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Premierminister Johnson auf Mission in Schottland
Aus Tagesschau vom 28.01.2021.
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Regionalregierung verstimmt Johnson auf Charme-Offensive bei den Schotten

Der Unabhängigkeits-Wunsch der Schotten steigt stetig – das zeigen neue Umfragen. In Westminster hat das für grosse Beunruhigung gesorgt, deshalb ist Premierminister Boris Johnson kurzerhand nach Schottland gereist. Kein cleverer Schachzug, sind viele überzeugt.

Boris Johnson besucht zuerst ein entstehendes Impfzentrum der Armee in Glasgow. Er wirkt gekonnt locker, ist ganz in seinem Element. Offiziell ist er hier, um Präsenz zu zeigen im Kampf gegen das Virus. Doch inoffiziell ist es eine Charm-Offensive, so erklärt Johnson heute gegenüber Journalisten: «Ich denke, es ist nicht richtig, endlos über ein weiteres Referendum zu reden. Während das Land doch will – also vor allem die Menschen in Schottland doch wollen – dass wir die Pandemie bekämpfen.»

Schotten waren gegen Brexit

Doch da könnte er sich irren, die Unterstützung für die Unabhängigkeit ist im letzten Jahr stetig gewachsen. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Brexit ist der eine, denn die Schotten haben den EU-Austritt 2016 mehrheitlich abgelehnt. Und seit Brexit im Januar in Kraft getreten ist, kämpfen viele Fischer ums Überleben, weil sie ihre Produkte kaum noch in die EU exportieren können. Sie fühlen sich einmal mehr von Westminster im Stich gelassen.

Sturgeon brilliert in der Covidkrise

Nicola Sturgeon ist ein weiterer Grund. Die Coronakrise hat der schottischen Regierungschefin eine Plattform gegeben, denn die Bekämpfung der Pandemie obliegt teilweise den Regionen. Seit dem Frühling ist sie fast täglich auf allen News-Sendern. Sie wirkte im Gegensatz zu Boris Johnson von Anfang an seriös, informiert und brillierte in dieser Krise fast immer.

Unnötige Reise

Im Vorfeld des heutigen Ausflugs hatte Nicola Sturgeon leichtes Spiel, denn die britische Bevölkerung ist dazu aufgerufen, unnötige Reisen zu unterlassen. Und als solche betitelte Sturgeon Johnson Ausflug: «Leute wie Boris Johnson und ich müssen zur Arbeit, aus Gründen, die die Menschen verstehen. Aber dazu muss man nicht quer durchs Land reisen. Ist das jetzt wirklich nötig?»

Kein cleverer Schachzug

Der Trip war ein Eigengoal sind Politbeobachter überzeugt, denn es bestärkt all jene, die von Johnson sagen, er steht lieber im Rampenlicht, als im stillen Kämmerchen seine Arbeit zu erledigen. Der Schotte Alexander Douglas kämpfte im letzten Unabhängigkeits-Referendum 2014 für ein Vereinigtes Königreich und ist auch dieser Meinung: «Es ist für den Premierminister legitim überall hinzureisen, aber in diesem Falle war es einfach dumm nach Schottland zu reisen.»

Kämpferische Töne nehmen zu

Der Blitztrip macht deutlich, wie sehr Boris Johnson beunruhigt ist über die zunehmende Unterstützung für die Unabhängigkeit. Im Mai finden in Schottland Parlamentswahlen statt und die Partei von Nicolas Sturgeon, die SNP, könnte weitere Sitze dazu gewinnen.

Für ein Unabhängigkeitsreferendum, dessen Resultat verbindlich ist, braucht Schottland eigentlich das Okay aus Westminster. Doch kürzlich tönte Sturgeon erstmals an, sie wäre allenfalls auch bereit, ohne das Okay der britischen Regierung abstimmen zu lassen. Darüber hinaus überlegt die SNP sogar via das oberste Gericht die Verbindlichkeit für die Abstimmung zu erkämpfen. Wie die Chancen dafür stehen, wagt zurzeit niemand zu prognostizieren.

Doch die Überlegungen und die kämpferischen Töne aus Schottland zeigen, jene, die für die Unabhängigkeit kämpfen sind viel entschlossener als noch vor zwei oder drei Jahren.

Tagesschau vom 28.01.2021, 19.30 Uhr

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45 Kommentare

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  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Ich kann die Schotten gut verstehen. Vor der letzten Abstimmung zu Unabhängigkeit hat man ihnen gesagt, sie könnten nicht als Einzelstaat in die EU kommen. Deshalb hatte eine Mehrheit die Unabhängigkeit abgelehnt. Dann kam der Brexit und es geschah genau das was die Schotten nie wollten.
    Das sie jetzt unabhängig sein wollen, um in die EU zurück zukehren ist nachvollziehbar. Ausserdem mag ich Nicolas Sturgeon.
  • Kommentar von Maciek Luczynski  (Steine)
    Wann sind eigentlich die nächsten Parlamentswahlen in Nordirland ?
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Es wär schön, wenn zukünftig bei einem Bericht zu irgendeinem Thema das Grossbritannien in irgendeiner Form betrifft endlich wieder ganz normal zum Thema diskutiert werden könnte.

    Ich lese jedes Mal immer nur die gleichen ideologischen Parolen zu
    -Nationalismus ist schlecht
    -die Populisten sind schuld
    -Brexit war ein Fehler
    -Die Briten werden es bereuen
    -Es geschieht ihnen recht wenn sie jetzt leiden

    Das ist Kindergarten und führt wirklich nirgends hin.
    1. Antwort von Christoph Stadler  (stachri)
      @Wagner: Sie vergassen den "bösen" Boris Johnson zu erwähnen – der nur den Auftrag der Mehrheit der Stimmbevölkerung, den Brexit durchzuführen, realisiert hat.
      Viele Johnson-Abgeneigte wissen gar nicht, dass EX-Premierminister David Cameron diesen Volksentscheid wollte, sich bekanntlich aber böse in die Nesseln gesetzt hat...
    2. Antwort von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
      @Stadler
      David Cameron wollte das Referendum auch nicht wirklich, gab dann aber nach und es kam anders als gedacht und/oder erhofft.

      Viele Brexit-Befürworter vergessen gerne, dass die Mehrheit nur sehr knapp war und Nordirland, Schottland sowie Gibraltar gegen den Brexit stimmten, England und Wales dafür. Das Konfliktpotenzial innerhalb der UK war da schon klar abzusehen und zeigte sich erst Recht bei den Brexit-Verhandlungen (Stichwort: Nordirland).