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Niederlande: Partei gegen rassistische Missstände
Aus Rendez-vous vom 15.03.2021.
abspielen. Laufzeit 03:48 Minuten.
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Parlamentswahlen Niederlande: Eine Partei kämpft gegen rassistische Missstände

  • Wählen in Corona-Zeiten ist eine Herausforderung. Auch für die Niederlande.
  • Statt erst am Mittwoch können die Wahlberechtigten ihre Stimmen fürs Parlament schon ab heute abgeben.
  • Um die 150 Parlamentssitze kämpfen 37 Parteien. Eine davon setzt sich explizit für Menschen mit unterschiedlichen Identitäten ein.

Sylvana Simons ist in den Niederlanden keine Unbekannte. Die 50-Jährige farbige Frau mit Wurzeln in der ehemaligen Kolonie Surinam präsentiert Fernseh- und Radio-Sendungen. Sie ist nicht nur berühmt für ihre extravaganten Outfits, sondern vor allem, weil sie sich immer wieder in die politische Debatte einbringt. Etwa, wenn es um Rassismus geht.

Ich bin in diesem Land aufgewachsen mit der Überzeugung, dass ich im progressivsten, tolerantesten Land der Welt wohne. Aber je mehr die Jahre verstreichen, merke ich, dass das bloss eine Fassade ist.
Autor: Sylvana SimonsParteichefin von BIJ1

So griff sie sofort ein, als ein Gast vor ein paar Monaten in einer Fernseh-Talkshow dunkelhäutige Flüchtlinge mit dem äusserst abwertenden Ausdruck «Zwartjes» bezeichnete. «Dieser Ausdruck, Zwartjes, soll das ein Witz sein?», fragte sie den Gast. «Ach», meinte dieser lakonisch, «ich habe selber auch eine schwarze Frau».

Das sei keine Entschuldigung, entgegnete Simons scharf. Die Empörung war ihr regelrecht anzusehen. Nach der Sendung wurde sie mit gehässigen Kommentaren überschüttet. Einer schrieb: «Musst du nicht auf deinem Bananenboot zurück nach Hause?»

Kampf gegen Intoleranz und Rassismus

«Ich bin in diesem Land aufgewachsen mit der Überzeugung, dass ich im progressivsten, tolerantesten Land der Welt wohne. Aber je mehr die Jahre verstreichen, merke ich, dass das bloss eine Fassade ist», kritisiert die Aktivistin.

Deshalb ging sie in die Politik und kämpft nun mit ihrer Partei BIJ1 gegen Intoleranz und Rassismus. «Ich denke, dass nach dem letzten Jahr, das so stark im Zeichen von Black Lives Matter stand, die Menschen bewusster an die Urne gehen und ihre Stimme einer Partei geben, für die politischer Antirassismus höchste Priorität hat», ist sie überzeugt.

Sylvana Simons
Legende: Sylvana Simons am 13. März in Amsterdam: Mit ihrer Partei will sie die niederländische «Fassade» zum Einsturz bringen – und das Land für die Anliegen von Minderheiten sensibilisieren. Keystone

Simons versteht BIJ1 als eine aktivistische Partei, bei der die Anti-Rassismus- und die Black-Lives-Matter-Bewegung, die LGBT-Community und alle anderen Gruppen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, ein Zuhause finden.

BIJ1 sei eine Partei mit Menschen, die gegen jene Missstände kämpften, denen sie zum Opfer gefallen seien und die aus dieser Erfahrung ihren Aktivismus politisch einsetzen wollten, um Dinge zu verändern. «Damit sind wir anders als die anderen Parteien», sagt die Parteichefin.

Wählen mit dem «Fiets»

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Wählen mit dem «Fiets»
Legende: Reuters

Bei der Parlamentswahl können die Niederländer auch auf ihrem allerliebsten Transportmittel ihre Stimme abgeben: auf dem «Fiets» – dem Fahrrad.

Am Montag öffnete im Messezentrum von Amsterdam das erste Wahllokal für Fahrradfahrer. Wählerinnen und Wähler können bis zur Kabine radeln. Allerdings müssen sie dann zur Enttäuschung mancher Amsterdamer doch absteigen, um ihr Kreuz auf dem Wahlschein zu machen.

Die besonderen Wahllokale wurden aber nicht wegen der Bequemlichkeit der Holländer eingerichtet, sondern es ist eine Corona-Massnahme, um Menschenansammlungen zu verhindern. In einer benachbarten Messehalle sind auch eine Corona-Test-Strasse und eine Impfstrasse untergebracht – auch diese sind natürlich für Fahrradfahrer. Und davon gibt es viele: Jeder der 17 Millionen Niederländer hat im Schnitt 1.3 Fahrräder.

Der Politologe Floris Vermeulen von der Universität von Amsterdam gibt ihr recht. Auf nationaler Ebene sei Simons Partei ein Novum in Europa. Die verschiedenen Identitäten machten die Partei interessant – gleichzeitig aber auch schwierig. Denn es sei fraglich, ob sich all die unterschiedlichen Menschen tatsächlich dazu bewegen liessen, an die Urne zu gehen.

Für ihre politische Arbeit im Amsterdamer Parlament bekam Simons vor wenigen Tagen einen Preis. Sie hofft, dass dies der Auftakt ist für einen oder mehr Sitze im nationalen Parlament. Der Politologe bleibt skeptisch. Aber laut den jüngsten Umfragen könnte es klappen.

Rendez-vous, 15.03.2021, 12:30 Uhr

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
    Eine Modeerscheinung. Wieso nicht, schliesslich werden die Fussnoten zur Geschichte mit grossen Lettern kolportiert.
  • Kommentar von Andreas Meier  (Epikur)
    Sehr oberflächliche, identitäre und auf einer Opferhaltung aufbauende Politik liegt klar im Trend. Wieso, man sich fragen? Weil es viel einfacher ist etwas zu fordern als etwas zu bringen. Auch die Mehrheitsgesellschaft sieht sich mit tagtäglichen Unannehmlichkeiten und Widerständen konfrontiert, auch sie hat Probleme. Gleichberechtigung heisst, dass es ungefähr für alle gleich unfair ist, Perfektion gibts nicht. Der Charakter, nicht die Hautfarbe sollte entscheiden. (Dr. Martin Luther King)
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Ihr Kommentar ist unverständlich. Es ist unklar, ob Sie ihren 1. Satz einer Minderheitsgesellschaft zugeordnen wollen. Wenn ja welcher? Falls mit der im Bericht beschriebenen Minderheiten, wäre das sehr skurril, da die identitäre Bewegung auf einer rechtsextremen Ideologie basiert. Und das herausheben der Probleme der Merhheitsgesellschaft ist einfach billiger Whataboutism. Und dann noch MLK beiziehen nachdem 'auf Opferhaltung aufbauende Politik' zynisch attackiert wird, sehr speziell.
    2. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Meier: Die Geschichte vieler Weisser, z.B. in der Kolonialzeit, aber auch heute zum Teil im Verhalten gegenüber Schwarzen und Indigenen, insb. in den USA, ist mit wenig menschlichem Ruhm bekleckert. Insofern tönt Ihr Statement von Opferrolle sehr überheblich. Viele Andersartige sind von Weissen in all den Jahrhunderten bis in die heutige Zeit aus Machthunger zu Tode gebracht worden.
  • Kommentar von Andreas Morello  (Andreas Morello)
    @SRF
    Im Satz: "Die 50-Jährige farbige Frau mit Wurzen..." hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen. Ich bin ziemlich sicher das sollte "Wurzeln" heissen.

    Ich wäre Ihnen dankbar wenn Sie dies noch korrigieren könnten.
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Andreas Morello Danke. Ist korrigiert.
    2. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      Wären Sie denn auch so dankbar, wenn es in einem Bericht über Christoph Blocher "Wurzen" geheissen hätte?

      Aha ;-))