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Russland rekrutiert in Afrika «An der Front galt: Töten, wer kein russischer Soldat ist»

Junge Männer aus Afrika reisen nach Russland, angelockt von Jobversprechen. Wenig später stehen sie an der Front in der Ukraine. Einige kommen zurück. Viele nicht.

Es regnet in Strömen, als sie James Kamau verabschieden. Rund zweihundert Menschen sind gekommen, in sein Heimatdorf im Kiambu County, nördlich von Nairobi. Die Angehörigen und Freunde stehen dicht gedrängt unter Planen, auf rotem, aufgeweichtem Boden. Es gibt keinen Sarg. Keinen Leichnam. Nur ein grosses Plakat vorne bei der Bühne: Kamau, 33 Jahre alt, in Militäruniform, ein Gewehr in den Händen. Sie nennen es eine «Mock Burial». Eine Beerdigung ohne Körper. Ein Abschied ohne Gewissheit.

Er starb in einem Krieg, den er gar nicht kannte.
Autor: JB Muturi Cousin von James Kamau

Seine Schwester tritt nach vorne, ihre Stimme bricht. «Er war mein bester Bruder. Und jetzt hat Russland ihn uns genommen.» Ein Cousin sagt: «Er starb in einem Krieg, den er gar nicht kannte.» Und ein Freund blickt lange auf das Plakat: «Er hasste Waffen», sagt er. «Und jetzt kennt man ihn nur so.»

Weinende, sitzende Menschen an James Kamaus «Mock Burial».
Legende: Im Regen sitzen sie dicht gedrängt, viele weinen. Es ist ein Abschied ohne Körper und ohne Gewissheit, ob und wo James Kamau wirklich liegt. SRF/Sarah Fluck

Der Regen fällt weiter. Und mit ihm diese Frage, die niemand beantworten kann: Wie kommt ein junger Mann von hier an einen Ort, an dem er stirbt, ohne dass seine Familie ihn je zurückholen kann?

Die Beerdigung, die keine ist

Die Geschichte Kamaus und jener mit demselben Schicksal beginnt nicht mit dem Krieg. Sie beginnt mit einem Versprechen: Junge Männer aus afrikanischen Ländern werden mit unverfänglichen Jobangeboten nach Russland gelockt. Oft beginnt alles online. Anzeigen auf Facebook, Telegram oder in WhatsApp-Gruppen versprechen Arbeit, Visa und ein besseres Leben.

James Kamaus Mutter Hannah Wambui sitzt auf einem Plastikstuhl in ihrem Garten.
Legende: James Kamaus Mutter Hannah Wambui in ihrem Garten. «Ich wusste nicht einmal, ob mein Sohn noch lebt – oder schon tot ist.» Heute weiss sie es. Behörden haben seinen Tod bestätigt. Doch sein Körper liegt irgendwo im Kriegsgebiet, eine Rückführung gibt es nicht. SRF/Sarah Fluck

Laut Angaben der UNO kommen die Betroffenen aus Ländern quer über den Kontinent: aus Uganda, Kenia, Kamerun, Nigeria oder Südafrika. Dahinter stehen Netzwerke, die schwer zu greifen sind. Reiseagenturen organisieren Visa und Flüge, Vermittler knüpfen Kontakte, soziale Medien bringen Angebot und Nachfrage zusammen. Für viele klingt es wie ein Ausweg.

Das Versprechen

Auch für Dancan Chege. Er ist Lastwagenfahrer, fährt Gemüse von Nairobi nach Mombasa, dreimal pro Woche. Lange Strecken, wenig Geld. Ein Leben, das nicht vorwärtskommt. «Ich wollte einfach arbeiten», sagt er. Ein Freund schickt ihm Bilder. Ein Job als Wachmann, erzählt er. Unterkunft, Lohn, alles geregelt. Dann eine Nummer. Eine Vermittlerin. Sie fragt ihn: Was kannst du? «Fahren», antwortet Chege. «Gut», schreibt sie. «Es gibt Arbeit in Russland.»

Portraitbild von Dancan Chege, der in seinem Garten sitzt.
Legende: Dancan Chege in seinem Hof im Dorf Mori, zwischen Hühnern und Bananenstauden. Der Krieg klebt noch an ihm. An den schweren Militärstiefeln an seinen Füssen. Am kamelfarbenen Pullover. An den Worten, die geblieben sind. «Spasiba», sagt er und lacht kurz. Das sei Russisch für «Danke», erklärt Chege. SRF/Sarah Fluck

Der Weg dorthin ist kurz. Ein paar Nachrichten auf WhatsApp. Ein Lebenslauf. Eine Passkopie. Geld – rund 1000 Dollar –, das er sich leiht. Drei Tage später hat er ein Visum. Am nächsten Tag ein Ticket. «Ich habe alles gepackt», sagt er. «Ich dachte, ich gehe für ein Jahr. Und komme mit dem Geld von drei zurück.»

Als er in Moskau landet, scheint das Versprechen noch zu halten. Ein Bett, eine Dusche, Essen. Für einen Moment sieht alles aus wie der Anfang eines besseren Lebens. Dann, fast unmerklich, verschiebt sich die Realität. Ein Vertrag wird ihm vorgelegt, auf Russisch. «Ich habe gesagt: Übersetzt mir das.» Er wartet. Niemand übersetzt. Stattdessen drängen sie. Auch die Vermittlerin schreibt: Er solle sich keine Sorgen machen. Am Ende unterschreibt er. Etwas, das er nicht lesen kann.

Die rote Zone

Kurz darauf wird er in ein Trainingslager gebracht. Dort lernt er schiessen. Marschieren. Befehle befolgen, die er nicht versteht. Und er lernt noch etwas anderes: wie man Bilder produziert. Sie müssen Videos aufnehmen. Lächeln. Filmen. Sagen, dass alles gut ist. Material für die nächsten. «Viele Afrikaner waren dort», sagt Chege. «Sehr viele.»

Nach wenigen Wochen wird Chege an die Front geschickt, «in die rote Zone». Irgendwo im Osten der Ukraine. Die Namen weiss er nicht mehr. Was bleibt, sind Bilder. Kälte. Schnee. «Das Leben dort ist hart», sagt er. «Eisig kalt.»

Die Männer werden in kleine Gruppen aufgeteilt, mit Abstand, damit nicht alle auf einmal sterben. «Fünfzig Meter zwischen uns», sagt Chege. «Wegen der Drohnen.» Geschlafen wird in Löchern im Boden. «Dein Haus ist dieses Loch», sagt er. Und überall Leichen. Viele Leichen. Der Auftrag ist einfach. «Töten», sagt Chege. «Alle, die keine russischen Soldaten sind, sogar Frauen.»

Daten der UNO zeigen: Viele der Rekrutierten sterben nach wenigen Monaten, manche bereits nach wenigen Wochen. Für Militäranalysten sind sie Teil einer Abnutzungstaktik, eingesetzt wie Kanonenfutter. Ukrainische Behörden gehen noch weiter und sagen, viele überleben nicht einmal einen Monat an der Front.

Sei ein Mann. Halt durch.
Autor: Nachricht der Vermittlerin An Dancan Chege, als er die Front verlassen will

Auch Dancan Chege hält es an der Front nicht lange aus. Versucht zu fliehen. Bittet seine Vorgesetzten, ihn gehen zu lassen. Vergeblich. Dann schreibt er verzweifelt der Vermittlerin. «Sie hat gesagt: Sei ein Mann. Halt durch.» Er sieht nur noch einen Ausweg – spielt krank. Schiesst grundlos in die Luft, stellt sich wahnsinnig. Erst dann bringen ihn die russischen Vorgesetzten in ein Militärspital.

Dort beginnt für ihn die eigentliche Flucht. Ein fremder Mann leiht ihm ein Telefon. Chege ruft nach Hause an. Seine Mutter verkauft eine Kuh, schickt Geld. Irgendwann steht er vor der kenianischen Botschaft in Moskau. Verletzt, kraftlos. Irgendwann sitzt er im Flugzeug zurück in die Heimat.

Mehrere Angehörige sitzen dicht beieinander vor dem Parlamentsgebäude in Nairobi. Vor ihnen, die Kenia-Flagge.
Legende: 5. März 2026, Nairobi: Vor dem Parlament stehen Angehörige mit Kerzen. Sie beten und fordern Antworten. Sie wollen wissen, wie ihre Söhne in den Krieg geraten konnten. Reuters/Thomas Mukoya

Doch auch hier endet die Geschichte nicht. Denn zurück ist nur sein Körper. «Mein Leben ist wieder bei null», sagt er. Geld habe er nie gesehen. Und nachts wache er nun schreiend auf, höre Schüsse, sehe die Drohnen wieder. «Immer wieder», sagt er. «Es hört nicht auf.»

Kenia stoppt Rekrutierung und holt erste Kämpfer zurück

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Russlands Aussenminister Sergei Lawrow (rechts) und Kenias Aussenminister Musalia Mudavadi (links) geben sich nach Gesprächen in Moskau die Hand.Hinter ihnen sind die Flaggen Russlands und Kenias zu sehen. Die Szene wirkt formell, es handelt sich um eine gemeinsame Pressekonferenz nach politischen Gesprächen.
Legende: Nach wachsendem Druck aus Kenia: Aussenminister Musalia Mudavadi (links) trifft in Moskau seinen russischen Amtskollegen Sergei Lawrow. Bei den Gesprächen am 16. März ging es auch um die Rekrutierung kenianischer Staatsbürger für den Ukraine-Krieg. Reuters/Tatyana Makeyeva

In Kenia wuchs seit Anfang Jahr der Druck auf die Politik: Nach Medienberichten kam es in Nairobi zu Protesten von Angehörigen, die lautstark Aufklärung und Hilfe forderten.

Zunächst reagierte die Regierung mit der Schliessung von über 600 dubiosen Vermittlungsagenturen, die mit falschen Jobversprechen lockten. Parallel versuchte sie, die Betroffenen zurückzuholen: 44 Kenianer wurden bisher repatriiert, weitere sollen folgen.

Am 16. März reiste der kenianische Aussenminister Musalia Mudavadi dann nach Moskau und erhielt dort von seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow das Versprechen, dass Russland keine weiteren Kenianer mehr rekrutiert.

Kurz darauf stellt die kenianische Regierung eine weitere pragmatische Lösung in Aussicht: Sie verspricht Rückkehrern Amnestie. Denn eigentlich ist die Rechtslage in Kenia klar: Wer ohne Bewilligung in einer fremden Armee dient, macht sich strafbar. Es drohen bis zu zehn Jahre Haft. Für die Rückkehrer soll das nun aber nicht gelten.

Während James Kamau begraben wird und Dancan Chege überlebt hat, sitzt Jack Oduk in Nairobi und wartet. Er ist Fahrer, lebt in Korogocho, einem der grössten Slums der Stadt. Ein schmaler Raum, nackte Wände, zwei Plastikstühle.

Er sitzt auf dem Bett, das Handy in der Hand, wischt durch die Bilder seines Bruders Moses. Ein Hochzeitsfoto. Ein Kind auf dem Arm. Dann eine Uniform. «Er war ein ehrlicher Mensch», sagt Oduk. «Ein guter Mensch.» Ein Mann hatte auch Moses einen Job versprochen. Wachmann eines Supermarkts in Russland. Ein Ausweg.

Warten auf Moses Oduk

Der letzte Anruf kommt im November. Moses weint. Seine Stimme bricht. Er sagt, sie wollten ihn an die Front schicken. «Ich will das nicht», sagt er. Danach: nichts mehr. Oduk hält das Handy fest, als könnte es jeden Moment klingeln. «Wir warten», sagt er. Eine Pause. «Auf ein Zeichen, dass er noch lebt. Oder dass er es nicht mehr tut.»

Rendez-vous, 19.3.2026, 12:30 Uhr; flus,herb

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