Der abgewählte ungarische Regierungschef Viktor Orban galt in Europa als einer der engsten Verbündeten Russlands. Was die neue Politik in Budapest für Moskau künftig bedeutet, erläutert SRF-Russland-Korrespondent Calum MacKenzie.
Wie reagieren die russischen Medien?
Die staatstreuen Medien hatten im Vorfeld ein knappes Rennen vorausgesagt. Jetzt aber schreiben sie, der Wahlsieg von Peter Magyar sei zu erwarten gewesen. Ungarn sei aber dennoch tief gespalten und werde jetzt in eine politische Krise stürzen. Es sind wohl Versuche, ein Wahlresultat herunterzuspielen und schönzureden, das für Russland ein Debakel ist. Orban war für den Kreml ein sehr wichtiger Verbündeter. Aber dass genau das auch zu Orbans Abwahl beigetragen hat, erwähnen die russischen Medien nicht. Interessant ist, dass sie das Wahlresultat an sich nicht infrage stellen - vermutlich, weil es so deutlich ist.
Was sagen die Medien zum deutlichen Resultat?
Zunächst ist die Rede davon, dass sich die EU massiv eingemischt habe zugunsten von Magyar. Aber viele russische Zeitungen schreiben auch, dass die Ungarinnen und Ungarn sich einen Wechsel gewünscht hätten. Schliesslich sei Orban bereits 16 Jahre an der Macht. Das ist eine schwache Erklärung, wenn man bedenkt, dass Putin in Russland ja schon seit 26 Jahren an der Macht ist - auch das zeigt, dass sie auf eine so deutliche Niederlage Orbans nicht vorbereitet waren. Weiter heisst es, das Resultat beweise, dass es keine russische Einmischung gegeben habe. Dabei gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass russische Netzwerke Desinformationskampagnen geführt hatten.
Was verliert Moskau mit Orban?
Man darf nicht unterschätzen, wie stark Orban den russischen Einfluss in die EU hineingetragen hat. Er hat EU-Sanktionspakete gegen Russland blockiert oder die finanzielle Unterstützung der Ukraine aufgehalten. Orban argumentierte dabei immer, das sei im Interesse Ungarns. Doch inzwischen weiss man mehr über Orbans direkten Kontakt mit Moskau. So telefonierte etwa der ungarische Aussenminister zwischen EU-Sitzungen mit Russlands Aussenminister Sergei Lawrow, um diesen zu den vertraulichen EU-Gesprächen auf dem Laufenden zu halten. Orbans Regierung untergrub also die EU-Politik offenbar teilweise auf direkte russische Anweisung hin. Dieser wichtige Hebel innerhalb der EU fehlt Moskau jetzt.
Was bedeutet das für Russland?
Peter Magyar gilt als grundsätzlich pro-europäisch. Trotzdem geben sich jetzt einige russische Medien optimistisch: Magyar werde nicht vollständig mit Russland brechen, auch werde er die Ukraine kaum stark unterstützen, schreiben sie etwa. Weniger zuversichtlich scheint der Kreml zu sein. So gratulierte Putin Magyar nicht zu dessen Wahlsieg. Putins Sprecher erklärte dies damit, dass Ungarn ein «unfreundliches Land» sei. So bezeichnet Moskau die EU-Staaten und alle Länder, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Hätte Orban gewonnen, hätte ihm Putin aber wohl gratuliert - er scheint es aber für eine Zeitverschwendung zu halten, auf Magyar zuzugehen. Trotzdem wird Moskau auch ohne Orban weiterhin versuchen, die EU zu spalten. Dazu hat der Kreml ja noch andere, ihm freundlich gesinnte Regierungen: jene in der Slowakei etwa. Allerdings konnte die dortige Regierung bislang auch deshalb eine russlandfreundliche Politik verfolgen, weil sie im Windschatten Orbans mitsegeln konnte. Es könnte für Russland jetzt also schwieriger werden, die Spaltungsstrategie in der EU weiterzuführen.