Zum dritten Mal in acht Jahren klammert sich das Regime in Teheran trotz landesweiter Massenproteste an die Macht. Und dabei greift es zu brutaler Gewalt: Laut Menschenrechtsorganisationen schiessen Sicherheitskräfte mit scharfer Munition auf Demonstrierende.
Der Exil-Sender Iran International berichtet von einem «Massaker» an 12'000 Menschen innerhalb von zwei Tagen – eine Zahl, die nicht verifizierbar ist. Andere Quellen sprechen von mindestens 2000 Toten.
Informationen dringen nur spärlich nach aussen
Die über 6000 Exil-Iranerinnen in der Schweiz bangen derzeit täglich um ihre Angehörigen und Freunde in der alten Heimat. Saghi Gholipour war zwei Jahre alt, als ihre Familie vor dem iranischen Regime in die Schweiz flüchtete. Die Politologin ist Mitgründerin des Vereins Free Iran Switzerland, der sich seit rund drei Jahren für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte im Iran einsetzt.
Ihr bereitet die Eskalation in ihrem Heimatland Sorgen. «Die Angehörigen des Regimes, insbesondere der Revolutionsgarde, sind verantwortlich für die grausamen Massaker. Wir erhalten vermehrt Berichte über ausländische Schläger, die von den Verbündeten aus der ‹Achse des Widerstands› in den Iran geschickt werden.»
Das Regime wird für die wirtschaftliche und ökologische Misere verantwortlich gemacht.
Noch immer sind Internet und Festnetz in weiten Teilen des Iran abgeschaltet – nur das Mobilfunknetz funktioniert vereinzelt. Deshalb kämen nur «tröpfchenweise» Informationen aus dem Land, erklärt Gholipour. Dennoch gelingt es ihr, den Kontakt zu einigen ihrer Freundinnen und Bekannten aufrechtzuerhalten.
Zivilgesellschaft stünde bereit für einen neuen Iran
Die Menschen im Iran seien fest entschlossen, so lange weiterzumachen, bis das Islamische Regime weg sei, analysiert Gholipour. Die Wirtschaftskrise im Land habe die Autorität der religiösen Führung des Landes stark erschüttert: «Das Regime wird für die wirtschaftliche und ökologische Misere verantwortlich gemacht», so die Politologin
Laut der Iran-Beobachterin ist der Aufstand organisch gewachsen und erfasst inzwischen sämtliche Gesellschaftsteile. In kleineren Städten werde genauso demonstriert wie in der Hauptstadt Teheran. Selbst innerhalb des Regierungsapparats herrsche nicht überall blinder Gehorsam: «In der iranischen Bürokratie gibt es vor allem in der mittleren Ebene viele Personen, die gegen das Regime sind.»
Von der Schweiz erhofft sich Gholipour mehr Unterstützung für die iranische Zivilgesellschaft: «Wir fordern personalisierte Sanktionen gegen die Machtelite und dass die Revolutionsgarde endlich auf die Terrorliste gesetzt wird.»
Die iranischen Gefängnisse sind voller Menschen, die die Fähigkeit haben, einen demokratischen Staat aufzubauen.
Für eine Zeit nach einem möglichen Fall des Regimes seien die Voraussetzungen innerhalb und ausserhalb des Landes gegeben. «Die iranischen Gefängnisse sind voller Menschen, die die Fähigkeit haben, einen demokratischen Staat aufzubauen. Auch in der Diaspora finden sich fähige Menschen in allen wichtigen Bereichen», ist die Exil-Iranerin überzeugt.
Am Dienstagabend haben Gholipour und ihr Verein zu einer Demonstration für in der Schweiz lebende Iraner und Iranerinnen in Zürich aufgerufen. Viele bangen um ihre Freunde und Angehörigen in der fernen Heimat und hoffen weiterhin, dass ein Ende des Regimes kommt – irgendwann.