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«Australien ist nicht Murdochs persönlicher Besitz»
Aus Rendez-vous vom 01.07.2020.
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Rupert Murdochs Imperium Kulturkrieg statt Berichterstattung

Multimilliardär Rupert Murdoch hat über die Medien massiven Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Politik Australiens. Ein früherer Premierminister spricht vom «grössten Krebs», der die Demokratie zerfrisst.

«Es war, wo ich meine Sporen als Reporterin abverdient habe», sagte die Journalistin Lisa Millar jüngst im australischen Fernsehsender ABC, mit Tränen in den Augen. Ihr Lokalblatt ist tot – gestorben nach über hundert Jahren. Artikel über den Rugbyclub, das Wetter, Nachrufe: Alltag einer Lokaljournalistin – und Sprungbrett in eine grosse Karriere.

Das vom gebürtigen Australier Rupert Murdoch geführte US-Unternehmen News Corp hat über 130 Lokalzeitungen stillgelegt oder die Publikation ins Internet verlegt. Vor allem ältere Leute, für die ein «Apple» noch ein Apfel ist und nicht ein Smartphone, verlieren damit ihre einzige Quelle lokaler Informationen.

News Corp macht Covid-19 für den Kahlschlag verantwortlich. Der Medienwissenschaftler Martin Hirst sieht dagegen einen «rücksichtslosen Geschäftsentscheid», für den er aber durchaus etwas Verständnis habe. Wegen der grossen Distanzen und der kleinen Bevölkerung sei der Druck von lokalen Zeitungen in Australien seit jeher ein schwieriges Vorhaben.

Aber: Der Konzern habe erst vor Kurzem von der Regierung 60 Millionen Franken erhalten, um die Lokalblätter zu stützen. Trotzdem jetzt dieser Entscheid. «Die Leute fragen sich nun, wo dieses Geld ist», so Hirst.

Rettung der Agentur AAP in letzter Minute

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Rettung der Agentur AAP in letzter Minute
Legende:Keystone

Die australische Nachrichtenagentur Australian Associated Press (AAP) bleibt erhalten. Ein Konsortium aus Investoren und Philanthropen unter Leitung des früheren Chefs des globalen Mediengiganten News Corp, Peter Tonagh, hat das Unternehmen vergangene Woche in letzter Minute vor der Schliessung gerettet.

Die Ankündigung kam drei Monate nachdem, den Mitarbeitern mitgeteilt worden war, dass die Agentur Anfang Juli schliessen würde. Die beiden Hauptaktionäre Nine Entertainment und News Corp hatten die 85-jährige Institution – die australische Form der Schweizerischen Depeschenagentur – für wirtschaftlich nicht mehr tragfähig erklärt.

Wichtige Rolle im Medienmarkt

Im von Rupert Murdochs News Corp dominierten Medienmarkt Australiens kommt AAP eine wichtige Rolle zu. Wie der Medienexperte Norman Abjorensen im März gegenüber SRF meinte, sei AAP «traditionell eine Quelle unbefangener, exakter Nachrichten, ohne politische Interessen zu haben». Die Firma versorgt das Land mit Meldungen, die frei seien «vom Einfluss durch Politiker oder Interessensgruppen».

Vor allem kleinere Zeitungen und Radiostationen nutzen AAP als einzige Quelle von Meldungen. Kritiker meinten damals, News Corp und Nine Entertainment wollten mit der Schliessung bewusst den Zugang zu unabhängigen Nachrichten unterbinden und Konkurrenten ausschalten.

Bis zu 95 der bisherigen 180 Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben. Die neuen Besitzer sähen die Übernahme als «eine philanthropische Herausforderung und werden Geduld haben, an neuen kommerziellen Möglichkeiten zu arbeiten, um eine langfristige Rentabilität anzustreben», so der Verwaltungsratspräsident von AAP, Bruce Davidson.

Aggressive Kampagne gegen die Opposition

Premierminister Scott Morrison wird Rupert Murdoch kaum fragen. Dessen konservative Regierung ist dem Medienmogul zu Dank verpflichtet. Nur dank seiner Unterstützung sei Morrison überhaupt noch an der Macht, meinen Beobachter.

Eine aggressive, von Halbwahrheiten und wilden Behauptungen durchsetzte Medienkampagne gegen die sozialdemokratische Opposition im Vorfeld der Wahlen 2019 hatte der Regierung zur unerwarteten Wiederwahl verholfen.

«Murdoch beeinflusst die Wahlen schon seit 1972, als ich das erste Mal wählen konnte», reflektiert Medienexperte Hirst. Eine Journalistin meint, die Macht des 89-Jährigen reiche so tief in die australische Politik, «dass jeder, der ihm im Weg steht, es bald bereuen wird, weil er in einem Sumpf von Propaganda, Hetze und Verleumdung untergeht».

Die Medienauswahl schrumpft

Rupert Murdoch ist Gründer und Herrscher über eines der mächtigsten Medienkonglomerate der Welt. 39 Prozent der Aktien sind im Besitz seiner Familie. In den USA ist der Murdoch-Konzern über den Fernsehkanal Fox News wichtigste Informationsquelle für Millionen konservativer Wähler und Trump-Anhänger.

In Australien publiziert News Corp den Grossteil der Druckmedien, darunter die einzige landesweite Tageszeitung. In einigen Städten ist ein Murdoch-Boulevardblatt die einzige gedruckte Informationsquelle. Dazu betreibt News den Fernsehkanal Sky News. Bezüglich politischer Ausrichtung und journalistischer Aggressivität steht er Fox News um wenig nach.

«Mit einem Vermögen von etwa 27 Milliarden Franken, verteilt auf Mehrheitsbeteiligungen an News Corp und Fox Corp sowie einer Beteiligung am Unterhaltungskonzern Disney von 20 Milliarden Franken in den USA sind die Murdochs Australiens reichste Familie», rechnet der Journalist Stephen Mayne vor. Er ist einer von wenigen australischen Reportern, die den Einfluss Murdochs seit Jahren kritisch verfolgen.

Selbst Mitarbeitende von konkurrierenden Medienunternehmen üben Selbstzensur, wenn es um Murdoch geht. Denn sie wissen nicht, ob sie nicht selbst einmal auf einen Job bei News Corp angewiesen sind. Die Auswahl an Medien schrumpft: 2018 fusionierte das einst für Qualitätsjournalismus stehende Verlagshaus Fairfax mit der mehrheitlich von Boulevard lebenden «Nine Entertainment»-Gruppe.

Neoliberale Ideologie

Kritikern zufolge haben Murdoch-Titel schon vor Jahren den Anspruch verloren, sie würden balancierten Journalismus produzieren. «Die Botschaft – sowohl unterschwellig als auch offen – ist die gleiche: Konservative gut, Progressive schlecht», fasst das Medienportal Independent Australia zusammen.

Ein Blick in eine News-Publikation zeigt, dass Journalisten sowohl in Berichten als auch in Kommentaren scheinbar ungehemmt von journalistischen Normen neoliberale Ideologie propagieren. Dies sei die Weltanschauung Murdochs, sagen Experten wie Hirst, eine Ideologie, wie sie auch von der konservativen Seite der australischen Politik verfolgt werde.

Der Umgang mit der Murdoch-Mafia ist, wie wenn man jeden Tag ausgeweidet würde.
Autor: Kevin RuddEhemaliger Premierminister Australiens

Kulturkrieg statt Berichterstattung: Vermeintlich «linke» Themen wie erneuerbare Energien, Multikulturalität, Flüchtlinge und öffentliche Medien sehen sich konstanter Kritik ausgesetzt. Vom Menschen verursachter Klimawandel, dessen Existenz gewisse Journalisten bis heute leugnen, ist Reizthema Nummer 1.

Die Ex-News-Mitarbeiterin Emily Townsend kündigte ihren Job, weil sie die «Fehlinformationskampagne» ihres Arbeitgebers zugunsten der politisch mächtigen Kohleindustrie moralisch nicht mehr verantworten konnte. Murdoch trete dabei in den Redaktionen nicht als Diktator auf, so der Ex-News-Corp-Journalist Peter Fray gegenüber SRF. «Er sagte uns nicht, was wir schreiben sollen. Wir wussten aber, was er von uns erwartet.»

Murdoch-Medien als Meinungsmacher

«Der Umgang mit der Murdoch-Mafia ist, wie wenn man jeden Tag ausgeweidet würde», so der frühere Premierminister Kevin Rudd jüngst in einer Rede. Er fordert eine Untersuchung um den Einfluss Murdochs, den Mann, den er als «grössten Krebs, der die australische Demokratie zerfrisst» bezeichnet.

Eine unerbittliche Kampagne der News-Corp-Medien hatte den Sozialdemokraten gleich zweimal das höchste politische Amt gekostet. Seine Nachfolgerin Julia Gillard, die erste Frau an der Spitze der australischen Regierung, ging in einem Bombardement von Frauenhass der Murdoch-Titel unter. Selbst der konservative Premierminister Malcolm Turnbull wurde ein Opfer, weil er – zaghaft – gegen Klimawandel vorgehen wollte.

Nur ein Ziel scheint derzeit für Murdoch noch wichtiger zu sein als die Verhinderung von Klimaschutz: das Ende des Senders ABC. News Corp fordert die Privatisierung der vermeintlich «linken» öffentlichen Fernseh- und Radioanstalt.

Kritiker meinen, Murdoch gehe es dabei nicht nur um die Zerstörung einer der letzten Bastionen von Qualitätsjournalismus, sondern um das Ausschalten eines Konkurrenten, der mit Steuergeldern finanziert anbiete, womit Murdoch Geld verdienen möchte. Das mediale Dauerfeuer zeigt Erfolg: Die konservative Regierung hat dem Sender in den letzten Jahren hunderte von Millionen Franken an Mitteln entzogen.

Rendez-vous, 01.07.2020, 12.30 Uhr

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Ist doch interessant das die Rechten und Kapitalisten auf der ganzen Welt die freien und unabhängigen Medien zerstören und den Markt besetzen. War und ist in der Schweiz genauso. Gut hat das Volk ein klares Vorum für den freien Journalismus und SRF abgegeben. Und wer nun wieder sagt SRF sei links der beweist mit dieser Aussage gerade, wie sehr rechts die privaten Medien schon stehen. Den von links aus gesehen, und ich würde mich als gemässigten Linken bezeichnen, ist SRF nämlich in der Mitte.
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  • Kommentar von Andreas Meier  (Epikur)
    Herr Murdoch hat begriffen, lange vor Trump und Co., dass der Homo Sapiens am Ende des Tages lieber in angenehmer Verblendung lebt denn mit herausfordender, anstrengeder und mühseeliger Sachlichkeit. Dass dabei die Realpolitik leidet und mitunter Ideologie vor Realpolitik fördert und deströse Folgen zeitigt wird billigend in Kauf genommen. Genau wie zur Zeit in den USA. Wieso viel Energie in gute Regierungsarbeit und Qualitätsjournalismus stecken, wenn man sich auch alles zurechtlügen kann?
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  • Kommentar von Lily Mathys  (Alle vergeben)
    Lokalblätter gehen ein. Vielleicht sollten wir zuerst anfangen, einen Blick vor die Haustür zu werfen. Tamedia hat in Bern Bund und BZ geschluckt. Etwas regionaler Touch, sonst immer das gleiche. Und SRF? Zürich voll und der Rest? In Biel stand der Bahnhof letzten Sommer 8h still. Keine Meldung. Biel-ZH: 1h10 mit Zug. In Australien sind sie gerade mal vor Melbourne. Lange nicht in Brisbane.
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