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Blick zurück auf den Genfer Gipfel von 1985 mit Zeitzeugen
Aus Echo der Zeit vom 11.06.2021.
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Reagan und Gorbatschow in Genf Gipfeltreffen von 1985: Die grosse Stunde des Kurt Furgler

Als sich Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1985 in Genf trafen, glänzte Bundespräsident Kurt Furgler als Gastgeber. Zwei Zeitzeugen erinnern sich.

16. November 1985, Flughafen Genf, 22.30 Uhr: Die Air-Force-One-Maschine mit Präsident Ronald Reagan ist soeben gelandet. Noch auf dem Rollfeld heisst Kurt Furgler die Delegation aus den USA auf Englisch willkommen.

«Wir sind geehrt, dass unser Land für Ihr Treffen mit Generalsekretär Gorbatschow ausgewählt wurde», sagt der Bundespräsident. Er spielt seine Rolle als Gastgeber perfekt. Er habe jedes Wort, jede Betonung einstudiert – mit dem Ziel, alles möglichst natürlich wirken zu lassen, sagt Raymond Loretan: «Eine unglaubliche Spontaneität, die bis ins Detail vorbereitet war.»

Raymond Loretan
Legende: Raymond Loretan, später CVP-Generalsekretär und SRG-Präsident, nimmt als Assistent von Staatssekretär Eduard Brunner am Gipfel teil. Seine Aufgabe ist unter anderem, Aussenminister Pierre Aubert zu betreuen. Denn dieser spricht im Gegensatz zu Furgler kein Englisch. Keystone, August 2020

Furgler nutzt die grosse Bühne. Als Gorbatschow in Genf landet, begrüsst er auch ihn in dessen Muttersprache. Er wünscht dem sowjetischen Präsidenten Erfolg – im Namen des Friedens und zum besseren Verständnis zwischen den Völkern. Einstudiert hat er seine Willkommensworte mit Heidi Tagliavini.

Hoffnungsträger Gorbatschow

Die spätere Spitzendiplomatin nimmt als Übersetzerin am Gipfel teil. Sie erinnert sich noch gut an die erste Begegnung der Schweizer Delegation mit Gorbatschow, der damals erst seit wenigen Monaten Generalsekretär der Kommunistischen Partei ist. «Der Eindruck war, dass da ein neuer Tonfall angesetzt wurde, dass plötzlich ein neues Gesicht – jemand der lächelte, der eine neue Sprache verwendete – an die Macht gekommen war. Man hat Gorbatschow wirklich als Hoffnungsträger empfunden.»

Die Tatsache, dass die Rahmenbedingungen optimal waren, hat sehr viel dazu beigetragen, dass man zu guten Resultaten kommen konnte.
Autor: Raymond Loretandamals Betreuer von Aussenminister Aubert

Trotz dieser Hoffnung: Der Genfer Gipfel ist geprägt von Misstrauen. Die Russen sind erbost wegen des neuen Raketenabwehrsystems der USA. Und Reagan, der Russland auch schon als «Reich des Bösen» betitelt hat, kritisiert den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und die Menschenrechtslage. Dass der Gipfel ein Erfolg würde, ist zu diesem Zeitpunkt alles andere als klar.

Heidi Tagliavini
Legende: «Was vielleicht den entscheidenden Durchbruch gebracht hat, war, dass sich Reagan und Gorbatschow auf Anhieb gut verstanden», sagt Heidi Tagliavini, damals Übersetzerin und später Spitzendiplomatin. Keystone/Dezember 2014

Dann aber treffen Reagan, 74, und der 20 Jahre jüngere Gorbatschow in der Villa Fleur d'Eau zum ersten Mal persönlich aufeinander – und sie verstehen sich auf Anhieb gut. «Das hat vielleicht den entscheidenden Durchbruch gebracht», sagt Tagliavini. Das Treffen bringt zum Schluss zwar kaum handfeste Ergebnisse, aber es leitet eine Zeit der Entspannung ein.

Video
Erich Gysling blickt zurück auf den Genfer Gipfel
Aus SRF News vom 15.06.2021.
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Gipfel läutet Ende des Kalten Krieges ein

Der Gipfel von Genf von 1985 gilt heute als Anfang vom Ende des Kalten Krieges. Und er zählt zu den Sternstunden der Schweizer Diplomatie der guten Dienste.

«Die Tatsache, dass die Rahmenbedingungen optimal waren, atmosphärisch und logistisch, hat sehr viel dazu beigetragen, dass man zu guten Resultaten kommen konnte», sagt Loretan, damals diplomatischer Assistent.

Tagliavini pflichtet dem bei: «Im Theater haben Sie hunderte von Leuten im Hintergrund, die Kulissenschieber, die Beleuchter. Das muss spielen.» Wenn zum Beispiel das Licht ausgehe, dann platze das Stück – oder eben der Gipfel. «Dann sind die Leute unzufrieden. Es darf nichts schiefgehen, jedenfalls nichts, was nicht gleich wieder unter Kontrolle gebracht werden kann.»

Es darf nichts schiefgehen, jedenfalls nichts, was nicht gleich wieder unter Kontrolle gebracht werden kann.
Autor: Heidi TagliaviniÜbersetzerin beim Gipfel im November 1985

1985 verläuft denn auch alles wie geplant. Was bemerkenswert ist, bei einem Gipfel, der vier Tage dauert und mit festlichen Abendessen, Damenprogramm und Spaziergängen am See reich befrachtet ist. Wenn sich dagegen US-Präsident Joe Biden und der russische Präsident Wladimir Putin am Mittwoch in Genf treffen, werden sie nur wenige Stunden haben, um das Eis zu brechen.

Zeit für ausgedehnte Kaminfeuergespräche liegt da nicht mehr drin.

Echo der Zeit, 11.06.2021, 18:00 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Tobias Haas  (ToHa)
    damals hat man sich auch noch mehr Zeit für die wichtigen Dinge genommen, gilt nicht nur für die Politik. Heute muss alles hocheffizient, schnell-schnell, durchgetaktet und medientauglich sein, und sofort muss man zum nächsten Termin hetzen. Richtig Zeit für Kennenlernen und vertiefende Gespräche bleibt da kaum.
  • Kommentar von Walter Freiburghaus  (sophisticated)
    Das waren eben noch Persönlichkeiten und beide wollten unbedingt etwas erreichen und hatten ausserdem auch die gleichen Interessen. Kein Vergleich zu heute.