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Verliert Armenien Schuscha, ist die Niederlage kaum mehr abzuwenden
Aus SRF 4 News aktuell vom 09.11.2020.
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Schwerer Schlag für Armenien Aserbaidschan hat Schlüsselstadt in Berg-Karabach erobert

  • Die umkämpfte Südkaukasusregion Berg-Karabach hat den Verlust der strategisch wichtigen Stadt Schuscha eingeräumt.
  • Die Stadt sei nicht mehr unter Kontrolle von Berg-Karabach, teilte der Sprecher des Anführers der Region mit.
  • Bereits am Sonntag hatte der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev die Eroberung der Stadt verkündet.

Schuscha – oder wie die Armenier sagen: Schuschi – gilt als Schlüsselstadt, weil sie strategisch gut liegt, in der Mitte von Karabach, erhöht auf einem Berg. Zudem führt die wichtigste Verbindungsstrasse von Armenien nach Karabach durch sie.

«Wer Schuscha kontrolliert, hat einen riesigen Vorteil», sagt SRF-Korrespondent David Nauer. Dazu komme, dass Schuscha für beide Völker eine sehr hohe symbolische Bedeutung habe: «Aserbaidschaner wie Armenier sagen, die Stadt sei historisch, kulturell und wirtschaftlich immer ein Zentrum ihres jeweiligen Volkes gewesen. Man könnte sagen, es ist praktisch das Herz des aserbaidschanischen Karabach. Aber Schuscha ist auch eine Art Herz des armenischen Karabach. Und um genau dieses Herz wird jetzt gerungen.»

Russischer Militärhelikopter abgeschossen

Im Konflikt um die Südkaukasus-Region Berg-Karabach ist am Montagabend ein russischer Militärhelikopter Mi-24 abgeschossen worden. Er sei auf armenischem Gebiet abgestürzt, teilte das russische Verteidigungsministerium in Moskau mit. Dabei seien zwei Besatzungsmitglieder getötet, ein weiteres verletzt worden.

Der Helikopter habe nach einem Raketenbeschuss die Kontrolle verloren und sei in einer Bergregion nahe der Grenze zur aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan abgestürzt. Zu dem Vorfall sei es ausserhalb der Kampfzone in Berg-Karabach gekommen, hiess es. Die Kampfzone liege mehr als 100 Kilometer vom Absturzort entfernt. Armenien als Verbündeter Russlands sicherte Unterstützung bei der Aufklärung zu.

Die Führung in Berg-Karabach räumte zudem ein, dass die aserbaidschanischen Truppen kurz vor der Hauptstadt Stepanakert stünden. Berg-Karabach hat bei den anhaltenden Kämpfen mit Aserbaidschan nach eigener Darstellung erneut Dutzende Soldaten verloren. Die Zahl der Getöteten stieg um 44 auf 1221, wie die Behörden mitteilten.

Freidenfeiern in Schuscha
Legende: Aserbaidschaner freuen sich über die Berichte, wonach die Stadt Schuscha eingenommen wurde. Keystone

Die armenische Armee steht in dem Krieg massiv unter Druck. Sie hat in den letzten Wochen grössere Gebiete verloren. Es gibt auch Meldungen von einer regelrechten Flüchtlingswelle, von Armenierinnen und Armeniern, die in grosser Zahl aus Karabach fliehen. «Und die Stadt Schuscha, um die es jetzt geht, ist offenbar bereits praktisch entvölkert», sagt Korrespondent Nauer.

Plan für einen Waffenstillstand

Laut russischen und türkischen anonymen Quellen soll schon eine Skizze für einen Waffenstillstand vorliegen. Demnach müssten die Armenier grössere Teile des umstrittenen Gebiets abtreten, und es sollen Korridore eingerichtet werden, mittels derer die Aserbaidschaner sicher durch armenisches Gebiet reisen können, aber auch Armenier sicher durch aserbaidschanischen Gebiet.

Zudem sollen russische und türkische Friedenstruppen den Waffenstillstand überwachen. Diese Informationen sind laut Nauer aber nicht gesichert und es ist auch nicht klar, ob die beiden Kriegsparteien damit einverstanden wären.

Armeniens Ausrüstung veraltet

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Die Ausrüstung der armenischen Armee scheint veraltet zu sein. Experten in Russland sprechen davon, dass die Armenier sich immer auf einen Krieg vorbereitet hätten, wie er Anfang der 90er Jahre geführt worden wäre. Die Aserbaidschaner hingegen haben sich auf einen Krieg für 2020 vorbereitet, haben in der Türkei und auch in Israel viel modernes Kriegsgerät gekauft, vor allem Drohnen. Und dieses Kriegsgerät bringt ihnen nun wohl entscheidende Vorteile, so die Experten.

Nach den jüngsten Entwicklungen rund um Schuscha verfestige sich der Eindruck, dass der Konflikt um Berg-Karabach bald entschieden sein könnte, glaubt Korrespondent Nauer.

SRF 4 News, 09.11.2020, 06.45 Uhr;

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Vincent Schüpbach  (vin.sch)
    Ich finde es zwar begrüssenswert, dass mittlerweile von der "Führung in Berg-Karabach" gesprochen wird. Jedoch fehlt mir immernoch eine transparentere Kommunikation über den bisherigen Status der Region als unabhängige - auch wenn völkerrechtlich nicht anerkannte - Republik Arzach bzw. was dieser dritte (eigentlich zweite) direkt involvierte Akteur mit eigenständiger Streitkraft für den Konflikt bedeutet.
    Auch wenn man die Republik nicht anerkennt, sollte man deren Existenz nicht leugnen!
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  • Kommentar von Karl Frank  (Europäer)
    @John Livers Aserbeidschan hat mit Russland sehr gute Verhältnisse. Denn Aserbeidschan hat Erdöl und Gasvorkommen, aber Leitungen aus der Ära von Sowjetunion hat Russland. RU ist auch zurückhaltend, denn es will nicht den epochalen Kompromiss zwischen Iran und Türkei nach 700 Jahren Feindlichkeit, der in Syrien und Irak mit Hilfe Russland erzielt wurde, gefährden. Wenn sie die persische (irakische) Presse gelesen hätten, wüsten Sie es, dass Iran in Sache der Berg-Karabach sehr unschlüssig ist!
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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Interessant, dass sich Erdogan von Putin nicht einschüchtern lässt (Türkei unterstützt Aserbaidschan und Russland Armenien). Ergo wäre eine Niederlage Armeniens auch eine bittere Pille für Putin. Und - jetzt wird noch Biden Präsident der USA, welcher sich zur Obama-Amtszeit (als Vice) mit Putin gar nicht verstand.
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    1. Antwort von John Livers  (John Livers)
      Man stelle sich vor, Putin würde Armenien bei seiner Verteidigung genau so unterstützen wie Erdogan Aserbaidschan beim Angriff auf Berg Karabach. Das würde sofort weitere Sanktionen des Westens nach sich ziehen. Erdogan kann sich gegen Armenien, in Syrien, in Libyen und sogar mit Griechenland einen Konflikt leisten, ohne dass der Westen reagiert.
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    2. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ John Livers: Das kann schon sein. Ich glaube aber eher, dass es um die Erdölvorkommen Aserbeidschans geht und Putin deshalb so zahm mit Aserbeidschan umgeht. Die Sanktionen des Westens schwächen Russland weniger und die russische Bevölkerung erträgt mehr als die Bevölkerung Westeuropas und der USA. Das würden Putin und die Russen also aushalten und aussitzen.
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    3. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Ich glaube es ist was Anders. In letzten Zeiten auch Führung in Armenien probierte sich der USA zuwenden (nicht dem europäischen Westen!). Dort wirkte tatsächlich Soros & Co wie in der Ukraine. Dann wollte Putin zeigen, dass nur Russland Armenien vor den Türken schützt. Auf solche Art wird Armenien für immer mit Russland bleiben. Ich glaube, dass Gleiche passiert bald mit Georgien. Es ist Wiederholung der Geschichte aus dem XIX Jahrhundert, wann Königreiche Armenien und Georgien um russische
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    4. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Schutz vor Türken beteten. Denn nur Ostslawen konnten sich gegen Türken in der Geschichte wehren: 1683 die Polen und Ruthenien bei Wien, Russland Katarina die Grosse, usw. Westen wusste nie was mit Turkvölker anafangen (die Briten bei Gallipoli). Ich vermute, dass Putin die Sache in Berg-Karabach mit Erdogan einfädelte um Wilden Westen zeigen, wer am Kaukasus der Herr seit 700 Jahren ist.
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    5. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Die Herrscher des Euroasien (Osteuropa + Asien) waren immer ausgezeichneten Schachspieler. Und meistens der britischen Könige und USA-Präsidenten – Idioten.
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    6. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Karl Frank: Falls Ihre These stimmt. Warum hilft denn jetzt Putin nicht? Am Ende bleibt dann nichts mehr übrige von Armenien; auch für Russland nicht.
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    7. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      @John Livers Weil die Türken Irans Feinde und Armenier Arier wie Perser sind, aber Türken doch Moslems und Armenier nur Christen sind. Soll man nicht nur amerikanische Propaganda lesen aber auch russische, chinesische, iranische, indische Medien lesen. Das tuts gut.
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    8. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      @Thomas Leu Aber jetzt hilft der Putin der Armenien! Sagte Putin doch vor ein Paar Tagen: "wenn die Aseris Kernarmenien angreifen, dann sind wir (Russen) dort: russischen Militärbasis". Und da wissen die Türken, was das bedeutet. Armenien bleibt der Bollwerk der Russen am Kaukasus. Wie Abchasien und Ossetien. Und bald wieder Georgien. Die Russen und Türken werden sich gegenseitig keine dauerhaften Schaden zufügen. Russen sind in 40% Turkvölker.
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    9. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Ich erinnere den Unkundigen, dass Hunnen, Awaren, Bulgaren, Kiptschaken, Tataren, Chasaren, Aseris und letztendlich Seldschuken (Ottomanische Türkei) alles Turkvölker waren und sind. Slawen dagegen wie Armenier, Kurden und vor allem Perser waschechten Arier (so wie sich fälschlicherweise Adolf für Germanen vorgestellt hat), also Indoeuropäer sind.
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