Treorchy. Ein Dorf im Rhondda-Tal, im Südwesten von Wales. Hier wurde bis in die 70er Jahre Kohle abgebaut. Und die Basis der Labour-Partei aufgebaut. Wer in den Minen arbeitete, identifizierte sich stark mit der Partei, die sich für bessere Bedingungen einsetzte.
Walisisch-Sein, sagt der Politologe Jac Larner der Universität Cardiff, sei deshalb auch immer verknüpft gewesen mit linker Politik und Arbeiterklasse: «Und die Aussicht, dass bei den kommenden Wahlen die Labour-Partei sehr schlecht abschneiden könnte, hat einen grossen Einfluss darauf, wie viele Waliser und Waliserinnen nun das eigene Land sehen.»
Von der Labour-Niederlage profitieren Andere
Die Umfragen zeichnen ein düsteres Bild für die Partei von Premierminister Keir Starmer: Labour könnte in Wales viele Sitze verlieren – profitieren werden die Rechtspopulisten rund um Nigel Farage und die Walisische Nationalpartei Plaid Cymru.
Sera Evans ist für Plaid Cymru auf der Wahlliste. Sie ist in Treorchy bereits im lokalen Rat – und will jetzt ins Walisische Parlament, den Senedd.
In Treorchy treffen die Kandidatinnen von Plaid Cymru auf eine Frau, deren Vater in den Kohleminen arbeitete und die sich selbst als Sozialistin bezeichnete. Sie habe immer Labour gewählt, sagt Ann Washington. Doch dieses Jahr wechsle sie zu Plaid Cymru – denn Labour stehe nicht mehr für die alten Werte: «Labour rückt immer weiter in die politische Mitte. Ich befürchte, heute ist Labour nicht mehr die Partei der Leute, die Partei der Arbeiter.»
Einige fühlen sich im Stich gelassen
Sera Evans und ihre Mitstreiter profitieren von den Wählerinnen und Wählern, die von Labour enttäuscht wurden. Und sie positionieren sich als einzige Alternative zu den Rechtspopulisten von Reform UK, der Partei rund um Nigel Farage.
Auch Reform UK erhält Stimmen von enttäuschten Labour-Unterstützern. Zum Beispiel von Paul Davies. Sein Grossvater war Labour-Politiker – doch Davies fühlt sich von der Partei nicht mehr vertreten: «Sie haben mich in Stich gelassen.» Davies sagt, obwohl er arbeite, habe er Mühe, den Alltag zu bestreiten. «Ich persönlich mag Nigel Farage nicht. Aber ich will dem Neuen eine Chance geben.»
Viele wählen taktisch
Aktuelle Umfragen deuten auf ein knappes Rennen zwischen den Rechtspopulisten und der Walisischen Nationalpartei Plaid Cymru hin.
Jac Larner von der Universität in Cardiff sagt, das führe dazu, dass viele Waliser und Waliserinnen taktisch wählen würden. Sie würden die Nationalpartei unterstützen, um Reform UK zu verhindern. Für Labour könnte dies einen grossen Sitzverlust bedeuten.
Über 100 Jahre lang war Labour die prägende politische Kraft in Wales. Und seit es ein walisisches Parlament gibt, stellt Labour die Regierungschefin – aktuell Eluned Morgan. Gemäss Umfragen könnte sich das ändern – und Wales erstmals in seiner Geschichte von einem Minister regiert werden, der sich für die Unabhängigkeit von Wales einsetzt.
Sollte Labour in Wales tatsächlich grosse Verluste erleiden, dann wäre das nicht nur ein regionaler Machtwechsel. Es wäre auch ein Bruch mit der eigenen Geschichte. Und ein empfindlicher Schlag für Premierminister Keir Starmer – weit über die Region hinaus.