Zum Inhalt springen
Inhalt

Präsidentin abgesetzt Park droht eine jahrelange Haftstrafe

Die Absetzung von Präsidentin Park Geun Hye wird offenbar von der Mehrheit der Südkoreaner begrüsst. Trotzdem dürfe es zu grossen Demonstrationen und Ausschreitungen kommen, sagt der Journalist Fabian Kretschmer. Er lebt und arbeitet in Seoul.

Legende: Video Südkorea entmachtet Präsidentin abspielen. Laufzeit 01:42 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 10.03.2017.

SRF News: Wie sind die Reaktionen in Südkorea auf die Amtsenthebung von Präsidentin Park durch das Verfassungsgericht?

Fabian Kretschmer: Die südkoreanische Gesellschaft ist gespalten. Es gibt Freudentänze auf den Strassen, aber auch Trauer und Wut. Derzeit sieht man vor allem die Anhänger Parks. Das hat vor allem damit zu tun, dass dies meist Senioren sind, die nicht mehr zur Arbeit müssen und jetzt, zur Mittagszeit, das Bild in den Strassen dominieren. Das dürfte am Abend allerdings ändern: Um 19 Uhr ist die «Kerzenschein-Demo» der Park-Gegner angesetzt. Dort dürfte ausgelassen gefeiert werden.

Die Polizei macht sich offenbar auch auf Ausschreitungen gefasst. Ist bereits etwas vorgefallen?

Die südkoreanische Nachrichtenagentur spricht von zwei Toten, allerdings ist nicht klar, was passiert ist. Sicher ist, dass es bereits zu kleineren Ausschreitungen und Rangeleien gekommen ist. So haben Senioren in einer U-Bahnstation Journalisten herumgeschubst, andernorts haben sie gegen Polizeibusse geschlagen. Insgesamt sind 20'000 Polizisten in der Seouler Innenstadt im Einsatz, sie haben viele Strassen mit Bussen abgesperrt.

Der Richterentscheid fiel einstimmig mit 8:0. Waren die Meinungen wirklich so klar?

Das weiss man nicht. Über die Arbeit des Gerichts ist in den letzten Wochen nichts nach aussen gedrungen. Entsprechend gespalten waren auch die Erwartungen der Experten vor Veröffentlichung des Urteils. Trotzdem ist der Entscheid nicht wirklich überraschend, denn es ging ja nicht darum, über die Korruptionsvorwürfe gegen Park zu richten. Die Richter hatten einzig zu entscheiden, ob die Präsidentin ihre Kompetenzen derart überschritten hat, dass sie nicht mehr in der Lage ist, das Land zu regieren.

Es gibt viele innen- und geopolitische Probleme. Da braucht das Land rasch eine starke Führung.

Was passiert nun mit der abgesetzten Präsidentin Park?

Es gibt keinen vergleichbaren Fall, weil sie die erste Präsidentin in Südkorea ist, die ihres Amtes enthoben wurde. Konsens herrscht darüber, dass das Urteil unverzüglich Gültigkeit hat und auch keine Revisionsmöglichkeit besteht. Damit ist Park ab sofort nicht mehr Präsidentin Südkoreas. Sie muss in ihre Privatwohnung umziehen, hat weniger Privilegien, Rente und Personal zur Verfügung. Das wichtigste aber ist, dass sie ihre Immunität verliert und nun ein Strafverfahren am Hals hat. Die Vorwürfe sind sehr schwer, es könnte sein, dass sie dereinst zu einer jahrelangen Gefängnisstrafe verurteilt wird.

Die Affäre um Park hält das Land seit Monaten in Atem, der Absetzung sind monatelange Strassenproteste vorausgegangen. Ist die politische Krise nun beendet?

Kaum. Zunächst wird es nochmals grosse Demonstrationen von Anhängern und Gegnern Parks geben, bei denen es auch zu Ausschreitungen kommen könnte. Ausserdem ging es bei dem Korruptionsskandal nicht nur um die Präsidentin, auch Berater und Ministerien sind involviert. Die strafrechtliche Aufarbeitung des Falles wird das Land auch in den nächsten Monaten beschäftigen.

Spätestens bis am 9. Mai gibt es Neuwahlen. Wird die Opposition von der Affäre um Präsidentin Park profitieren können?

Es wäre eine grosse Überraschung, wenn die linke Oppositionspartei nach den Wahlen nicht den Präsidenten stellen würde. Die Konservativen hatten ihre Hoffnung in eine Kandidatur von Ex-UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon gesetzt, doch der steht nicht zur Verfügung. Einziger Kandidat, dem noch Chancen zugerechnet werden, bleibt für die Konservativen damit der jetzige Ministerpräsident Hwang Kyo Ahn. Allerdings haben schätzungsweise 80 Prozent aller Südkoreaner das Amtsenthebungsverfahren begrüsst, darunter sind also auch viele konservative Wählerinnen und Wähler. Entsprechend scheint das Volk einen Wandel zu herbeizusehnen. Wichtig ist vor allem, dass das seit Monaten herrschende Führungsvakuum beendet wird. Mit dem Nordkorea-Konflikt und dem umstrittenen, von den USA installierten Raketenabwehrsystem THAAD gibt es viele innen- und geopolitische Probleme. Da braucht das Land eine starke Führung.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Demos und Tote

Demos und Tote

Bei den Demonstrationen von Anhängern Parks sind nach Medienberichten zwei Menschen gestorben. So wurde ein 72-jähriger Mann in der Nähe des Verfassungsgerichts in Seoul schwer verletzt aufgefunden. Er starb kurz darauf. Ausserdem sei ein 60 Jahre alter Mann in der Nähe des Gerichts gestorben. Details gab es zunächst nicht.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Park Geun Hye hat so viele Fehler gemacht und war seit Monaten nur noch damit beschäftigt, die Vorwürfe zu vertuschen und abzuwehren. Zum regieren hatte sie daher ohnehin keine Zeit mehr. Es scheint, als würde sich die Demokratie in Ostasien mehr und mehr festigen. Solche Grossdemonstration wie in Südkorea gegen Park Geun Hye hat es im Westen schon lange nicht mehr gegeben. Nachdem Taiwan, Japan und Südkorea auf den richtigen Zug aufgesprungen sind bleibt die Frage: Wann kommt China?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Karl Kirchhoff (Charly)
      Gegen Trump haben auch Hunderttausende demonstriert!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von D. Thrum (Thrum)
    Die ganze Geschichte zeigt auch wieder schön wie wichtig ein funktionierender Journalismus, der solche Korruptionen aufdeckt, für eine Demokratie ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Die Geschichte gleicht derjenigen von Brasilien. Massenproteste und/ oder Farbrevolutionen, zwar gewaltlos, aber ebenso auch kompromisslos verlangen die Absetzung der Präsidentin - mit allen Konsequenzen. Das passiert juste in den Tagen, in denen die USA in Südkorea einen gewaltigen Raketenschirm gegen Nordkorea am installieren sind, obwohl China heftig dagegen protestierte. Viel zielführender fände ich diplomatische Dienste zwischen Nord- und Südkorea.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Juha Stump (Juha Ilkka Stump)
      Diplomatische Dienste zwischen Nord- und Südkorea? Zum Lachen. Mit denen vom Norden konnte man bis heute noch nie vernünftig sprechen, andere Behauptungen sind nur Propaganda. Auf welcher Seite stehen Sie selber? - Was China betrifft, sind die in Peking die Letzten, die ein Mitspracherecht haben. Ohne das direkte Eingreifen der Chinesen wäre der Koreakrieg schon im Herbst 1950 beendet worden, zudem wären beide Landesteile wiedervereinigt worden. Von Peking kam noch nie etwas Gutes.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen