Sergej Markow, ein kremltreuer Politologe, findet sich in einer unerwarteten Position wieder. Das russische Justizministerium hat ihn zum «ausländischen Agenten» erklärt. Die Bezeichnung wird in Russland in der Regel verwendet, um Kritiker zu diskreditieren.
Es ist eine Lüge, dass Russland eine Autokratie ist.
Markow ist bekannt dafür, in westlichen Medien aufzutreten und deren aus seiner Sicht verzerrten Narrative zu kritisieren. Beim britischen Times Radio etwa sagte er letztes Jahr: «Es ist eine Lüge, dass Russland eine Autokratie ist.» Die Ukraine hingegen werde von Neonazis und Terroristen regiert. Diese «Wahrheit» werde im Westen verschwiegen, so Markow.
Nun aber stellt er sich nicht mehr als objektiver Wahrheitssager dar. «Seit 25 Jahren unterstütze ich die Politik von Wladimir Putin. Alle wissen das», schrieb Markow auf Telegram, nachdem ihn das Ministerium zum «Agenten» gemacht hatte.
Dieses wirft Markow vor, Inhalte anderer «ausländischer Agenten» verbreitet zu haben. Tatsächlich teilte er häufig seine Interviews mit westlichen Medien. Aber auch die Staatskanäle, in denen Markow oft zu Gast war, zeigen aus dem Kontext gerissene Bilder aus dem westlichen Fernsehen.
Markows mächtige Feinde
Die Begründung des Ministeriums dürfte also nur ein Vorwand sein. Markow spricht von «persönlicher Rache» und gibt damit indirekt zu, dass russische Gesetze für interne Fehden missbraucht werden.
In der Tat hat sich Markow mächtige Feinde gemacht. Vor einem Monat wurde er im Staatsfernsehen von Kremlpropagandist Wladimir Solowjow frontal angegriffen. «Ich hoffe, dieser Markow wird nie wieder von einem russischen Medium eingeladen», wetterte Solowjow. «Was er macht, ist nicht nur niederträchtig, sondern grenzt an Landesverrat.»
Der Grund für Solowjows Angriff waren nicht Markows Auftritte in westlichen Medien, sondern einer in Aserbaidschan.
Die Autokratie im Kaukasus steht auf dem Index. Nachdem die russische Flugabwehr im letzten Dezember versehentlich ein aserbaidschanisches Flugzeug abgeschossen hatte, verweigerte Putin eine echte Entschuldigung. Doch statt klein beizugeben empörte sich Baku. Das Verhältnis der beiden Länder ist auf dem Tiefpunkt.
Markow, der Politologe, schien das nicht zu begreifen. Bei einer Konferenz in Aserbaidschan im Juli lobte er Staatschef Ilham Aliyev: «Aliyev ist ein brillanter Intellektueller, und er hat im Krieg um Bergkarabach einen totalen Sieg errungen. Andere Staatschefs, ja wir alle wollen von ihm wissen: Was ist das Geheimnis des Sieges?»
Unvorsichtige Worte, selbst in guten Zeiten. Aber Russlands Streit mit Aserbaidschan ist aus dem Ruder gelaufen. Lob auf das Regime in Baku wird nicht mehr goutiert.
Unruhe in der alten Garde
Dass Markow in Ungnade gefallen ist, geht nicht allein auf den Kremlpropagandisten Solowjow zurück. Dieser verbreitete nur Kritik der «Z-Blogger» weiter. Diese nationalistischen Telegram-Kanäle haben seit dem Überfall auf die Ukraine an Einfluss gewonnen und forderten Markows Kopf nach seinem Besuch in Aserbaidschan.
Der Fall zeigt, wie neue Kreml-Propagandisten die alte Garde zu Fall bringen können. Das dürfte in kremlhörigen Kreisen für Unruhe sorgen. Im Krieg verändern sich das System Putin und dessen Spielregeln. Auch wegen Korruption, die früher bei loyalen Beamten weitgehend toleriert wurde, häufen sich Festnahmen, vor allem im Militärbereich.
Loyalität allein reicht offenbar nicht mehr, das spürt auch Sergej Markow.