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Bühne für Propaganda Theater im besetzten Mariupol: Nach den Bomben kommen die Märchen

Die Bilder gingen um die Welt – und gelten als Symbol für die Kriegsverbrechen Russlands in der Ukraine: die Bombardierung des Theaters in Mariupol. Russland liess das von ihm zerstörte Theater wiederaufbauen, jetzt gab es die erste Vorstellung: ein Märchen über den Triumph des Guten.

Vorhang auf für Harlekins und Pierrots, Prinz und Zauberin, den Kaufmannsgehilfen Jegorka und magische Grossväterchen. Grosses sowjetisches Theater zur feierlichen Eröffnung des symbolträchtigen Schauspielhauses im russisch besetzten Mariupol.

«Die feuerrote Blume», die erste Inszenierung am Theater in Mariupol, ist ein Märchen über die Kraft der Liebe und die Überwindung des Bösen. Eine Moral, die sich an diesem symbolträchtigen Ort in ihr Gegenteil verkehrt.

«Tanz auf den Knochen», kommentierte die Schauspielerin Vira Lebedynska, eine ehemalige Schauspielerin am Theater, das Propagandaspektakel gegenüber dem britischen «The Guardian».

Die Bombardierung des Theaters

Das Theater war während des russischen Angriffs auf Mariupol im März 2022 Zufluchtsort für Zivilisten in der schwer umkämpften Stadt. Dennoch warfen russische Flieger zwei 500 Kilogramm schwere Bomben auf das Gebäude ab.

Wie viele Menschen gestorben sind, ist bis heute ungeklärt, die meisten hatten in den Werkstätten im Untergeschoss ausgeharrt. Beim russischen Wiederaufbau wurden die Keller zubetoniert.

Auch das offizielle Namensungetüm des Theaters ist eine starke Ansage: «Republikanisches russisches akademisches Dramatheater Mariupol» – mit «Ehren-Auszeichnung». Das klingt sehr rühmlich und überdeckt das wenig Rühmliche.

Das Schicksal von Mariupol im Krieg in der Ukraine

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Die ukrainische Stadt Mariupol befindet sich im Oblast Donezk, im Osten des Landes.

Mit Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 wurde die Stadt zunächst eingeschlossen und im Mai 2022 vollständig erobert.

Mariupol wurde bei der Belagerung massiv zerstört, die Zahl der zivilen Opfer in der Stadt soll bei mehreren Tausend liegen.

Seit der Eroberung steht die Stadt unter russischer Besatzung und Verwaltung.

Russland nutzt Mariupol als Vorzeigeprojekt, um Wiederaufbau und Normalität zu inszenieren.

Neoklassizistische Augenwischerei

Samtsessel, prächtige Kronleuchter und viel goldene Gipsstuckatur beschwören eine neoklassizistische sowjetische Ewigkeit. Erhaben sieht Russland sich und seine Kultur gerne.

Der russische Schauspieler und Regisseur Wladimir Maschkow, er gilt als langjähriger Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin, schwärmte bei der Eröffnung makaber: «Man kann einen Menschen töten, aber man kann nicht seine Kultur auslöschen.» Eine Täter-Opfer-Umkehr, denn de facto überspielt Russland am Theater in Mariupol gerade die ukrainische Kultur.

Gleichschaltung am Theater

Neuer Generaldirektor des Theaters ist der Ukrainer Igor Solonin, der bisher stellvertretender Zirkusdirektor in Donezk war. «Wiedergeburt», «Rückkehr in den eigenen Hafen», «Wiederauferstehung des Donbass» – das sind die Schlagwörter rund um die Eröffnung des Hauses.

Igor Solonin versichert: «Seitdem wir alle sozusagen wieder nach Hause zurückgekehrt sind, gibt es keine Probleme mehr. Das Denken ist russisch.»

Russische Märchen

Der Wiederaufbau des Theaters und seiner Stadt scheint in Putins Russland ein besonderes Anliegen zu sein. Mariupol wurde etwa zur Schwesterstadt von Putins Geburtsstadt St. Petersburg erhoben – das Theater sollte zügig für etwas Glanz zwischen den Ruinen sorgen.

Etwa 150 von ehemals 200 Theaterangestellten und Schauspielern in Mariupol kooperieren heute mit den Russen. Sie führen Stücke auf mit Titeln wie «Warnung» oder «Die Entstehung des Faschismus». Wer keinen russischen Pass annimmt, wird massiv drangsaliert. Im Theater können sich die Bewohner jetzt vom schönen Schein russischer Märchen verzaubern lassen. 

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 16.1.2026, 7:06 Uhr

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