Zum Inhalt springen

Header

Audio
Neue Regierung in Israel - ohne Netanjahu
Aus HeuteMorgen vom 03.06.2021.
abspielen. Laufzeit 01:22 Minuten.
Inhalt

Regierungsbildung in Israel Israel ist mehr als Netanjahu

Seit mehr als zwei Jahren hat Israel keine stabile, funktionierende Regierung mehr. Viermal mussten die Wahlberechtigten seit 2018 ein neues Parlament wählen. Nach jeder Wahl scheiterte Premierminister Benjamin Netanjahu mit der Regierungsbildung.

Gleichzeitig wurden die Korruptionsvorwürfe gegen ihn immer konkreter: Netanjahu muss sich wegen Bestechung, Betrug und Machtmissbrauch vor Gericht verantworten. Seit den letzten Wahlen im März 2021 ist er über Leichen gegangen, um sich an der Macht zu halten.

Elf Tage Krieg

Nachdem der Premier erneut keine Regierungsmehrheit zustande gebracht hatte, bekam sein Gegenspieler Jair Lapid den Auftrag, eine Regierung zu bilden. Er hatte mit seiner Mittepartei Yesh Atid nach Netanjahus Likud am zweitmeisten Stimmen erhalten.

Erst sahen Lapids Versuche, eine Regierung ohne Netanjahu zusammenzuschustern, alles andere als vielversprechend aus. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Ausschreitungen in Jerusalem, Raketen der in Gaza regierenden Hamas auf Israel, elf Tage Krieg zwischen Israel und der Hamas, brutale gegenseitige Gewalt jüdischer und arabischer Extremisten in Israels Städten. Netanjahus Gegner mussten ihre Koalitionsgespräche abbrechen.

«Betrug des Jahrhunderts»

Nach der Waffenruhe zwischen der Hamas und Israel rechnete Netanjahu mit einer Welle der Unterstützung. Schliesslich hat er sich wie kein anderer als Beschützer Israels profiliert. Doch die Welle blieb aus. Seine Gegner nahmen die Koalitionsgespräche wieder auf. Mit Erfolg.

Als Naftali Bennett verkündete, er werde dessen Gegner unterstützen, spuckte der Premier Gift und Galle. Bennett hatte ihm früher auf mehreren Ministerposten gedient. In einer hasserfüllten Fernsehansprache zog Netanjahu über ihn her und bezeichnete sein Verhalten als «Betrug des Jahrhunderts». Dabei hatte er Bennett eben noch selbst angeboten, in seiner Regierung im Rotationsverfahren Premier zu werden.

Ohne ihn werde Israel untergehen, drohte der 71-jährige Premier. Das alles nach einem Monat, in dem er kein einziges versöhnliches Wort fand, um die erhitzten Gemüter in seinem Land zu besänftigen.

Zunehmend autokratische Tendenzen

Netanjahu mag die israelische Zivilbevölkerung über die Jahre vor Selbstmordattentaten palästinensischer Extremisten bewahrt haben. Gleichzeitig ist er für Israel selbst zur Gefahr geworden. Aus «der einzigen Demokratie im Nahen Osten» machte er zunehmend eine Autokratie.

Als Premier untergrub er das Justizsystem und brandmarkte kritische Stimmen als «antisemitisch» und «anti-israelisch». Er kümmerte sich wenig um die Alltagssorgen seines Volkes und begab sich immer mehr in die Abhängigkeit ultrareligiöser, frauenfeindlicher und rassistischer Kräfte, nur um an der Macht zu bleiben.

Neue Koalition repräsentiert Israel besser

Das Ansinnen seiner Gegner, ihn als Premier zu ersetzen, bezeichnete Netanjahu als etwa so «demokratisch wie Syrien, Iran und Nordkorea». Dabei repräsentiert die Bandbreite seiner Gegnerinnen und Gegner Israel besser als Netanjahus «rechte Regierung».

Israel ist mehr als Netanjahu. Dieser Konsens allein macht zwar noch keine funktionierende Regierung. Aber es wäre höchste Zeit dafür.

Susanne Brunner

Susanne Brunner

SRF-Nahost-Korrespondentin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Für SRF ist Susanne Brunner seit Frühling 2018 als Korrespondentin im Nahen Osten. Sie wuchs in Kanada, Schottland, Deutschland und in der Schweiz auf. In Ottawa studierte sie Journalismus. Bei Radio SRF war sie zuerst Redaktorin und Moderatorin bei Radio SRF 3. Dann ging sie als Korrespondentin nach San Francisco und war nach ihrer Rückkehr Korrespondentin in der Westschweiz. Sie moderierte auch das «Tagesgespräch» von Radio SRF 1. Zudem hat Susanne Brunner bei «10vor10» Fernseherfahrung gesammelt.

HeuteMorgen, 03.06.2021, 06:00 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Martin Vischer  (Martin Vischer)
    Acht gegensätzliche Parteien, die als einzigen gemeinsamen Nenner, die Ablehnung Benjamin Netanjahus haben, so glaube ich, können keine langlebige Koalition bilden. Jeder, dem etwas gerade nicht passt, wird mit den Austritt und somit dem Zerfall der Regierung drohen.
    Ob es genügend Beweise für eine Verurteilung Netanjahus gibt, steht noch in den Sternen. Gut möglich, dass er bald die Bühne wieder gestärkt betritt.
  • Kommentar von Marcel Benjamin  (Benny)
    Kein Wort über die unglaublich erfolgreicher Wirtschaft unter Netanjahu. Israel ist stark in Bereichen Technologie, Medizin unzählige startups usw., wovon die ganze Welt profitiert. Und zuletzt die Rekord-Impfkampanje. Und ja, vieles ist Netanjahu zu verdanken.
    1. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Auch andere Politiker, die zunächst gute Dinge für ihr Land gemacht haben und sich dann, auf Grund mehrerer Wahlsiege für unersetzlich halten und autokratische Züge annehmen. Siehe Orban.
  • Kommentar von Alessandro Guardia  (Ale.)
    @SRF: Ich bin zwar inhaltlich derselben Meinung, jedoch finde ich es sehr bedenklich wie eure Berichte immer stärker Seite beziehend und Meinungsbildend ausgeschmückt sind, sowohl Innen- wie Aussenpolitisch. Noch bedenklicher ist es, wenn Kommentare, welche die Berichte kritisieren, zurückgehalten werden.
    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Es handelt sich nicht um einen Bericht, sondern um die Meinung der Autorin. SRF signalisiert das mit dem Begriff "Analyse".

      Der ursprüngliche journalistische Begriff für diese Textsorte ist "Kommentar", es ist mir ein Rätsel, warum man einen neuen erfunden hat.