Es regnet in Strömen, als sie James Kamau verabschieden. Rund zweihundert Menschen sind gekommen, in sein Heimatdorf im Kiambu County, nördlich von Nairobi. Die Angehörigen und Freunde stehen dicht gedrängt unter Planen, auf rotem, aufgeweichtem Boden. Es gibt keinen Sarg. Keinen Leichnam. Nur ein grosses Plakat vorne bei der Bühne: Kamau, 33 Jahre alt, in Militäruniform, ein Gewehr in den Händen. Sie nennen es eine «Mock Burial». Eine Beerdigung ohne Körper. Ein Abschied ohne Gewissheit.
Er starb in einem Krieg, den er gar nicht kannte.
Seine Schwester tritt nach vorne, ihre Stimme bricht. «Er war mein bester Bruder. Und jetzt hat Russland ihn uns genommen.» Ein Cousin sagt: «Er starb in einem Krieg, den er gar nicht kannte.» Und ein Freund blickt lange auf das Plakat: «Er hasste Waffen», sagt er. «Und jetzt kennt man ihn nur so.»
Der Regen fällt weiter. Und mit ihm diese Frage, die niemand beantworten kann: Wie kommt ein junger Mann von hier an einen Ort, an dem er stirbt, ohne dass seine Familie ihn je zurückholen kann?
Die Beerdigung, die keine ist
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Bild 1 von 5. Neben dem Plakat steht James Kamaus Witwe mit der gemeinsamen Tochter im Arm. Ein Kind, das seinen Vater kaum gekannt hat. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 2 von 5. Ein Freund von James Kamau spricht an der Beerdigung: «Beim letzten Gespräch sagte er: Komm nach. Ich wusste nicht, dass das ein Abschied ist.» Dann leiser: «Ich war eifersüchtig. Er konnte gehen, ich hatte das Geld nicht.» Er schaut auf das Bild. «Am Ende hat er für seinen Tod bezahlt.». Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 3 von 5. Leadsänger im Gottesdienst: «Wir singen hier für einen, den wir nicht nach Hause holen konnten.». Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 4 von 5. Zwei Kolleginnen von James Kamau: «Er hat von einem besseren Leben gesprochen», sagt eine von ihnen. «Nicht vom Sterben.». Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 5 von 5. James Kamaus Mutter Hannah Wambui: «Ich habe ihn grossgezogen und jetzt weiss ich nicht einmal, wo er begraben liegt.». Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
Die Geschichte Kamaus und jener mit demselben Schicksal beginnt nicht mit dem Krieg. Sie beginnt mit einem Versprechen: Junge Männer aus afrikanischen Ländern werden mit unverfänglichen Jobangeboten nach Russland gelockt. Oft beginnt alles online. Anzeigen auf Facebook, Telegram oder in WhatsApp-Gruppen versprechen Arbeit, Visa und ein besseres Leben.
Laut Angaben der UNO kommen die Betroffenen aus Ländern quer über den Kontinent: aus Uganda, Kenia, Kamerun, Nigeria oder Südafrika. Dahinter stehen Netzwerke, die schwer zu greifen sind. Reiseagenturen organisieren Visa und Flüge, Vermittler knüpfen Kontakte, soziale Medien bringen Angebot und Nachfrage zusammen. Für viele klingt es wie ein Ausweg.
Das Versprechen
Auch für Dancan Chege. Er ist Lastwagenfahrer, fährt Gemüse von Nairobi nach Mombasa, dreimal pro Woche. Lange Strecken, wenig Geld. Ein Leben, das nicht vorwärtskommt. «Ich wollte einfach arbeiten», sagt er. Ein Freund schickt ihm Bilder. Ein Job als Wachmann, erzählt er. Unterkunft, Lohn, alles geregelt. Dann eine Nummer. Eine Vermittlerin. Sie fragt ihn: Was kannst du? «Fahren», antwortet Chege. «Gut», schreibt sie. «Es gibt Arbeit in Russland.»
Der Weg dorthin ist kurz. Ein paar Nachrichten auf WhatsApp. Ein Lebenslauf. Eine Passkopie. Geld – rund 1000 Dollar –, das er sich leiht. Drei Tage später hat er ein Visum. Am nächsten Tag ein Ticket. «Ich habe alles gepackt», sagt er. «Ich dachte, ich gehe für ein Jahr. Und komme mit dem Geld von drei zurück.»
Als er in Moskau landet, scheint das Versprechen noch zu halten. Ein Bett, eine Dusche, Essen. Für einen Moment sieht alles aus wie der Anfang eines besseren Lebens. Dann, fast unmerklich, verschiebt sich die Realität. Ein Vertrag wird ihm vorgelegt, auf Russisch. «Ich habe gesagt: Übersetzt mir das.» Er wartet. Niemand übersetzt. Stattdessen drängen sie. Auch die Vermittlerin schreibt: Er solle sich keine Sorgen machen. Am Ende unterschreibt er. Etwas, das er nicht lesen kann.
Die rote Zone
Kurz darauf wird er in ein Trainingslager gebracht. Dort lernt er schiessen. Marschieren. Befehle befolgen, die er nicht versteht. Und er lernt noch etwas anderes: wie man Bilder produziert. Sie müssen Videos aufnehmen. Lächeln. Filmen. Sagen, dass alles gut ist. Material für die nächsten. «Viele Afrikaner waren dort», sagt Chege. «Sehr viele.»
Nach wenigen Wochen wird Chege an die Front geschickt, «in die rote Zone». Irgendwo im Osten der Ukraine. Die Namen weiss er nicht mehr. Was bleibt, sind Bilder. Kälte. Schnee. «Das Leben dort ist hart», sagt er. «Eisig kalt.»
Die Männer werden in kleine Gruppen aufgeteilt, mit Abstand, damit nicht alle auf einmal sterben. «Fünfzig Meter zwischen uns», sagt Chege. «Wegen der Drohnen.» Geschlafen wird in Löchern im Boden. «Dein Haus ist dieses Loch», sagt er. Und überall Leichen. Viele Leichen. Der Auftrag ist einfach. «Töten», sagt Chege. «Alle, die keine russischen Soldaten sind, sogar Frauen.»
Daten der UNO zeigen: Viele der Rekrutierten sterben nach wenigen Monaten, manche bereits nach wenigen Wochen. Für Militäranalysten sind sie Teil einer Abnutzungstaktik, eingesetzt wie Kanonenfutter. Ukrainische Behörden gehen noch weiter und sagen, viele überleben nicht einmal einen Monat an der Front.
Sei ein Mann. Halt durch.
Auch Dancan Chege hält es an der Front nicht lange aus. Versucht zu fliehen. Bittet seine Vorgesetzten, ihn gehen zu lassen. Vergeblich. Dann schreibt er verzweifelt der Vermittlerin. «Sie hat gesagt: Sei ein Mann. Halt durch.» Er sieht nur noch einen Ausweg – spielt krank. Schiesst grundlos in die Luft, stellt sich wahnsinnig. Erst dann bringen ihn die russischen Vorgesetzten in ein Militärspital.
Dort beginnt für ihn die eigentliche Flucht. Ein fremder Mann leiht ihm ein Telefon. Chege ruft nach Hause an. Seine Mutter verkauft eine Kuh, schickt Geld. Irgendwann steht er vor der kenianischen Botschaft in Moskau. Verletzt, kraftlos. Irgendwann sitzt er im Flugzeug zurück in die Heimat.
Doch auch hier endet die Geschichte nicht. Denn zurück ist nur sein Körper. «Mein Leben ist wieder bei null», sagt er. Geld habe er nie gesehen. Und nachts wache er nun schreiend auf, höre Schüsse, sehe die Drohnen wieder. «Immer wieder», sagt er. «Es hört nicht auf.»
Während James Kamau begraben wird und Dancan Chege überlebt hat, sitzt Jack Oduk in Nairobi und wartet. Er ist Fahrer, lebt in Korogocho, einem der grössten Slums der Stadt. Ein schmaler Raum, nackte Wände, zwei Plastikstühle.
Er sitzt auf dem Bett, das Handy in der Hand, wischt durch die Bilder seines Bruders Moses. Ein Hochzeitsfoto. Ein Kind auf dem Arm. Dann eine Uniform. «Er war ein ehrlicher Mensch», sagt Oduk. «Ein guter Mensch.» Ein Mann hatte auch Moses einen Job versprochen. Wachmann eines Supermarkts in Russland. Ein Ausweg.
Warten auf Moses Oduk
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Bild 1 von 3. Jack Oduk hält sein Handy. Darauf: ein Foto, das ihm sein Bruder Moses aus dem Trainingslager in Russland geschickt hat. Ganz rechts Moses. Kurz darauf bricht der Kontakt ab. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 2 von 3. Jack Oduk vor seinem Zimmer in Korogocho. Hier lebte er mit seinem jüngeren Bruder Moses – beide arbeiteten als Fahrer, teilten sich den Raum, den Alltag, die Hoffnung auf ein besseres Leben. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 3 von 3. Die militärische Erkennungsmarke von Moses. Eine Nummer statt eines Namens. Moses erzählte seinem Bruder, man habe ihm einen russischen Namen gegeben und ihn darunter registriert, damit er im System schwerer zu identifizieren ist. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
Der letzte Anruf kommt im November. Moses weint. Seine Stimme bricht. Er sagt, sie wollten ihn an die Front schicken. «Ich will das nicht», sagt er. Danach: nichts mehr. Oduk hält das Handy fest, als könnte es jeden Moment klingeln. «Wir warten», sagt er. Eine Pause. «Auf ein Zeichen, dass er noch lebt. Oder dass er es nicht mehr tut.»