«Obama redet den Europäern ins Gewissen»

US-Präsident Barack Obama hat bei seinem letzten Nato-Gipfel den Europäern ins Gewissen geredet. Er befürchtet, dass mit dem Brexit die europäische Staatengemeinschaft in eine längere Phase der Unsicherheit gerät und diese Schwäche ausgenützt werden könnte, wie Korrespondent Fredy Gsteiger erklärt.

Obama am Nato-Gipfel in Warschau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: US-Präsident Barack Obama beschwört am Nato-Gipfel in Warschau die Gemeinschaft der EU. Keystone

Der Austritt Grossbritanniens aus der EU ist beschlossene Sache. Weil aber niemand so richtig weiss, wie es weitergeht, ist die Verunsicherung hüben wie drüben gross. Auch in den USA, wo man um die Stabilität in Europa fürchtet. Diese Angst spürte man auch beim Auftritt des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama an seinem letzten Nato-Gipfel in Warschau deutlich, wie SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger berichtet.

SRF News: Die EU steht ja noch – trotz des Brexit. Malt US-Präsident Obama nicht etwas voreilig den Teufel an die Wand?

Fredy Gsteiger: Ich glaube nicht. Obama hat richtigerweise damit argumentiert, dass selbst wenn der britische EU-Austritt noch nicht erfolgt ist und vielleicht am Ende gar nicht kommt, in Europa nun eine lange Phase der Unsicherheit beginnen könne. Eine Phase, in welcher Europa sehr stark mit sich selber beschäftigt sein wird.

Wovor haben die Amerikaner Angst?

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Sie befürchten, dass durch die Schwächung der EU das Gewicht der westlichen Demokratien in der Welt sinken wird. Obama machte deutlich, dass die EU für ihn ein wichtiger Pfeiler dieser Welt ist. Und eben auch eine Staatengemeinschaft, die westliche Werte vertritt.

Wenn jetzt eine Schwächung eintritt, ist das aus Sicht des US-Präsidenten besonders schwerwiegend, weil die Welt in sehr turbulenten Zeiten steckt, wie er sagt. Eine solche Schwäche des Westens kann natürlich ausgenützt werden von Grossmächten wie Russland oder China, aber beispielsweise auch von Terrororganisationen.

Wie wollen die Amerikaner jetzt die Nato stärken, um dieses Gleichgewicht wieder herzustellen?

Am naheliegendsten wäre, wenn die Amerikaner selber noch mehr in die Nato investieren würden. Aber das ist unrealistisch, bestreiten sie doch bereits über 70 Prozent der Ausgaben der Bündnisses. Sie stellen 70 Prozent der Waffen und Truppenkontingente. Noch mehr Engagement wäre dem amerikanischen Wähler kaum zu verkaufen. Deswegen drängt Obama die Europäer schon lange und jetzt erst recht, mehr zu tun.

Ist der Wunsch realistisch, dass die Europäer mehr tun?

Bestenfalls zum Teil. Man geht davon aus, dass der britische Premierminister David Cameron in Warschau ein stärkeres Engagement ankündigen wird. Indem er beispielsweise ein paar tausend Personen für die schnelle Eingreiftruppe der Nato versprechen wird, auch Truppen zur Stationierung in Osteuropa. Er will damit zeigen, dass sein Land zwar aus der EU austritt, aber an der Nato festhält. Bei den anderen europäischen Staaten sieht es anders aus. Ich denke nicht, dass sehr viele bereit sind, sich wesentlich stärker zu engagieren.

Das Gespräch führte Simon Leu.

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