Millionen Datensätze zu ehemaligen NSDAP-Mitgliedern sind seit Kurzem mit wenigen Klicks abrufbar über das US-Nationalarchiv. Was früher aufwendige Archivarbeit war, geht heute bequem von zu Hause aus. Das sorgt für grosses Interesse, wirft aber auch Fragen auf. Historiker Ulrich Herbert ordnet diese neue Transparenz ein.
SRF News: Warum ist das Interesse an diesen Daten derzeit so gross?
Ulrich Herbert: Das hat damit zu tun, dass grosse deutsche Wochenzeitungen wie «Die Zeit» und «Der Spiegel» sehr intensiv darüber berichtet haben. Sie haben auch dafür geworben, sich über die eigene Familiengeschichte zu informieren und Wege aufgezeigt, wie man relativ einfach auf diese Dateien zugreifen kann. Dieses Interesse bestand wohl schon vorher, wurde jetzt aber durch die vereinfachte Methode in Gang gebracht. Seit den 1970er-Jahren waren die Akten für Historiker zugänglich, später auch über das deutsche Bundesarchiv.
Viele wollen wissen, was ein Grossvater oder Urgrossvater im Zweiten Weltkrieg gemacht hat.
Warum wurden die Daten über die USA veröffentlicht?
In den USA gelten andere rechtliche Bestimmungen. Das Nationalarchiv in Washington konnte die Daten deshalb einfacher veröffentlichen, vermutlich in enger Abstimmung mit dem deutschen Bundesarchiv. Dieses hätte die Veröffentlichung schon länger gerne umgesetzt, war aber rechtlich eingeschränkt.
Welches Interesse hat das Bundesarchiv an einer Veröffentlichung?
Es ist die gesetzlich festgelegte Aufgabe aller staatlichen Archive, Unterlagen der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich zu machen. Das Bundesarchiv verfolgt heute eine deutlich liberalere und forschungsfreundlichere Linie als früher, auch bei diesen Akten.
Was bedeutet diese neue Transparenz für die Menschen heute?
Viele wollen wissen, was ein Grossvater oder Urgrossvater im Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Das ist wohl die häufigste Motivation. Manche vermuten, Hinweise auf Verbrechen zu finden. Das ist mit diesen Unterlagen aber kaum möglich, die Akten der SS sind zum Beispiel nicht dabei. Es gibt auch ein gewisses Missbrauchspotenzial: Man kann über jemanden forschen, den man nicht leiden kann. Doch das scheint derzeit nicht das Hauptproblem zu sein.
Für belastbare Aussagen muss man sehr viel weiter recherchieren.
Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem?
Viele überschätzen die Aussagekraft der Daten. Wenn man weiss, dass jemand 1936 oder 1937 in die Partei eingetreten ist, kann man daraus nicht viele Informationen über sein engeres Verhalten ziehen. Bei einem frühen Eintritt kann man vermuten, dass der Betreffende doch ein sehr enger Parteigenosse war, der mit viel Sympathie auf die nationalsozialistische Partei geguckt hat. Wenn jemand später eingetreten ist, besteht ein Opportunismus-Verdacht. Für belastbare Aussagen muss man jedoch sehr viel weiter recherchieren.
Kann der neue Zugang den Umgang mit der NS-Vergangenheit verändern?
Das kann sein, vor allem den deutschen Umgang. Vor allem könnte es helfen, eine Lücke zu schliessen: zwischen den Kenntnissen über das NS-Regime insgesamt und den mangelnden Kenntnissen durch das völlige Schweigen der älteren Generationen über ihre eigene Vergangenheit.
Das Gespräch führte Silvan Zemp.