz

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die in London lebende Journalistin und Historikerin Tessa Szyszkowitz berichtet für verschiedene deutschsprachige Medien aus Grossbritannien.

SRF News: Für wie explosiv halten Sie die Lage in Nordirland?

Tessa Szyszkowitz: Nordirland wird immer mit dem Adjektiv «explosiv» assoziiert. Der Friede in Nordirland ist so fragil, dass sofort alle Alarmglocken schrillen, sobald es auch nur zu den geringsten Störungen kommt. Deshalb wurden die Kontrolleure vorübergehend abgezogen – als Vorsichtsmassnahme.

Weiss man, von wem der Gewaltaufruf kam?

In Nordirland geht man nicht davon aus, dass es sich um eine organisierte Aktion von paramilitärischen Gruppen handelt. Es dürfte sich eher um frustrierte Einzelkämpfer handeln, die gegen die neue Zollgrenze im irischen Meer kämpfen möchten und die versuchen, ein bisschen Unruhe zu schaffen. Das ist an sich noch nicht völlig klar. Wenn man aber der Polizei genau zuhört, merkt man: Es ist nicht so, dass man vor einem neuen Bürgerkrieg steht.

Halten Sie es für richtig, dass die EU nach einer solchen Drohung gleich das Personal abzieht?

Wir sehen jetzt die Folgen des Brexits zum ersten Mal. Und es sind alle sehr vorsichtig. Die EU hat am Freitag einen ziemlich grossen Fehler gemacht, da ging es um die nordirisch-irische Grenze. Aber die Vorgänge sind für alle immer derart unangenehm, weil man nicht genau weiss, wie fragil die nordirische Situation eigentlich ist.

Ich glaube, es ist gut, wenn die EU die Situation nicht weiter anheizt.

Deshalb hat man in den Brexit-Verhandlungen so viel Zeit darauf verbracht, sich mit Nordirland zu befassen. Ich glaube, es ist gut, wenn die EU die Situation nicht weiter anheizt.

Unabhängig vom aktuellen Streit: Gibt es in Nordirland, 23 Jahre nach dem Friedensabkommen, überhaupt noch ein Potenzial zur Eskalation? Sprich: Genug grosse, gewaltbereite Gruppen auf der pro-irischen und der pro-britischen Seite?

Wir haben in den letzten Jahren immer wieder gesehen, dass es zu Gewalttaten kommen kann. Es gibt eine neue Generation der pro-irischen, gewaltbereiten Gruppe IRA, 2019 wurde eine junge Journalistin ermordet (Anm. d. Red.: Ein Mitglied der «neuen IRA» bekannte sich zu der Tat). Das ist aber im Moment nicht die Gruppe, um die man sich Sorgen machen müsste – deswegen gibt es ja eine grüne Grenze zwischen Nordirland und Irland, um die IRA davon abzuhalten, sich wieder in den Kampf zu werfen.

Diese geheimnisvollen Vorgänge jetzt und die Graffitis, die wir an den Wänden in Belfast und den Hafenstädten gesehen haben, kommen von den Leuten, die die Einheit mit Grossbritannien nicht aufs Spiel gesetzt sehen wollen durch diese neue Zollgrenze. Das ist aber keine harte EU-Aussengrenze. Da geht es darum, ob man gewisse Tierprodukte besser über die Grenzen bringen kann.

De facto Zollgrenze in Grossbritannien

Das sogenannte Nordirland-Protokoll soll eine harte EU-Aussengrenze zwischen dem EU-Staat Irland und dem britischen Nordirland vermeiden und damit auch das Aufflammen alter Konflikte. Damit wurde de facto eine Zollgrenze innerhalb des Vereinigten Königreichs geschaffen: Nordirland ist enger an die EU gebunden und folgt weiter den Regeln des EU-Binnenmarkts.

Was bedeuten für Sie die aktuellen Spannungen in Nordirland für die Zukunft?

Es ist alles eine Konsequenz des Brexits. Man hat gewusst, dass das passiert. Es ist sozusagen der Fluch der bösen Tat, dass ein nationalistisches Projekt der Engländer diese vier Nationen des Vereinigten Königreichs unter Druck setzt. Die Nordiren und Schotten wollten in der EU bleiben. Aus meiner Sicht geht es weniger darum, dass in Nordirland wieder die Gewalt ausbricht – sondern eher, ob das Vereinigte Königreich ohne Gewalt auseinanderfällt.

Das Gespräch führte Karin Britsch.

SRF 4 News, 3.2.2021, 7:45 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Pascal Noti  (Noti)
    Alle Brexit-Hasser und EU-VerfechterInnen können eins überhaupt nicht:

    -> demokratische Abstimmungen und Wahlen akzeptieren

    Diese Einstellung ist für eine Demokratie wie Gift. Die Sachlichkeit fehlt.
    Nun versucht die EU und ihr Fanklub, ständig GB eins auszuwischen und schlecht zu reden.

    Lasst die Bevölkerung in Schottland und Nordirland abstimmen. Dann können eventuell Gemeinden das Land wechseln.
    Schlussendlich sollen und müssen beide Länder selber Lösungen finden, ohne EU.
    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Jetzt passiert alles, wovor die Gegner des Brexit gewarnt haben, weil sie es haben kommen sehen. Warnungen, welche die als Lügen oder Übertreibungen abgetan wurden. Ist wohl hart zu akzeptieren, wie auch die Tatsache, dass weder Schotten noch Iren den Brexit wollen. Wem es die letzten Jahre wirklich um Souveränität ging, müsste jetzt eigentlich gegen das zentralistische London wettern, das über die Köpfe von zwei Ländern hinweg entschieden hat. Und es ihnen freistellen, ob sie in die EU wollen.
  • Kommentar von Mike Sehmann  (Bernese)
    Nordirland seit jeher Irisch. Eine der letzten Kolonien von GB. Die ganze INSEL Irland hat die Freiheit verdient und soll vereint werden. Die Briten haben in Irland eh nichts verloren.
    TAL32
    1. Antwort von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
      Ich vertstehe was sie sagen, aber die Gegenwart ist nicht so einfach.

      Die Briten haben in GANZ Irland am Anfang nichts verloren, aber die Geschichte von Nordirland kann nicht ohne weiteres undem Teppich gekehrt werden ohne dass es Reaktionen dazu gibt.
    2. Antwort von Patrick Lohri  (Patrick Lohri)
      Nordirland ist absolut nicht irisch, sondern mehrheitlich protestantisch und folglich britisch!
    3. Antwort von Pascal Noti  (Noti)
      Eine kleine Ironie:
      Wer sind die Iren und seit wann?
      Die Angelsachsen und Normanen sind unter König Heinrich II (Henry II) bei den Anglonormanischen Erboberungen um 1169 auf Irland vertreten. Einige Wikinger schon im Frühmittelalter.
      Nach ihrer Logik müssten wir SchweizerInnen die CH vorbildlich auch räumen; die wenigsten von uns haben lokale Ahnen aus grauer Vorzeit .

      80% der Bevölkerung Nordirlands will bei GB bleiben
      Was sollen GB und IRE tun - einer der am längsten andauernde Konflikt
    4. Antwort von Pascal Noti  (Noti)
      Korrektur
      Gemäss den irisch-nationalistischen Parteien "Sinn Féin" und "Social Democratic and Labour Party" sind es rund 40%, welche zu Irland wollen.

      Also 60% wollen bei GB bleiben.
  • Kommentar von willi mosimann  (willi mosimann)
    Boris Johnson wird nicht nur als Brexiter in die Geschichte eingehen sondern auch als Urheber des Zerfalls von GB. Darauf kann er Stolz sein.
    1. Antwort von Matthias Sommer  (abcdef)
      Sagen Sie mal, Herr Mosimann, wie haben sie es mit der Demokratie? Genauso wie ich den Brexit nicht unterstützt hätte als Brite, vertrete ich die entschiedene Meinung, das Votum jetzt ernstzunehmen und umzusetzen, statt immer negativ zu sein.
    2. Antwort von Alfred Reist  (Fredi)
      Er hat nur den Willen einer Mehrheit umgesetzt !
    3. Antwort von Norbert Zeiner  (ZeN)
      Wenn da nicht ein anderes Konstrukt lange vorher in sich zerfällt, eins, dass vor 63 Jahren in einer zukunftsweisenden Form gegründet wurde, aus dem dann aber Bürokraten und Karrieristen vor 30 Jahren einen "Turm von Babel" mit tönernen Füssen im Sand samt "Palast" in diesem für sich selber machten.
      Im Gegensatz dazu GB schon in 300 Jahre viele Krisen und Unwegsamkeiten überdauert, gebaut auf noch viel älterem Fundament.
    4. Antwort von Jonathan Nagel  (J.Nagel)
      Demokratie basiert auf einer mpndigen Bevölkerung. Wenn ein Volk es sich nicht gewohnt ist direkt der Gesetzgeber zu sein, ist es fraglich, ob dies tatsächlich ein demokratischer Mehrheitsbeschluss war. Aber den ausgedrpckten Unmut gegenüber der EU sollte man schon ernst nehem.