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Ukraine-Sonderbeauftragter Toni Frisch: «Es war ein mühsames Seilziehen»
Aus SRF 4 News aktuell vom 30.12.2019.
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Schweizer Hilfe in der Ukraine «Zwei Jahre haben wir auf diesen Austausch hingearbeitet»

Die ukrainische Regierung und die prorussischen Separatisten haben 220 Gefangene ausgetauscht oder freigelassen. Toni Frisch ist Sonderbeauftragter der OSZE für die Krise in der Ukraine. Er war in Majorsk an der Kontaktlinie, wo der Austausch stattfand. Ein solcher sei kein leichtes Unterfangen, erklärt er. Aber ein positives Zeichen für die Konfliktparteien.

Toni Frisch

Toni Frisch

Sonderbeauftragter der OSZE

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Toni Frisch, Vize-Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) und ehemaliger Chef der Humanitären Hilfe des Bundes, ist als Sonderbeauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für die Ukraine im Einsatz.

SRF News: Wie ist der Gefangenenaustausch in der Ukraine abgelaufen?

Toni Frisch: Es war eine eindrückliche Demonstration aller Parteien, jetzt vor Ende Jahr doch noch endlich diesen Schritt zu machen mit diesem angekündigten und seit langem erhofften Gefangenenaustausch. Gleichzeitig war es auch eine Freilassung von Gefangenen. Denn nicht alle, die die Kontaktlinie überschritten, sind ausgetauscht worden. Einige kamen frei.

Wie muss man sich das vorstellen?

Voraus ging – und das ist in der Öffentlichkeit vielleicht weniger bekannt – eine ganz mühsame, zähflüssige Verhandlungszeit. Zwei Jahre haben wir auf diesen Austausch hingearbeitet. Es gab Hunderte von Listen, die korrigiert und angepasst werden mussten. Alle zwei Wochen trafen wir uns in Minsk für diese Verhandlungen. Namen wurden geändert, einige wurden freigelassen, Neue wurden verhaftet. Das war jedes Mal ein ganz mühsames Seilziehen.

Es dauerte Stunden, bis alles abgewickelt war, bis die Namen der Leute kontrolliert waren und sie noch einmal befragt wurden, ob sie jetzt wirklich zurück in die Ukraine wollen.

Gestern nun hatten wir endlich die Liste mehr oder weniger definitiv zusammengestellt. Dann kamen sie in Bussen angefahren; aus Donezk und Lugansk, den sogenannten separatistischen Teilrepubliken. Auch von ukrainischer Seite wurden die Gefangenen an die Kontaktlinie geführt; insgesamt 220 Personen. Es war eine organisatorische Leistung. Es dauerte Stunden, bis alles abgewickelt war, bis die Namen der Leute kontrolliert waren und sie noch einmal befragt wurden, ob sie jetzt wirklich zurück in die Ukraine wollen. Das war bis ganz zum Schluss ein zähflüssiges Hin und Her.

Was sind die heiklen Momente bei so einem Gefangenenaustausch?

Es besteht natürlich immer die Hoffnung, dass es gut läuft, und dass die Listen komplett sind und stimmen, und plötzlich kommen Namen zum Vorschein, die verwechselt worden sind, und gleichzeitig besteht ein grosses Misstrauen, dass diese Leute doch nicht freigestellt werden und doch nicht an die Kontaktlinie geführt werden. Dass sie ihren freien Willen doch nicht geäussert haben, obschon man sie mehrmals gefragt hat. Auch gestern kam es vor, am Morgen sagte mir noch einer, er wolle nicht ausgetauscht werden, und am Nachmittag sagte er, er wolle jetzt doch ausgetauscht werden.

Welches Klima herrschte dabei zwischen den beiden Konfliktparteien?

Es gab direkten Kontakt. Das war auch nötig. Es ist etwas Positives, dass diese bilateralen Verhandlungen stattgefunden haben. Denn meine Aufgabe ist es auch, nicht nur Moderator, sondern auch Mediator und Organisator zu sein, um diese Leute zusammenzubringen, damit sie konstruktive Diskussionen führen und sich nicht nur Gehässigkeiten an den Kopf werfen.

Wir hoffen, dass die Stimmung anhält und sie dazu beiträgt, andere Probleme zu lösen.

Gestern war die Stimmung eigentlich eine ziemlich aufgeräumte, fast ein bisschen vorweihnachtlich, und alle waren sichtlich froh, dass dieser Austausch endlich stattgefunden hat. Es war zweifellos ein wichtiges politisches Ereignis. Das zeigte sich auch, als wir am Abend nach Kiew flogen. Präsident Wolodimir Selenski stand auf dem Flughafen, begrüsste alle Gefangenen. Er hat sich bei mir bedankt und gratuliert. Wir hoffen, dass diese Stimmung anhält und sie dazu beiträgt, andere Probleme zu lösen.

Das Gespräch führte Noëmi Ackermann.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Fritz Rueegsegger  (Matterhorn+234)
    Das ist doch erfreulich, das auch die Schweiz bei dieser Aktion eine sehr positive Rolle spielen konnte. Das kann man nur, wenn man mit allen spricht, um die Worte von Ueli Maurer zu gebrauchen. Ich bin stolz auf diesen Erfolg.
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    1. Antwort von Max Wyss  (Pdfguru)
      Wie ich den Artikel interpretiere, hat die "offizielle" Schweiz recht wenig beigetragen; das der OSZE Delegationsleiter ein Schweizer ist, ist natürlich ein gutes Zeichen für die schweizerische Diplomatie.
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  • Kommentar von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
    Bevor das offizielle Russland damit aufhört, täglich mehrere Stunden in Rossija 1 publikumswirksam gegen die Ukraine zu giften (vernünftige Kritik hört sich anders an), glaube ich nicht, dass sich auf längere Sicht etwas zum Positiven verändern wird.
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    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Stimmt. Einzig, es ist so wie es die Separatisten hören wollen.
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    2. Antwort von T. H. Isaak  (cuibono)
      Ich finde die Berichterstattung in den russischen Kanälen, die ich verfolge, nicht giftig. Anders ist es natürlich in der Infotainment-Show "60 Minuten". Aber das ist eben Show. Die darf ruhig etwas reisserisch sein. Mich würde interessieren, was Sie zur ukrainischen Berichterstattung sagen.
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    3. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      @Horatio. Ich sehe das als sogenannte "interne Propaganda" an, da es nur Russischsprechende betrifft. Es wird das Bild eines durch und durch verdorbenen Landes vermittelt. (Was zum Teil stimmt, aber eben nur zum Teil), wogegen Russland als einzig aufrechtes Land dargestellt wird. (Was eben auch nicht stimmt) Es handelt sich also um das Zementieren von Vorurteilen in den Gehirnen der Menschen. Dem kann ich nichts Positives abgewinnen.
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    4. Antwort von E. Jacobs  (E.J.)
      @A.Weljaminoff: Eine sehr einseitige Schlussfolgerung von Ihnen. Wenn schon gilt das für beide Seiten. Die Ukraine muss aufhören Russland in den Medien zu dämonisieren. Das ist nennt man nämlich faschistische Propaganda. Solange dies (auf beiden Seiten) geschieht, wird sich nichts verändern
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    5. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      @cuibono Sie können sich ja denken, dass ich Soloviov meine. Ohne Schreiszenen (natürlich orchestriert) geht es ja keinen Abend mehr. "60 Minut" ist etwas weniger schlimm. Die Sendungen auf NTV und Pervij Kanal sind besser. Ukraine sehe ich nur 112.ua, da geht es schon gesitteter zu.
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