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Die Proteste im Libanon spalten Familien
Aus Echo der Zeit vom 21.12.2019.
abspielen. Laufzeit 05:15 Minuten.
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Proteste in Libanon «Nenn mich nie mehr Mutter»

Für christliche Libanesen ist Präsident Aoun ein Held. Für sie ist es unerträglich, dass ihre Kinder seinen Rücktritt fordern. Die Proteste spalten Familien.

In einem Zelt am Stadtrand von Beirut spielen vier Männer Karten. Ein paar Frauen wärmen sich an einem kleinen Ofen, eine schmückt einen künstlichen Weihnachtsbaum. «Revolution», beginnt ein Mann zu singen.

Mann, der an einem Tisch mit anderen Männern sitzt. Er hält Karten in der Hand.
Legende: Fady Nader feiert Weihnachten lieber mit seinen Jassfreunden als mit seiner zerstrittenen Familie. SRF/Susanne Brunner

Das Zelt ist Treffpunkt für Demonstranten. Am Tisch sitzt der 42-jährige Fady Nader. Vor dem Beginn der Massenproteste war er Parteimitglied der christlichen Libanesischen Kräfte. Auf die Strasse ging er – wie viele andere – spontan. Weil er frustriert war über die Regierung und den Zustand des Landes. Er half, Strassen zu blockieren.

Eines Tages hielten ihn Soldaten fest. «Sie schlugen mich halbtot und warfen mich an den Strassenrand», erzählt Nader. «Gottseidank sahen mich ein paar Demonstranten und brachten mich ins Spital.»

Der Sohn, ein «Rebell auf Drogen»

Als er im Spital war, habe sich seine Mutter in einer Sprachnachricht auf WhatsApp einer Freundin anvertraut. Seine Mutter sei eine überzeugte Anhängerin von Präsident Michel Aoun. «Sie sagte, wir seien Rebellen auf Drogen, was nicht wahr ist. Und ihre Freundin postete die Sprachnachricht auf Facebook.»

Meine Mutter ist für Präsident Aoun. Sie betrachtet uns als eine Art Mafia – wegen dem Bürgerkrieg.
Autor: Fady NaderDemonstrant

Seither redet Nader nicht mehr mit seiner Mutter, weil sie ihn, seine Frau und seine beiden Töchter mit ihren Aussagen in Gefahr brachte. Und weil sie über die Leute schlecht redete, die sein Leben retteten. «Ich war körperlich und psychisch zerstört. Diese Leute hier haben mir wieder auf die Beine geholfen», sagt er von seinen Kollegen am Tisch.

Verrat am Helden

Die Proteste weckten bei Naders Mutter Erinnerungen an den Bürgerkrieg in den 1970er und 80er Jahren. «Meine Mutter ist für Präsident Aoun. Sie betrachtet uns als eine Art Mafia – wegen dem Bürgerkrieg.»

Frau hält Bild umarmt. Darauf ist Aoun zu sehen.
Legende: Michel Aoun, der heutige Präsident und ehemalige Oberbefehlshaber der libanesischen Armee ist Christ und für viele ältere libanesische Christinnen und Christen ein Held. Reuters

Aoun war vor allem gegen Ende des Bürgerkrieges ein populärer christlicher General. Aber als er seine Befehlsgewalt über eine andere christliche Miliz ausdehnen wollte, über die Libanesischen Kräfte, kam es im christlichen Ost-Beirut zu Strassenkämpfen zwischen Aouns Armee und den ebenfalls christlichen Libanesischen Kräften. Aus Letzteren wurde später eine politische Partei, in die Nader eintrat. Das empfand seine Mutter als Verrat an ihrem Helden Aoun. Als sich ihr Sohn auch noch den Demonstranten anschloss, die unter anderem gegen Präsident Aoun protestierten, wähnte sich seine Mutter wieder im Bürgerkrieg.

Angewidert von der Regierung

Aber ihm gehe es gar nicht um Aoun, sagt Nader: «Ich demonstriere, weil ich hungrig und müde bin, weil mich die Situation im Land anwidert, und weil ich für alle ein Leben in Würde will, ohne korrupte Regierung, die uns bestiehlt.»

Jetzt ist mir mein Land wichtiger als die Familie.
Autor: Fady NaderDemonstrant

Auf seinem Handy sucht Nader die letzte Sprachnachricht seiner Mutter, bevor sie seine Nummer blockiert hat: «Gott sei mit dir, aber ich bitte dich: Sag mir nicht mehr Mutter. Du hast keine Mutter mehr.»

Zukunft für die Kinder

Nader starrt auf den Tisch. Der Bruch mit seiner Mutter schmerzt ihn: «Aber jetzt ist mir mein Land wichtiger als die Familie», sagt er. «Wir wollen eine Regierung, in der Familienclans und Religion keine Rolle mehr spielen – ein Land, in dem unsere Kinder eine Zukunft haben.»

Zwei Personen schmücken eine Plastiktanne.
Legende: Eine neue Familie: Der Baum ist fertig geschmückt. Hier werden auch Nicht-Christen Weihnachten feiern. SRF/Susanne Brunner

Der Weihnachtsbaum im Zelt ist geschmückt. Hier wird Nader Weihnachten feiern. Nicht alle sind Christen. Aber genau das mache diese Weihnachten besonders. «Das wird das schönste Weihnachtsfest. Diese Leute, die alle gemeinsam für die Revolution sind, empfinde ich als meine echte Grossfamilie.» Nader hofft, dass ihn seine Mutter eines Tages verstehen wird.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Philipp Moreno  (HOC)
    Leider interessiert sich die Politik kaum irgendwo auf diesem Planeten für ihre Schutzbefohlenen. Und so zerbrechen rund um den Erdball Familien an unfähiger, unnützern und destruktiver Politik.
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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Wir wollen eine Regierung, in der Familienclans und Religion keine Rolle mehr spielen..." Träumen kann man immer wieder, Fady Nader. Die Situation ist derart verfahren, dass vermutlich wieder Korrupte, Kriminelle und Religiöse an die Macht gelangen. Tragisch, wenn man 60 Jahre zurückdenkt, als der Libanon ein wohlhabender Staat war! Die Menschen werden sich wohl ewig bekriegen.
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