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Nawalny-Demonstrationen in russischen Städten
Aus Echo der Zeit vom 23.01.2021.
abspielen. Laufzeit 04:06 Minuten.
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Proteste in Russland Putins Problemfeind

Es war gegen Mittag, als in Moskau der erste Mann festgenommen wurde. Er stand auf dem Puschkinplatz im Stadtzentrum und hielt ein Plakat in die Höhe. «Ich habe keine Angst», stand darauf. So etwas reicht schon, um in Russland von der Polizei abgeführt zu werden.

Die Geschichte dieses Mannes zeigt: Der Staat ist stark in Russland, er kann tun, was er will. Doch der Staat hat auch ein Problem: Er verliert an Glaubwürdigkeit.

Aber der Reihe nach: Russland ist heute von landesweiten Protesten erschüttert worden. Erst gingen sie in Wladiwostok auf die Strasse, ganz im Osten. Dann folgten – Zeitzone um Zeitzone – die Städte Sibiriens; Jekaterinburg im Ural; dann Moskau und St. Petersburg, die grossen Metropolen. Die Forderung war überall die gleiche: Freiheit für Alexej Nawalny, ein Ende der Repression, ein Ende der Korruption. «Russland wird frei sein», riefen die Menschen.

Image-Sieg für Nawalny

Wie viele es genau waren, lässt sich schwer sagen. Es müssen Zehntausende gewesen sein. In Moskau jedenfalls strömten am Nachmittag unablässig Menschen auf den Puschkinplatz. Viele Junge, manche mit ihren Eltern in Schlepptau. So eine grosse Protestveranstaltung hat die russische Hauptstadt schon lange nicht mehr gesehen.

Für Alexej Nawalny, der in Haft sitzt, ist dieser Tag ein grosser Image-Sieg. Er hatte in der letzten Woche alles auf eine Karte gesetzt. Erst kehrte er aus Deutschland – wo er sich von einem Giftanschlag erholt hatte – in die Heimat zurück und wurde prompt festgenommen. Dann veröffentlichte sein Team einen sensationellen Dok-Film.

Im Film «Ein Palast für Putin» wird der Vorwurf erhoben, der russische Präsident habe sich für umgerechnet über eine Milliarde Franken eine Residenz bauen lassen – finanziert durch kolossale Schmiergelder. Der Film ist ein riesiger Erfolg und wurde allein auf Youtube schon fast 70 Millionen Mal angeklickt.

Ein nicht überzeugendes Dementi

Das Video hat das System Putin unter Druck gesetzt. Wie reagieren, fragten sie sich in den Korridoren des Kremls. Der Präsidenten-Sprecher wischte die Vorwürfe schliesslich schnöde vom Tisch. Das sei alles totaler Unsinn, sagte er. Punkt.

Überzeugend ist das nicht. Wenn da nicht noch was kommt, werden die Vorwürfe am Präsidenten kleben bleiben. Putin, das ist dann der mit dem Milliardenpalast.

Auch sonst weiss der Apparat nicht, wie er mit Nawalny umgehen soll. Bei ihm wirkt jenes Mittel nicht, das bisher noch jeden Oppositionellen zum Schweigen gebracht hat: die Angst. Der unbeugsame Häftling lässt sich nicht einschüchtern. Er ruft noch aus der Haft zum Widerstand auf.

Der strafende Staat

Gehen dem Kreml die Argumente aus? Ja. Wankt Putins Macht deswegen? Wahrscheinlich nicht. Denn der russische Staat ist stark, funktioniert immer noch wie eine gut geölte Maschine. Mindestens 2000 Demonstrierende wurden allein heute festgenommen. Zudem verdichten sich die Gerüchte, dass die Justiz Nawalny hart, sehr hart bestrafen möchte. Der Oppositionelle könnte über zehn Jahre hinter Gittern verschwinden, heisst es in Moskau. Recht zu haben allein, bringt eben doch noch keinen Sieg.

Ein bisschen ist es wie mit dem Mann, der sich gegen Mittag mit seinem Plakat auf den Puschkinplatz stellte. Eine starke, eine rührende Geste. Abgeführt wurde er trotzdem.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

Echo der Zeit, 23.01.2021, 18:00 Uhr

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69 Kommentare

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  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    @Mannausorient
    Ihre Feststellung deckt sich mit meinem Wissen. Von den 170 Millionen Russen sind über 90% mit der jetzigen Regierung zufrieden. Sie können studieren, reisen wollen leben und weiterkommen was früher nicht
    möglich war es geht Ihnen gut an großer Politik nicht interessiert Navalny bekannt aber wird vom Ausland gesteuert. Wird nichts bringen.
    Nun waren ca 30td Menschen an Demos das sind ca 0,2% der
    Russen. 0,2% die den Rest ändern wollen. Wie genau?
    1. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @(Vignareale): Um Himmels Willen, was ist nun passiert, dass Russland von Gestern auf Heute einen Einwohnerzuwachs von sage und schreibe 23 Millionen zu verzeichnen hat? Hier die offizielle Einwohnerzahl (einmal ohne und einmal mit Krim) https://de.wikipedia.org/wiki/Russland aus dem Jahre 2018. Die Tendenz und Demographie ist ruecklaufend.
  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Ueberwachungsstaat: Mein Bruder ist zu DDR-Zeiten von Dänemark via DDR nach Westdeutschland gefahren und hat einen Autostopper ein Stück weit mitgenommen. An der Zonengrenze ist er von der DDR-Polizei 4 Stunden festgehalten worden und musste über alles was er mit dem Stopper gesprochen und erfahren hatte Auskunft geben. Erst nachdem alles abgeglichen war, konnte er weiter fahren. Die Polizei ist über alles informiert gewesen. Wer kann sich vorstellen, dass so etwas bei uns vorkommen könnte?
    1. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Fortsetzung: Das Beispiel Ueberwachungsstaat soll allen denjenigen die Augen öffnen, die so leichtfertig sagen, passiert alles bei uns auch.
    2. Antwort von Luc Miller  (Lucky Luc)
      Das ist heute bereits Realität, nur muss man niemanden umständlich auf den Posten mitnehmen!
  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Wenn 20 bis 30 % der Bevölkerung Privilegien und Waffen erhalten und dafür als Polizeitruppen oder Richter die gewünschte Arbeit verrichten, kann die restliche Bevölkerung problemlos in Schach gehalten werden.