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Chinas Kampf gegen die Überalterung
Aus Echo der Zeit vom 31.05.2021.
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Rentenreform «Busfahren mit 55?!»: Chinesen sollen länger arbeiten

China gehört zu den Ländern mit dem tiefsten Rentenalter weltweit. Die Regierung will das ändern – das freut nicht alle.

Im 10. Stock eines Wohnblocks am Stadtrand von Shanghai. Hier wohnt Li Yuanling. Sie arbeitet im Moment von zu Hause aus. Home-Office. Nicht wegen Covid, sondern weil ihr Arbeitgeber gerade umzieht.

Li arbeitet als Buchhalterin. Sie ist 39, in gut zehn Jahren wird sie pensioniert. Mit 50 in Rente gehen, sei etwas gar früh, findet Li. Die Arbeit halte die Menschen jung. Gerne würde sie noch etwas länger arbeiten.

Mit 60 kommt man mit den jungen Arbeitskollegen doch nicht mehr mit.
Autor: Li YuanlingBuchhalterin

«Bis 55 oder 60. Das finde ich ein akzeptables Pensionsalter. Aber über 60 hinaus? Mit 60 kommt man mit den jungen Arbeitskollegen doch nicht mehr mit.» Und Li Yuanling hat noch eine weitere Sorge, falls das Rentenalter erhöht wird. «Was, wenn meine Firma schliesst und ich einen neuen Job finden muss? Was mache ich dann?» Dann erhalte sie noch keine Rente. Mit über 50 eine neue Stelle zu finden, sei schwierig.

Langsame Erhöhung

Die chinesische Regierung plant eine Rentenreform. Das Rentenalter soll in den kommenden Jahren sukzessive erhöht werden. Jeweils um wenige Monate, je nach Region und angepasst an die Branchen, liess ein Experte in der amtlichen Nachrichtenagentur verlauten.

Wenn sie mich zwingen, auch noch mit 55 Bus zu fahren, dann fahre ich einfach in einem Tempo, mit dem ich die Sicherheit garantieren kann. Von mir aus langsamer als Schritttempo.
Autor: Lin KeBusfahrer in Peking

Viele Details der Reform sind noch nicht bekannt, aber der Regierung dürfte bewusst sein, wie heikel das Thema ist – und es deshalb langsam angehen. Um eine Reform komme die Regierung ohnehin nicht herum, sagt der Demographie-Experte Yi Fuxian. Chinas Gesellschaft werde rapide altern.

Chinese Rentner machen Gymnastik
Legende: Nachwirkungen der Ein-Kind-Politik: China hat ein zunehmendes demographisches Problem – die Gesellschaft überaltert. Keystone

Yi macht dafür vor allem die Jahrzehnte lang vorgeschriebene «Ein-Kind-Politik» verantwortlich. Diese wurde später zur Zwei-Kind-Politik und nun schliesslich zur Drei-Kind-Politik. Die Regierung müsse das Rentenalter deshalb heraufsetzen, sagt Yi. Langfristig nicht nur auf 60 oder 65, sondern sogar auf 70 Jahre.

«Sollen doch die Manager länger arbeiten»

Unvorstellbar für Lin Ke. Der 42-Jährige arbeitet in Peking als Busfahrer. «Jeden Tag auf der Strasse zu fahren, das fordert volle Konzentration und ist anstrengend.» Aktuell würde Lin mit 55 pensioniert, er hätte also noch 13 Jahre. Das sei lange genug. Danach, sagt Lin, möchte er das Leben geniessen: Am Morgen ausschlafen, die Fische im Teich füttern.

Doch was, wenn er länger arbeiten muss? Lin gibt sich trotzig: «Wenn sie mich zwingen, auch noch mit 55 Bus zu fahren, dann fahre ich einfach in einem Tempo, mit dem ich die Sicherheit garantieren kann. Von mir aus langsamer als Schritttempo.»

Vor allem Angestellte in anstrengenden Berufen hätten Anrecht auf eine frühe Pension. Sollen doch die Manager länger arbeiten, sagt Fahrer Lin, gerne bis 70. Die hätten es schliesslich schön angenehm in ihren klimatisierten Büros.

Echo der Zeit, 29.05.2021

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Peter M Haller  (Peter M Haller)
    Die «AHV China» ist gerade mal 30 Jahre alt, die unsere 60 Jahre. Es wird also etwas dauern bis genügend Kapital geäufnet ist. Deutschland hat schon 2001 ein bilaterales Abkommen unterzeichnet. Das frühe Rentenalter hat den Vorteil, dass die Nachkommen einem Verdienst nachgehen können, während die Grosseltern die Enkel beaufsichtigen. Wurde mir so von meiner Übersetzerin erklärt und ist für die Millionen von Wanderarbeitern eine Notwendigkeit.
  • Kommentar von Marc ten Busch  (Quärdenker)
    Möglicherweise macht es Sinn, in diesem Zusammenhang auf die Millionen Zwangsarbeiter hinzuweisen, die sicher keine AHV kennen. Schön, wenn China sich mit niedrigem Renteneinstiegsalter das Image eines Wohlfahrtsstaates geben kann. Aber was ist hinter der lächelnden Fassade?
    Dann wäre da auch noch die Frage, welche Konsequenz es hat, wenn ein Rentner nicht mehr das Wohlgefallen der Regierung findet oder gar auffällig wird im Überwachungssystem, muss er dann wieder arbeiten?
  • Kommentar von Ulrich Meier  (neutrinos)
    Das tiefe Rentenalter ist erstaunlich. Sowie die Selbstverständlichkeit der Arbeitnehmer*innen dazu. Das „Drehen an Schräubchen“ funktioniert bei einem 1,4 Mia Volk anders als bei uns. Die Arbeit und die Jobs auf einander abzustimmen braucht in der chinesischen Realität ziemlich viel Fingerspitzengefühl und Weitsicht. Das tiefe Rentenalter kann dabei als eine Art Puffer gesehen werden, also das Gegenteil einer demografischen Bombe.