Die Biennale in Venedig gehört zu den wichtigsten Kunstaustellungen der Welt. Eigentlich sollte da die zeitgenössische Kunst im Zentrum stehen. Stattdessen dominieren wenige Tage vor der Eröffnung Politik, Diplomatie und Krieg die Debatte. Auslöser ist die geplante Rückkehr russischer Künstlerinnen und Künstler nach vier Jahren Ausschluss wegen des Ukraine-Kriegs. Der Streit führte nun zum Rücktritt der gesamten Jury. Italien-Korrespondent Franco Battel ordnet ein.
Warum ist die Jury der Biennale zurückgetreten?
Der Rücktritt der Jury ist ein Protest. Sie wollte verhindern, dass Russland oder Israel an der diesjährigen Biennale Preise erhalten – etwa den Silbernen oder Goldenen Löwen. Die Jury argumentierte, die Regierungen Russlands und Israels würden massiver Kriegsverbrechen bezichtigt. Eine Preisverleihung an diese Länder sei darum nicht möglich. Dagegen erhob sich Protest. Israels Regierung sprach gar von Antisemitismus. Diese Kontroverse hat nun zum Rücktritt der gesamten Jury geführt.
Weshalb lehnt Italiens Regierung Russland an der Biennale ab?
Giorgia Meloni und ihr Kulturminister Alessandro Giuli waren von Anfang an gegen die Präsenz Russlands. Allerdings ist die Regierung nicht geschlossen: Vizepremier Matteo Salvini von der Lega zum Beispiel begrüsst die erneute russische Präsenz in Venedig ausdrücklich.
Darf die Politik Einfluss auf die Biennale nehmen?
Rein rechtlich gesehen hat die Politik nicht das Recht, in eine Ausstellung einzugreifen. Die Biennale gilt als autonome Stiftung. Aber sie benötigt Gelder der EU, und diese stehen jetzt auf dem Spiel: Die EU drohte, der Biennale Subventionen zu entziehen. Die Direktion der Biennale versucht nun, den Verlust der Subventionen abzuwenden, indem sie die russische Performance schon vor der eigentlichen Biennale stattfinden lässt. Das wird die Wogen aber kaum glätten.
Weshalb wollte der Direktor Russland wieder zulassen?
Direktor Pietrangelo Buttafuoco argumentiert, die Biennale müsse ein Ort des Dialogs bleiben und offen für alle sein. Unterstützung erhält er unter anderem vom früheren Bürgermeister Venedigs, Massimo Cacciari. Aber das sehen längst nicht alle so.
Kann die Biennale unter diesen Vorzeichen noch die Kunst ins Zentrum stellen?
Schwerlich. Die diesjährige Ausgabe der Biennale wurde hoffnungslos politisiert. Diese entfesselten Kräfte sind wohl stärker als die ausgestellte Kunst in den Pavillons. Die Römer Tageszeitung «La Repubblica» schreibt, die Biennale habe sich für Russland geöffnet, drohe deswegen aber geschlossen zu werden. Da ist etwas Wahres dran.