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Katta geht juristisch gegen die australische Regierung vor
Aus SRF 4 News aktuell vom 08.02.2021.
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Regierung vor Gericht Katta klagt in Australien für die Zukunft der Welt

Es ist eher selten, dass sich eine Studentin um ihre Altersvorsorge kümmert. Nicht so die 23-jährige Katta O’Donnell aus Melbourne. Sie fürchtet, die Folgen des Klimawandels könnten den Wert ihrer Investitionen reduzieren – und zieht die australische Regierung vor Gericht.

Es sei die Gastvorlesung eines Umweltjuristen gewesen, die bei ihr eine der wohl wichtigsten Entscheidungen ihres jungen Lebens ausgelöst hatte, erzählt Katta O‘Donnell. Die Jurastudentin an der Deakin University in Melbourne schloss danach ihr Pensionskassenkonto und legte das Geld in einem Fonds an, der in nachhaltige Anlagen investiert. «Ich habe erkannt, dass solch langweilige Dinge wie Pensionskassen und Staatsanleihen einen Einfluss darauf haben, wie die Welt die Klimakrise angehen kann», erzählt sie.

Kurze Zeit später zog die Australierin ihre Regierung vor Gericht – offenbar ein weltweit bislang einmaliger Schritt. In einer Sammelklage wirft O’Donnell Canberra vor, das Volk nicht über die Risiken aufzuklären, welche die Klimakatastrophe für Kapitalanlagen habe – allen voran Staatsanleihen.

Wenn Investoren dem Staat Geld leihen

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Anleihen sind ähnlich wie Aktien. Aber statt in Unternehmen zu investieren, leihen Investoren der Regierung Geld, um Infrastruktur zu bauen und wichtige Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Wohlfahrt und sogar Verteidigung zu finanzieren. In Australien hat sie fast jeder Arbeitnehmer im Pensionskassen-Portefeuille.

Wie Aktien können auch Anleihen an Wert verlieren, wenn sie für den Markt weniger attraktiv werden. Dies kann geschehen, wenn Anleger die Fähigkeit einer Regierung infrage stellen, die Anleihen aufgrund steigender Staatsverschuldung zurückzuzahlen. Laut dem Ökonomen Rob Henderson könnte der Wert auch durch «Reputationsrisiken» beeinträchtigt werden, da Investoren zunehmend Anleihen aus Umwelt-verschmutzenden Ländern meiden.

Während viele private Firmen inzwischen die Folgen des Klimawandels auf Unternehmensbilanz und -gewinn berechnen, gelten für den Staat keine solchen Regeln. Dieses Risiko nicht zu kennen, gefährde die Sicherheit ihrer Kapitalanlage, meint O’Donnell. Das ist mehr als eine Hypothese: Die schwedische Zentralbank hatte sich schon 2019 von Staatsanleihen der beiden australischen Bundesstaaten Queensland und Westaustralien getrennt. Der Grund: die Furcht vor den Folgen des Klimawandels.

Scott Morrison im Porträt vor dem Regierungsgebäude.
Legende: Die Regierung von Premier Scott Morrison wird von einer jungen Aktivistin beschuldigt, der Bevölkerung über den Klimawandel nicht die Wahrheit zu sagen. Keystone / Archiv

«Die australische Regierung weiss, dass der Klimawandel auch massive wirtschaftliche Folgen haben wird», sagt O’Donnell. «Sie verschweigt das aber.» Dabei seien die Waldbrände vom letzten Jahr ein besonders dramatisches Beispiel. Schäden in Milliardenhöhe seien damals entstanden, für die nun der Staat aufkommen müsse.

Klage ist historisch

Die junge Studentin gibt zu, dass die Sorge um ihre Altersvorsorge nicht der Hauptgrund für ihren Aktivismus ist. Sie habe Angst um die Zukunft des Planeten, eine Zukunft, «die von der australischen Regierung riskiert wird.» Canberra habe im internationalen Vergleich bescheidene Emmissionsreduktionsziele. «Gleichzeitig fördert die Regierung die fossilen Treibstoffe.»

Katta O'Donnel im Porträt
Legende: Die 23-jährige Katta O’Donnell behauptet, die Regierung sehe die Gefahren des Klimawandels nicht. zvg

Australien ist einer der weltweit grössten Kohle- und Gasexporteure. Trotz wachsendem internationalem Druck und enormem Potenzial für erneuerbare Energien will die Regierung die Fossilien-Industrie ausbauen. Gleichzeitig ist das Land wie keine andere westliche Nation bereits von den Folgen des Klimawandels betroffen. «Das Grosse Barriere-Korallenriff etwa ist wegen Korallenbleiche schon zu 50 Prozent tot», klagt O‘Donnell.

Für die Rechts-Professorin Jaqueline Peel von der Melbourne University ist O’Donnells Klage von historischer Bedeutung, «weil sie den Klimawandel mit einem realen finanziellen Risiko verbindet, was den Finanzsektor aufhorchen lassen könnte», wie sie gegenüber dem Sender ABC meinte. Die Akademikerin glaubt, die Klage könnte rund um die Welt Klimaprozesse auslösen.

Video
Aus dem Archiv: Der Klimawandel setzt dem Great Barrier Reef zu
Aus 10 vor 10 vom 02.07.2020.
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Die australische Regierung hat noch nicht offiziell Stellung zur Klage bezogen. Es wird Jahre dauern, bis das Oberste Gericht einen Entscheid treffen wird. Ein Ziel hat Katta O’Donnell aber schon erreicht: Immer mehr junge Australierinnen und Australier folgen ihrem Beispiel. Etwa 500 haben sich schon der Sammelklage angeschlossen.

SRF 4 News, 08.02.2021, 06:10 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Es ist ja eigentlich traurig, dass man die Leute, vor allem im genannten Finanzsektor aber auch sonst, beim Portemonnaie packen muss, damit sie aufhorchen. Trotzdem: viel Erfolg.
  • Kommentar von Fabian Malovini  (malovini.ch)
    für mich geht aus den bericht nicht hervor, worauf die junge frau klagt. ein schaden scheinh ihr ja (noch) gar nicht entstanden zu sein. ich bin durchaus für sehr viel mehr umweltschutz, aber ob klagen die richtige vorgehensweise ist...
    1. Antwort von Andreas Buser  (AnMaBu)
      Wer diese Zusammenhänge nicht begreifen will, kann dies auch nicht verstehen.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Das ist eine junge mutige Frau! Ich wünsche Ihr und Ihrem Anliegen Glück. Möge es landes- und weltweit immer mehr NachahmerInnen bezüglich Druckmache auf Klimaschutz geben. Tausende, Zehntausende, dann hunderte von Millionen. Da werden sich auch vor allem die Rechtskonservativen überlegen, was "conservare"=bewahren wirklich zu bedeuten hat:Eben nicht nur Geld/Macht für sich und die Gleichgesinnten "bewahren", sondern in den Klimawandel zu investieren,auch steuerlich. Die Erde gehört eben ALLEN!