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Unruhen in Minneapolis nach Tod in Polizeigewahrsam
Aus Tagesschau vom 28.05.2020.
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Polizeigewalt gegen Schwarze «In den USA hat ein schwarzes Leben weniger Wert als ein weisses»

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis von einem weissen Polizisten getötet wurde, hat die Debatte um Rassismus in den USA erneut aufflammen lassen. Historiker Jürgen Martschukat forscht seit Jahren zur nordamerikanischen Geschichte der Gewalt. Er sagt: Die Ordnung in den USA sei weiss dominiert und rassistisch.

Jürgen Martschukat

Jürgen Martschukat

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Jürgen Matschukat ist Professor für nordamerikanische Geschichte an der deutschen Universität Erfurt, Link öffnet in einem neuen Fenster. Er forscht unter anderem zu Kulturgeschichte, Geschichte der Gewalt und Geschlechtergeschichte.

SRF News: Laut einer US-Studie kommt einer von Tausend schwarzen Männern in den USA durch die Polizei ums Leben. Gilt in den USA ein schwarzes Leben weniger als ein weisses?

Jürgen Martschukat: Ja. Meiner Meinung nach lassen sich die Willkür und dieses Exzessive nur so erklären. Die Obama-Präsidentschaft scheint dies noch befeuert zu haben. In vielen weissen Kreisen hat sich der Tenor etabliert, dass den Schwarzen wieder ihr Platz zugewiesen werden muss. Das kennen wir aus der Geschichte: Höhepunkte der Gewalt gab es oft nach Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung, nach der Abschaffung der Sklaverei etwa.

Es erkranken auch viel mehr schwarze Menschen an Covid-19 in den USA. Warum hält sich das so stark mit dieser Gefahr für schwarzes Leben?

Die Covid-19-Krise spricht für die deutliche ökonomische und soziale Benachteiligung sehr vieler Afroamerikaner, die trotz des Entstehens einer schwarzen Mittelklasse extrem präsent ist. Schwarz zu sein bedeutet in aller Regel, ärmer zu sein und weniger Ressourcen zu haben. Es gab nach der Sklaverei die Zeit der Segregation, also dieser US-amerikanischen Form der Apartheid. Die brachte es mit sich, dass Afroamerikaner im Polit- und Rechtssystem kaum präsent und extrem benachteiligt waren. Das hat sich lange fortgeschrieben.

In vielen weissen Kreisen hat sich der Tenor etabliert, dass den Schwarzen wieder ihr Platz zugewiesen werden muss.

Wie erklären Sie sich das?

Ich meine, Rassismus ist das eine Phänomen, also der Versuch, Bevölkerungen einzuteilen. Strukturen sind da sehr wichtig. Dann glaube ich, dass diese Verbindung, die oft hergestellt wird, von schwarz sein gleich erstens weniger wert sein und zweitens – bei Männern – gefährlich sein, extrem hartnäckig ist und in diesem System offensichtlich immer wieder bestätigt wird. Und in den letzten Jahren gibt es eine extreme politische Polarisierung. Die Leute, die an der Spitze der Politik stehen, tun nicht unbedingt etwas dagegen. Das ist eine Summe an Faktoren, die das fest in das gesellschaftliche Denken einschreibt.

Polizisten in Vollmontur stehen Demonstranten gegenüber.
Legende: Derzeit gehen die Wogen in Minneapolis hoch, wo ein Afroamerikaner nach einer Verhaftung durch weisse Polizisten gestorben ist. imago images

Die Polizei-Kultur ist in den USA etwas anders als in Europa. Was spielt sie für eine Rolle bei den Übergriffen auf Schwarze?

Die Polizei in den USA zeigt häufig ein extrem martialisches Vorgehen. Und es gibt einen ausgeprägten Korps-Geist. Dadurch werden Gewalt und Rassismus in der Polizei immer wieder vertuscht.

Wir wissen seit Jahren, dass Polizeiarbeit viel besser funktioniert, wenn sie nicht wie eine immer noch weiss dominierte Besatzungsmacht rüberkommt.

Was wir auch oft sehen, ist, dass die Zusammensetzung der Polizeikräfte kaum der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung entspricht. Dabei wissen wir seit Jahren, dass Polizeiarbeit viel besser funktioniert, wenn sie nicht wie eine immer noch weiss dominierte Besatzungsmacht rüberkommt. Doch die Polizei scheint ihre Funktion stark in der Aufrechterhaltung der Ordnung zu sehen. Und diese Ordnung ist weiss dominiert und rassistisch.

Die Geschichte ist dunkel, die Gegenwart auch nicht viel heller. Sehen Sie irgendwo eine Aussicht auf eine positive Entwicklung?

Ich will nicht aufhören, daran zu glauben. Auch weil wir damit das Engagement der Menschen, die dafür tagtäglich kämpfen, unterstützen müssen. «Black Lives Matter» zum Beispiel ist eine sehr präsente und wichtige Organisation. Aber manchmal überkommen einen schon arge Zweifel. Da schwindet manchmal schon die Hoffnung.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

Der neue «News Plus»-Podcast

Dieses Interview stammt aus dem neuen «News Plus»-Podcast. Darin werden gezielt einzelne Themen des Tages verständlich eingeordnet. Der Podcast soll die Diskussion aus den sozialen Medien abbilden und nimmt so Bezug auf Rückmeldungen aus dem Publikum. «News Plus» erscheint von Montag bis Freitag jeweils vor 16.00 Uhr.

Podcast «News Plus», 28.5.20, 16:00 Uhr

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42 Kommentare

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  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    Wir reden von einen Land wo Eltern schon 10 jährige lernen wie sie mit Polizei reden müssen um nicht erschossen zu werden. Wir reden von ein Land wo Polizei Eskadrone täglich 3 Menschen töten. Wir reden von einen Land wo 2 000 000 in Gefängnisen sitzen. Wir reden von ein Land welche 30 000 Töte durch Schusswaffe jährlich hat. Wir reden von einen Land wo 60 000 000 Menschen an Volks Küche angewiesen sind. Und dann es gibt Menschen auch hier in Schweiz welche immer noch diese Land bewunderen?
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  • Kommentar von Marti Müller  (Co2=Leben)
    Die Anzahl der getöteten schwarzen bei Gang Schießereien ist nicht zu vergleichen mit deren bei Polizeieinsätzen.. Klar sollte sich diese schreckliche Tat nicht wiederholen.
    Klar ist Randalen bringen sicher nur schlechtes.
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    1. Antwort von Lucy Meier  (LucyM)
      Das mag ja sein, deswegen ist es noch lange nicht in Ordnung, wenn Polizisten ohne objektiven Grund töten. Und was Sie hier "Randale" nennen, sind berechtigte Demonstrationen. Dass da Emotionen und Wut im Spiel sind, ist sicher nicht gut, aber absolut nachvollziehbar.
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    2. Antwort von Zona Dernjani  (Zona)
      Entspricht diese Aussage Ihrer persönlichen Wahrnehmung oder haben Sie Quellen vorzuweisen? Wissen Sie dass POC im den USA systematisch kriminalisiert werden? Halten Sie es für angebracht dieser Gemeinschaft vorzuschreiben in welcher Form ihre Demonstrationen oder Randalen angemessen sind? Wissen Sie das die schwarze Bevölkerung in den USA nur 13% ausmacht aber dass über 1/4 davon in Gefängnissen sitzt? Wissen Sie welchen Gefahren das Leben von POC ausgesetzt ist? Verstehen Sie Statistiken?
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  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    Wieso redet niemand hier über sanktionierung von USA? Gezielte tötung von Menschen andere Hautfarbe muss bestraft werden. Auch heute Demonstrante würden mit Gummischosse und Tränengas vertrieben. Niemand redet hier von Freiheit für freie Versammlung. Einfach beschämend, dass man auf ausländische Medien zugreifen muss um sehen wie brutall USA Demonstrante vertreibt. Und Transantlantiker schweigen wie immer wenn es um USA geht.
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    1. Antwort von Mihai Löchli  (Siebenbürgen)
      "Demonstranten zünden Gebäude und Autos an" so klingt der Titel in "20 Minuten" heute Abend. Soll die Polizei sowas mit Blumen begegnen?
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    2. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Da haben wir es. Also die aufgezündeten Autos sind schuld. Sorry, Drago, aber das dümmste, was eine Anspruchsgruppe machen kann, das Eigentum von anderen zu zerstören. Dass sie sich dadurch nicht beliebter machen und nicht den Anschein eines intelligenten Verhandlungspartners machen, liegt auf der Hand.
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    3. Antwort von Marti Müller  (Co2=Leben)
      Es wurde nicht "geziehlt " getötet
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    4. Antwort von Drago Stanic  (drago stanic)
      Doch es würde gezielt getötet. Andere war schwarz.
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    5. Antwort von Max Baumann  (Ueberwacher)
      Logisch, denn im Westen werden die USA immer noch als die Guten angesehen. Die dürfen ungestraft Kriege anzetteln, Sanktionen gegen die verhängen die nicht tun was die USA will ! Um davon abzulenken wird aus China losgeprügelt. Übrigens, haben die schon Vernichtungskriege wie die USA in Vietnam und dem nahen Osten angezettelt ?
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    6. Antwort von Hans-Ulrich Rechsteiner  (Rechi)
      Herr Baumann, ja haben die Chinesen. Fragen Sie mal die Vietnamesen. Erkundigen Sie sich über den 1000 jährigen Krieg zwischen China und Vietnam. Was glauben Sie warum die Vietnamesen die Chinesen hassen, weit mehr als die Amis? Immernoch gibt es täglich Scharmützel um die Paracellsus- und die Spratleyinseln.
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