Das sogenannte Shein-Dorf ist eigentlich kein Dorf. Es ist eine Ansammlung von über 5000 privaten Werkstätten und Fabriken im Bezirk Panyu in Guangzhou, der Hauptstadt der Provinz Guangdong. Die Herstellung von Kleidern hat hier Tradition.
In den engen Gassen – manchmal ist der Himmel kaum zu sehen – dreht sich alles um das Nähen. Da näht ein altes Ehepaar Kleider zusammen, dort steht ein Reihenhaus mit Dutzenden Firmen mit Hunderten Angestellten.
Chen Rongsheng stammt ursprünglich aus Chongqing. Er ist als Wanderarbeiter in den Süden gezogen. Heute betreibt er eine mittelgrosse Werkstatt. Wie alle anderen zahlt er pro Kleidungsstück: «Wenn ich einer Person ein Monatsgehalt von 700 Franken zahle, näht sie nur etwa fünf Teile pro Tag», sagt er. «Wenn ich aber pro Stück zahle, näht sie 10 Teile pro Tag.» Er zeigt uns die Modelle, die er bisher genäht hat.
Zeit ist Geld
Die vielen Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen in der Provinz Guangdong kommen auf ein Monatseinkommen von 500 bis 1000 Franken, arbeiten bis zu 75 Stunden pro Woche und nehmen kaum freie Tage.
Wenn man keine Überstunden macht, kann man auch kein Geld verdienen.
He Haiying steht am Strassenrand und wartet darauf, abgeholt zu werden. Sie ist soeben aus der Nachbarprovinz Guangxi angekommen. «Die Kleiderindustrie ist sehr anstrengend. Wenn man keine Überstunden macht, kann man auch kein Geld verdienen», sagt sie.
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Bild 1 von 3. Ein Blick hinter die Kulissen: Hier entsteht Fast Fashion, die unter anderem nach Europa exportiert wird. Bildquelle: SRF/Nicolas Axelrod.
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Bild 2 von 3. Arbeiterinnen und Arbeiter sind bis zu 75 Stunden im Einsatz. Bildquelle: SRF/Nicolas Axelrod.
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Bild 3 von 3. In den grossen und kleinen Werkstätten brennen die Lichter bis tief in die Nacht. Bildquelle: SRF/Nicolas Axelrod.
In diesem System gibt es für die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter keine Sicherheiten, keine Sozialversicherungen. Eine genähte Kleiderserie, dann Zahltag – damit ist das Auftragsverhältnis oft zu Ende.
In diesem Milieu ist Shein gross geworden. Das Unternehmen hat begonnen, hier produzierte Kleider direkt ans Ausland zu verkaufen. Darauf ist auch immer mehr Kritik an den Arbeitsbedingungen laut geworden, zum Beispiel von Public Eye.
Immer mehr, immer schneller
Nur zehn Minuten von Panyu entfernt liegt der Textilmarkt Zhongda. Händler bieten Tausende Stoffe feil, per Rolle, sofort geliefert. Der Markt ist wie ein gigantischer Katalog mit Stoffmustern, die sofort bestellt werden können.
Der Wettbewerb ist brutal. Textilhändler Huang Zhide spürt ihn täglich. Immer mehr verschiedene Muster muss er anbieten, immer mehr verschiedene Qualitäten, sonst verliert er seine Kunden. «Man muss ständig den Überblick über den Modemarkt haben – immer mehr und das alles immer schneller», sagt Huang Zhide. «Wenn man nicht genug an Lager hat, dann kommen die Leute einfach nicht mehr.»
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Bild 1 von 2. Textilhändler Huang Zhide spricht von einem zunehmenden Produktionsdruck. Bildquelle: SRF/Nicolas Axelrod.
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Bild 2 von 2. Andere Händler oder Arbeiterinnen beklagen die gefallenen Preise pro Kleidungsstück. Bildquelle: SRF/Nicolas Axelrod.
Über die Jahrzehnte ist in der Provinz Guangdong eine ausgeklügelte Lieferkette rund um die Textilproduktion entstanden. Neu ist hingegen, dass die im Turbokapitalismus produzierten Stücke direkt ins Ausland verschickt und dort als Fast Fashion bezeichnet werden.
In einem Tag vom Design zum fertigen Kleid: So wie die Gegend um Panyu hat das wohl kein anderer Ort der Welt perfektioniert.