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Venezuela: Reichtum für Wenige - Armut für Viele
Aus Rendez-vous vom 12.03.2021.
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Parallelwelt der Neureichen «Reich zu sein ist schlecht»: Das war einmal in Venezuela

Der verstorbene Präsident Hugo Chávez predigte den «Sozialismus des 21. Jahrhunderts». Von den Werten blieb wenig übrig.

In den schicksten Vierteln von Caracas ist der Luxus-Boom in vollem Gange. Jeden Monat macht ein neues Restaurant auf. Porsches röhren durch die Strassen. Der Pro-Kopf-Verkauf von Uhren in Venezuela hat den der Nachbarländer überstiegen. In den Vierteln Las Mercedes oder Altamira schiessen Schuhgeschäfte, Möbelhäuser und Gourmet-Bäckereien aus dem Boden.

Gleichzeitig haben 80 Prozent der Haushalte und die Hälfte der Spitäler kein oder kaum Trinkwasser. Der Niedergang ist überall sichtbar: Nach den jüngsten Daten von den wichtigsten Universitäten und Beobachtungsstellen in Venezuela sind 96 Prozent der Haushalte arm.

Hugo Chavez 2010 in Caracas
Legende: «Reich zu sein ist schlecht» ist einer der Sätze, der vom verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez in Erinnerung geblieben ist. Keystone

Der 40-jährige Friseur Raul Rojas aus Caracas ist empört: «Frustration, Wut, Ohnmacht. In den Millionärsvierteln sehe ich gepanzerte Luxus-Fahrzeuge. Wie ist das möglich? Wer kann sich das leisten? Die humanitäre Krise trifft die Venezolaner jeden Tag mehr, sie sind nicht in der Lage Nahrungsmittel zu kaufen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.»

Es gibt zwei Erklärungen für diesen Reichtum der Wenigen. Die erste hängt mit den internationalen Sanktionen zusammen, wie der Ökonom Rudi Cressa, Professor an der führenden Wirtschaftshochschule IESA von Venezuela, sagt.

«Der kausale Effekt zwischen den Sanktionen und der Opulenz, dem Überfluss hat damit zu tun, dass viele Leute, die sanktioniert sind, im Land bleiben. Ihre Anwälte raten ihnen davon ab, das Land zu verlassen. Also bleiben sie alle in ihrer Heimat – auch verstärkt durch die Pandemie – und geben ihr Geld hier in Venezuela aus.»

Dollarisierung der Wirtschaft

Die US-Regierung hat 166 venezolanische Einzelpersonen, die mit dem venezolanischen Regime in Verbindung stehen, mit Sanktionen belegt, indem sie ihr US-Vermögen einfriert und sie daran hindert, dorthin zu reisen.

Ähnliche Schritte wurden kürzlich von der Europäischen Union und von Grossbritannien gegen etwa 40 Venezolaner unternommen. So wollen sie Venezuelas Staatschef Maduro in die Knie zwingen.

Mann schleppt Rad in Armenviertel von Caracas, Februar 2021
Legende: Die Mittelschicht kann sich nur noch eine Mahlzeit pro Tag leisten, die wohlhabende Minderheit kauft sich Wagyu Beef für 200 Franken pro Kilo. Trotz Krise und Armut hat sich in Venezuela eine Luxus-Parallelwelt gebildet. Keystone

Die andere grosse Veränderung ist die Dollarisierung der Wirtschaft. Die Regierung bekommt die Hyperinflation nicht in den Griff und druckt deshalb einfach neue Geldscheine mit grossen Bolivar-Beträgen, die aber auch kaum was wert sind. Darum: Der US-Dollar, einst illegal, ist überall willkommen.

Undurchsichtige Geschäfte

Das ist ein Wendepunkt für viele Unternehmen, die nicht mehr befürchten müssen, dass sich ihre Einnahmen in zwei Wochen halbieren. Bei diesen Unternehmen handelt es sich um venezolanische Geschäftsleute und Unternehmer mit langer Tradition, die trotz Rezession und Pandemie durchgehalten haben und sogar wuchsen, sagt der Ökonom Cressa.

Aber der grösste Teil der Reichen werde durch ihre Verbindungen und Beziehungen zu den oberen Rängen der Macht begünstigt und erhalte auf undurchsichtige oder unethische Weise und ausserhalb des Gesetzes Zugang zu Verträgen, Konzessionen und Möglichkeiten. «Das erlaubt es ihnen, sehr schnell ein Vermögen anzuhäufen», so Cressa.

Vergnüglicher Abend in gehobenem Quartier in Caracas:
Legende: Vergnüglicher Abend in gehobenem Quartier in Caracas: Für die Mehrheit der Menschen im Land ist die Realität eine andere. Getty Images

Und dieses Vermögen werde hauptsächlich für sichtbare Symbole für Reichtum und Prunk ausgegeben, sagt die venezolanische Soziologin Angela Oraa. «Diese Venezolaner mögen es reich zu sein und zeigen das. Es geht nicht um den Erwerb von Kunst oder guter Lektüre. Es boomen Sportwagen und Markenkleider.»

Eine kleine Gruppe – denen die Dollar nicht so schnell ausgehen. Aber Millionen Bürgerinnen und Bürger sehen von diesen Dollar nie etwas.

Video
Aus dem Archiv: Machtkämpfe in Venezuela
Aus Tagesschau vom 03.02.2021.
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Rendez-vous vom 12.03.2021, 12:30 Uhr

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Peter Zuber  (Hä nuuh)
    Ich habe in den 80-er Jahre Venezuela besucht da war das genau so. Einigen wenigen Familien gehörte das ganze Land und die USA war Schutzmacht und Profiteur.
    Chavez hat verkündet das ändern zu wollen und ist gescheitert. Somit wieder zurück zum Anfang.