Im letzten Jahr sind fast 15 Millionen geflüchtete Menschen in ihre Heimat zurückgekehrt. Damit hat die Zahl der Rückkehrerinnen und Rückkehrer im Vergleich zu 2024 um 50 Prozent zugenommen. Warum das nicht unbedingt eine gute Nachricht ist, erklärt die Migrationsexpertin Victoria Rietig.
SRF News: Warum kehren mehr Menschen zurück in ihre Herkunftsorte?
Victoria Rietig: Wir müssen unterscheiden – diese grosse Rückkehrgruppe von den 14.7 Millionen Menschen setzt sich aus zwei Gruppen zusammen. Die meisten der Rückkehrer, etwa 10 Millionen, waren zuvor in ihrem eigenen Land vertrieben, sind also sogenannte Binnenvertriebene.
Der andere Teil, 4.4 Millionen, sind Flüchtlinge, die in andere Länder geflohen waren und jetzt zurückgekehrt sind. Jedoch selten, weil sich die Situation dort verbessert hat. Das gibt es zwar in einigen Fällen, aber vor allem kehren sie zurück, weil sich die Situation anderswo verschlechtert hat.
Bei den Afghanen war sehr viel Druck der Regierungen Irans und Pakistan dahinter, damit die Leute das Land verlassen.
Die grösste Rückkehrbewegung im Jahr 2025 ist jene nach Afghanistan mit fast zwei Millionen Zurückgekehrten. Warum ist gerade diese Bewegung so gross?
Die Zahl der Afghanen ist so gross, weil sie vor allem aus dem Iran und Pakistan kommen und die Regierungen dort grosse Rückkehrkampagnen gestartet haben. Der Iran hat Afghanen im Land eine Frist gegeben, bis Juli 2025 selbst zu gehen oder abgeschoben zu werden. Pakistan hat etwas Ähnliches gemacht, mit einer Frist bis April 2025. Da war also sehr viel Druck dieser Regierungen dahinter, damit die Leute das Land verlassen.
Im Iran kam im Juni 2025 zusätzlich die Bombardierung Israels hinzu, sodass sich dort die Situation akut verschlechtert hat und die Leute zurückgegangen sind nach Afghanistan, wo die Situation aber auch hoch prekär ist.
Es gibt verschiedenste Ausgangslagen. Doch lassen sich allgemeine Erkenntnisse zur Migrationspolitik aus diesen Zahlen herauslesen?
Der Trend ist: Zuflucht wird unattraktiver. Und das passiert teils absichtlich durch abwehrende Politik und teils unabsichtlich durch Kriegsausbrüche. Ein weiterer Trend, an dem wir auch in Europa direkten Anteil haben, sind Hilfskürzungen. Wenn also Menschen heute in Zufluchtsländern unter Planen schlafen, statt wie zuvor in einem Zelt, das vom Flüchtlingswerk gestellt wurde, dann ist natürlich der Druck auf sie grösser, zu gehen.
Schlechtere Bedingungen im Zufluchtsland, weniger Möglichkeiten weltweit – dieser Trend wird auch dieses Jahr weitergehen.
Ist dieser Trend der verstärkten Rückkehr nachhaltig? Geht das so weiter?
Das sind zwei verschiedene Fragen, die man da stellen muss. Das eine ist: Wird der Trend im nächsten Jahr weitergehen? Das ist sehr gut möglich. Denn dieser Trend – schlechtere Bedingungen im Zufluchtsland, weniger Möglichkeiten weltweit – der wird auch dieses Jahr weitergehen.
Oder man fragt: Ist der Trend nachhaltig im Sinne von: Haben wir gute Bedingungen für die Rückkehr, sodass sie zum Wohle der Menschen und ihrer Länder gelingt? Das bezweifle ich. Deswegen kann man diese Zahlen des Flüchtlingswerks auf zwei Arten lesen. Ich kann sie als gute Nachricht lesen und sagen: «Mehr Leute sind wieder zu Hause.» Und wenn Sie Migrationsskeptiker sind, dann sagen Sie vielleicht auch: «Weniger Hilfen im Zufluchtsland führen dazu, dass das Heimatland im Vergleich wieder attraktiver wird. Also so schlimm kann es ja nicht gewesen sein.» Sie können es aber auch als eine schlechte Neuigkeit lesen. Sie können sagen: «Mehr Leute sind wieder zu Hause, obwohl es da gar nicht besser geworden ist. Einfach nur, weil sie anderswo jetzt noch weniger willkommen sind als zuvor.»
Das Gespräch führte Christina Scheidegger.