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Eklat im russischen Staatsfernsehen
Aus Rendez-vous vom 15.03.2022.
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Protest in russischem TV «Marina Owsiannikowa muss mit einer sehr harten Strafe rechnen»

Am Montagabend hat Marina Owsiannikowa, eine Frau mit russischen und ukrainischen Wurzeln, im staatlichen russischen Fernsehen während der Nachrichtensendung ein Plakat in die Kamera gehalten. Darauf forderte sie ein Ende des Krieges in der Ukraine. Die Frau wurde umgehend überwältigt und abgeführt. Der ehemalige SRF-Korrespondent in Russland, David Nauer, weiss, was Marina Owsiannikowa jetzt droht.

David Nauer

David Nauer

Auslandredaktor SRF, Schwerpunkt Russland

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David Nauer ist Auslandredaktor bei Radio SRF. Von 2016 bis 2021 war er als Korrespondent von Radio SRF in Russland tätig.

SRF News: Für den Protest gegen den Krieg drohen in Russland bis zu 15 Jahre Haft. Muss Marina Owsiannikowa mit so einer drakonischen Strafe rechnen?

David Nauer: In der Tat soll gegen Owsiannikowa offenbar das neue Gesetz angewendet werden, welches für «Fakenews» über den Krieg in der Ukraine drakonische Strafen vorsieht.

Das Wort ‹Krieg› ist aus russischer Sicht Fake News.

Aus Sicht des russischen Staates ist schon das Wort «Krieg» allein Fake News und es ist verboten, es zu sagen oder es geschrieben in die Kamera zu halten. Deshalb muss Owsiannikowa gemäss Medien mit einer sehr harten Strafe rechnen. Im Moment wurde sie aber bisher nur wegen administrativer Vergehen vor Gericht gestellt, dafür drohen Bussen oder 10 Tage Arrest.

Video
Frau stürmt Live-Sendung im russischen Fernsehen
Aus Tagesschau vom 15.03.2022.
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Wie reagiert die russische Öffentlichkeit auf Owsiannikowas Aktion?

In liberalen, oppositionellen Kreisen in Moskau ist sie eine Heldin, auch in der Ukraine wird sie für ihren Mut gefeiert. Doch die Mehrzahl der Russinnen und Russen hat keinen Zugang zu kritischen Informationen, die Zensur ist extrem verschärft worden seit Kriegsbeginn.

Die Zensur in Russland ist extrem verschärft worden.
Autor:

Die ganz wenigen kritischen Medien in Russland, die es noch gibt, dürfen bloss einen verpixelten Screenshot ihres Auftritts am Fernsehen zeigen, weil auf dem Plakat «Stoppt den Krieg» stand – was wie gesagt verboten ist. Deshalb wissen viele Russen gar nicht, was Owsiannikowa da in den Nachrichten gemacht hat – viele wissen gar nicht, dass in der Ukraine Krieg herrscht.

Maria Owsiannikowa erklärt sich vor der Aktion per Twitter

Wie steht die Mehrheit der Russinnen und Russen zum Krieg?

Laut Umfragen steht die Mehrheit hinter dem Krieg – allerdings sind Umfragen in Diktaturen immer mit Vorsicht zu geniessen. Viele Russinnen und Russen unterstützen den Krieg wohl nicht und sie sorgen sich um die Wirtschaft.

Umfragen sind in Diktaturen immer mit Vorsicht zu geniessen.
Autor:

Aber eine Mehrheit dürfte hinter Putin stehen und glauben, dass der Westen für den Krieg in der Ukraine verantwortlich sei. Viele sagen auch, beide Seiten hätten wohl schuld, beide Seiten würden lügen.

Doch nur lediglich Arrest oder Busse?

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Legende: screenshot

Nach ihrem aufsehenerregenden Protest steht die Redakteurin Marina Owsjannikowa nun vor Gericht.
Der prominente russische Journalist Alexej Wenediktow veröffentlichte in einem Telegram-Kanal ein Foto Owsiannikowas mit ihrem Anwalt Anton Gaschinski in einem Gerichtsgebäude. Zuvor hatte es stundenlang keine Spur von ihr gegeben.

Russische Medien berichteten, dass die TV-Mitarbeiterin wegen der Organisation einer nicht erlaubten öffentlichen Aktion belangt werde. Ihr droht demnach eine Arreststrafe von zehn Tagen oder 30'000 Rubel (257 Franken) Ordnungsstrafe oder bis zu 50 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Zunächst war befürchtet worden, die Redaktorin könnte nach einem umstrittenen neuen Gesetz wegen Diffamierung der russische Armee verurteilt werden. Dabei drohen bis zu 15 Jahre Haft. Eine Anklage zu diesen Punkten kann noch folgen.

Derweil wird die 44-Jährige in den sozialen Netzwerken international als mutige Heldin gefeiert.

Gibt es in Russland noch Strassenproteste gegen den Krieg?

Ja – gemessen an der Grösse Russlands mit rund 145 Millionen Einwohnern ist der Protest aber sehr klein – auch wenn insgesamt mehrere Zehntausend Menschen gegen den Krieg auf die Strasse gingen.

Die russischen Sicherheitskräfte tun alles, um den Protest im Keim zu ersticken.
Autor:

Wenn man bedenkt, wie riskant es ist zu protestieren – mehr als 14'000 Menschen wurden bereits verhaftet – ist der Protest wiederum ansehnlich. Aber die Sicherheitskräfte tun alles, um den Protest im Keim zu ersticken.

Viele Menschen haben ihre Sachen gepackt und Russland verlassen. Weiss man, wie viele es sind?

Nicht genau. Aber Schätzungen von Oppositionellen gehen von bis zu 200'000 Personen aus, die ausgereist sind. Aus Orten, wohin Russen ohne Visum reisen können – Istanbul etwa, Armenien oder Georgien –, wird gemeldet, dass dort sehr viele Russinnen und Russen eingetroffen sind.

Bis zu 200'000 Russinnen und Russsen sollen das Land verlassen haben.
Autor:

Meist handelt es sich bei ihnen um jüngere und gut ausgebildete Leute. Nur sie haben überhaupt genug Geld und die Möglichkeit, Russland zu verlassen.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Rendez-vous, 15.03.2022, 12:30 Uhr;

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