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Neues Gesicht an der Spitze der UNRWA
Aus Echo der Zeit vom 27.05.2020.
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Palästinenserhilfswerk UNRWA «Wir sind Teil der Lösung, nicht des Problems»

Mitten in der Coronakrise übernimmt der Schweizer Philippe Lazzarini die Führung des Palästinenserhilfswerks UNRWA. Es ist mit 30'000 Angestellten die grösste und zugleich eine der umstrittensten UNO-Organisationen und steht finanziell sowie politisch massiv unter Druck – nicht zuletzt von den USA. Lazzarinis Vorgänger Pierre Krähenbühl, ebenfalls Schweizer, musste den Chefposten vergangenes Jahr unter unschönen Umständen abgeben.

Philippe Lazzarini

Philippe Lazzarini

Generalkommissar UNRWA

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Philippe Lazzarini wurde 2020 zum Generalkommissar des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) ernannt. Für die UNO ist er seit 2003 im Einsatz. Er arbeitete unter anderem im Irak, in Angola, Somalia und den besetzten palästinensischen Gebieten.

SRF News: Bereits kurz nach dem Ausbruch der Coronakrise galten Menschen in armen, dicht besiedelten Gebieten als besonders gefährdet. Also Gebiete wie die palästinensischen Flüchtlingslager, Gebiete wie Gaza, wo die UNRWA für rund fünf Millionen Menschen die Schulen, das Gesundheits- und Sozialwesen betreibt. Wie sieht die Corona-Lage zurzeit dort aus?

Philippe Lazzarini: Es stimmt, am Anfang machten wir uns sehr, sehr grosse Sorgen. Die Palästinenserlager sind überbevölkert. Aber bisher gelang es uns, das Virus in Schach zu halten. In den fünf Gebieten, in denen die UNRWA tätig ist – Libanon, Jordanien, Syrien, Westbank und Gaza –, gab es bisher nur wenige Fälle. Das liegt daran, dass wir unsere Arbeitsweise rasch angepasst haben. Mit Präventionskampagnen, mit Telemedizin, mit Hauslieferung von Medikamenten. Wir taten in den Lagern alles, um Menschenansammlungen zu verhindern.

Sie treten Ihr Amt in einem äusserst schwierigen Moment an. Vor allem die finanzielle Situation der UNRWA ist prekär. Lässt sich das Problem lösen?

Wir sind zurzeit tatsächlich mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Es gibt die Coronakrise. Es gibt die Beschädigung unseres Rufes. Gewisse Leute stellen gar grundsätzlich die Daseinsberechtigung der UNRWA in Abrede.

Es ist meine zentrale Aufgabe, die politische Unterstützung umzumünzen in finanzielle Beiträge.

Bei der Finanzierungskrise schöpfe ich Zuversicht aus der starken Unterstützung, welche die UNRWA erlebte, als die UNO-Generalversammlung im Dezember unser Mandat verlängert hat. Es ist jetzt meine zentrale Aufgabe, diese politische Unterstützung umzumünzen in finanzielle Beiträge für die Organisation.

Gibt es Länder, die bereit sind, mehr für die UNRWA zu zahlen, nachdem die USA ihre Beiträge gekappt haben?

Ja. Das Finanzloch, das die USA hinterliessen, betrug 2018 schon 300 Millionen Dollar. Damals gab es einen grossen kurzfristigen Solidarisierungseffekt. Zahlreiche Geldgeber zahlten spontan mehr. 2019 war hingegen viel schlimmer. Jetzt muss es mir gelingen, wieder Berechenbarkeit bei der Finanzierung der UNRWA herzustellen, also dafür zu sorgen, dass sich die Geberstaaten zu langfristigen Zahlungen verpflichten.

Die politische Kritik an der UNRWA hat zugenommen. Durch Israel, vor allem aber seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump durch die Vereinigten Staaten. Sehen Sie eine Chance, die USA wieder an Bord zu holen?

Nun, es versuchen zurzeit auch etliche Regierungen, die USA davon zu überzeugen, ihre Entscheidung zu überdenken und wieder zu einem Partner der UNRWA zu werden.

Möglicherweise führt die Coronakrise in den USA dazu, dass sie sich neu überlegen, wen sie im Nahen Osten unterstützen.

Momentan scheint mir das ein schwieriges Unterfangen. Aber möglicherweise führt gerade die Coronakrise in den USA zu einem Umdenken. Dazu, dass sie sich neu überlegen, wen sie im Nahen Osten unterstützen. Jedenfalls gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich die USA in Zukunft wieder bei der UNRWA engagieren.

Auch der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis sorgte für Aufsehen, als er die Frage aufwarf, ob die UNRWA im Nahostkonflikt nicht eher Teil des Problems als Teil der Lösung sei.

Ich bin überzeugt, dass es keine bessere Investition in die Zukunft und in die Stabilität im Nahen Osten gibt als eine Investition in die UNRWA. Unsere Organisation bereitet junge Palästinenserinnen und Palästinenser, also die künftige Generation, auf die Zukunft vor. Insofern sind wir ganz klar Teil der Lösung und gewiss nicht des Problems.

Hatten Sie bereits Gelegenheit, sich mit Bundesrat Cassis auszutauschen und über ihre unterschiedlichen Positionen zu diskutieren, allenfalls gar eine Annäherung zu finden?

Wegen der Coronakrise konnte ich bisher nicht nach Bern reisen. Aber ich stehe in Kontakt mit der Bundesverwaltung. Aussenminister Cassis und ich haben uns schriftlich ausgetauscht. Ich denke, es wird uns gelingen, die unterschiedlichen Sichtweisen zu überwinden. Die Schweiz darf stolz sein auf das, was sie für und in der UNRWA leistet. Das Beste, was die Schweiz tun kann, ist, dieses Engagement fortzusetzen.

Kritiker der UNRWA zielen auch auf deren Mandat. Es sorgt dafür, dass es im Laufe der Zeit statt weniger immer mehr palästinensische Flüchtlinge gibt, da der Flüchtlingsstatus von den ursprünglich Geflüchteten auf Kinder und Enkel vererbbar ist. Sehen Sie dieses Mandat ebenfalls als Problem?

Genau dieses Mandat wurde vor kurzem mit grosser Mehrheit in der UNO verlängert. Zudem ist es gar nicht dieses spezifische UNRWA-Mandat, das es erlaubt, den Flüchtlingsstatus quasi zu vererben. Das ist vielmehr generell im Völkerrecht so angelegt, solange es keine dauerhafte Lösung für eine konkrete Flüchtlingsgruppe gibt. Die Palästinenser sind derzeit die einzigen Flüchtlinge, die noch kein Heimatland haben, wohin sie sich begeben können. Besässen also die Palästinenser und ihre Kinder und Enkel keinen UNRWA-Flüchtlingsstatus, wären sie staatenlos und hätten überhaupt keinen völkerrechtlichen Status.

Ihr Vorgänger Pierre Krähenbühl musste sein Amt unter lauten Nebengeräuschen abgeben. Vorwürfe von Misswirtschaft, von Fehlmanagement, von Vetternwirtschaft standen im Raum. Er selber sieht sich freilich als Opfer politischer Attacken.

Innerhalb der UNO wurden nun gleich mehrere Untersuchungen durchgeführt. Sie kamen zum Ergebnis, dass keinerlei Betrug und keine finanziellen Verfehlungen passierten. Es ist jetzt an der Zeit umzublättern und zu beginnen, das Vertrauen in die UNRWA wiederherzustellen. Immerhin geht es um eine Organisation, die hier im Nahen Osten Gutes tut und dank der eine ganze Bevölkerung, die teils unter hoffnungslosen Umständen lebt, trotz allem Hoffnung schöpfen kann.

Sie wollen ein neues Kapitel aufschlagen. Was kann die UNRWA selber tun, damit das möglich wird? Sind die offenen Fragen rund um den Abgang von Pierre Krähenbühl tatsächlich beantwortet?

Ich traf vorige Woche in New York die Vertreter der UNO-Mitgliedsländer und des UNO-Generalsekretariats. Das war die Gelegenheit, die Mitglieder über die Untersuchungen zu informieren und vor allem auch über die Massnahmen bei der UNRWA aufgrund der jüngsten Vergangenheit. Mein Eindruck ist: Die meisten Länder wollen nun ein neues Kapitel aufschlagen und nach vorn blicken. Der kritische Blick nach innen ist erfolgt. Die Lehren wurden gezogen. Nun gibt es eine neue UNRWA-Führung. So können wir das verlorene Vertrauen zurückgewinnen.

Sie scheinen zuversichtlich, dass es Ihnen gelingt, diese riesige UNO-Organisation wieder auf Kurs zu bringen.

Ja, ich denke, wir können das Kapitel Führungs- und Managementkrise abschliessen und den Reputationsschaden für die UNRWA reparieren. Allerdings gibt es zahlreiche neue Herausforderungen, auf die wir nun unsere Energie richten müssen: die Finanzkrise, die Corona-Folgen und auch das Ziel, dass alle regionalen Akteure die UNRWA als Teil der Lösung des Nahostkonflikts sehen.

Das Gespräch führte Fredy Gsteiger.

«Echo der Zeit», 27.5.20, 18:00 Uhr;

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Stocker  (Beat Stocker)
    Ein weiteres Corona-Absurdum. Lazzarini kann sich mit UNO-Exponenten in NY treffen, aber nicht mit dem BR in Bern.
    Die Tatsache, dass in den engen Verhältnissen von Flüchtlingslagern (oder einem Kontinent wie Afrika) kaum Ansteckungen passieren, ist auf jeden Fall zu untersuchen, um mehr zu Art und Infektionsfaktoren herauszufinden.
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Beat Stocker: Mangels Einkommen reisen die Afrikaner viel weniger und arbeiten oft dort, wo sie wohnen. Also kann es natürlicherweise schon sein, dass es dort viel weniger Ansteckungen gibt. Wir haben das ja bei uns im Lockdown auch gesehen.
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    2. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Eine weitere Möglichkeit wäre, dass wegen der durchschnittlich jungen Bevölkerung mehr Ansteckungen im Verborgenen abgelaufen sind, weil es in dem Alter mehr symptomlose oder symptomarme Verläufe gibt.
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  • Kommentar von Sascha Ehring  (MountainmanSG)
    Die Palästinenser werden enteignet, in Lager gesteckt, bombardiert und viel viel schlimmes wird ihnen jeden Tag angetan. Aber das ist allen egal weil sie Muslime sind, die Täter sind die Israelis aber die sind jüdisch und damit haben sie einen Freifahrtsschein. Die Welt schaut selbst 2020 zu wie ein Volk verschwindet.
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Sascha Ehring: Dass sich die Palästinenser über die Religion definieren, haben sie erst mit dem Aufkommen des Islamismus gemerkt. Vor allem die Hamas versucht daraus Profit zu schlagen und verweigert sich damit dem Friedensprozess. Ursprünglich hatte das nichts mit der Religion zu tun. Es gibt auch Palästinenser die Christen sind. Die haben die gleichen Probleme wie die muslimischen Palästinenser. Jassir Arafats Witwe, Suha at-Tawil, ist griechisch-orthodoxe Christin. Das war nie ein Problem.
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    2. Antwort von Andreas Beerli  (swissneutro)
      Beim Freifahrtsschein bin ich gleicher Meinung, und dass so viele dagegen voten, ist bestürzend. Wer hat denn die Macht, Frieden zu machen? Es ist Israel. Das ist nun mal Fakt. Ich rede nicht über Juden, oder Muslime. Gar nicht der Punkt. Frieden kann nur vom Stärkeren kommen. Da sehe ich schwarz, so lange Israel stark rechts wählt, wird das immer trauriger werden! Und niemand macht was!!
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    3. Antwort von Patrik Müller  (P.Müller)
      @swissneutro: Aus der Sicht der arabischen Staaten hat Israel nur die Macht Frieden in der region zu stiften indem es sich selber von der Landkarte tilgt... Und wie sich dann die arabischen Staaten untereinander, in gegenseitiger Freundschaft, das freiwerdende Land zugunstenn der befreiten Palästinenser aufteilen? Dazu gibt es Anschaungsunterricht im gesammten muslimisch geprägten Raum.
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    4. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      @Beerli: Frieden kann niemand mit Macht herbeiführen. A. Sharon hat das probiert mit dem Rückzug aus dem Gaza Streifen. Die Idee ist kläglich gescheitert.
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    5. Antwort von Andreas Beerli  (swissneutro)
      @Beat Reuteler: 1995 fiel Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin einem Attentat zum Opfer. Der Täter Yigal Amir entpuppte sich als orthodoxer Jude und Rassist. Heute hat er sein Ziel erreicht. Der Friedensprozess ist tot.
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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Lösungen haben als inneren Kern die Schaffung eines finalen Zustandes. Der Erhalt und Betrieb von Flüchtlingslagern in einem quasiexterritorialen Sinn, bezogen auf viele der Standorte, ist kein finaler Zustand. Faktisch hat man es mit einem dauerhaften Providurium, das von der UNO und Weltgemeinschaft mitfinanziert wird zu tun.
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    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Das ist auch der Hauptgrund, wieso viele die UNRWA als Teil des Problems sehen, statt als Teil einer Lösung. Wer 70 Jahre lang einen solchen Zustand "kultiviert" sollte sich nicht wundern.
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    2. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      br. Ja, sicher! Nach 70 Jahren sollen die Vertriebenen endlich ruhig sein, und nicht mehr in ihre Herkunftsregion zurückkehren wollen. So schafft man Tatsachen.
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    3. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      @R.Camenisch
      In Europa haben wir das so gemacht. Wir haben Königsberg/Kaliningrad, Breslau/Wroclaw, Lemberg/Lwow/L'viv geschaffen und akzeptiert. Der gewaltige Bevölkerungsaustausch zwischen Deutschland, seinen Ostgebieten, Polen, Weissrussland, Russland und der Ukraine ist weitestgehend akzeptiert und die polnischen, ukrainischen, russischen, deutschen Flüchtlinge/Vertriebenen sind in ihre Gesellschaften integriert worden! Auch die Türkei und Griechenland ua. haben gezeigt, dass es gehen kann!
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