Zum Inhalt springen

Header

Audio
Schränkt Polen die Sexualaufklärung ein?
Aus SRF 4 News aktuell vom 18.10.2019. Bild: Imago/Archiv
abspielen. Laufzeit 7 Minuten 22 Sekunden.
Inhalt

Sexualaufklärung unter Druck Wird moderne Sexualkunde in Polen bald strafbar?

Ein neues Gesetz soll Lehrpersonen mundtot machen. Radikale Abtreibungsgegner mischen mit. Die Kritiker sind alarmiert.

Darum geht es: Radikale Abtreibungsgegner aus und im Umfeld der Pro-Life-Bewegung wollen in Polen die Sexualaufklärung für Jugendliche massiv einschränken. Der über eine Unterschriftensammlung lancierte Bürgergesetzesentwurf zielt auf Berufe, die in der Kinder- und Jugendarbeit tätig sind. Für das «Propagieren und Befürworten sexueller Handlungen» sollen Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren möglich werden. Es gehe einzig und allein um die Abschreckung pädophiler Täter, die den Zugang zu Kindern oft auch über ihre Berufe nutzten, begründen die Initianten.

Polen.
Legende: Frauenorganisationen machten am Mittwoch umgehend gegen den Maulkorb in der Sexualkunde mobil. imago images/Archiv

Unklarer Geltungsbereich: Im Gesetzesentwurf wird zwar nicht der Sexualkundeunterricht an sich unter Strafe gestellt. Der Passus «Propagieren und Befürworten sexueller Handlungen» ist bewusst sehr allgemein gewählt und würde neben Lehrpersonen wohl auch Ärzte und Therapeuten betreffen. Viele Fragen bleiben offen: Ist es etwa bereits eine indirekte Propagierung, wenn im Sexualkundeunterricht den Jugendlichen beigebracht wird, wie man ein Kondom benutzt? Oder wenn ein Arzt ermöglicht, dass eine Minderjährige an die Antibaby-Pille kommt?

Die Haltung der Regierung: Die in den Wahlen siegreiche Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) unterstützt das Gesetzesprojekt. Eine erste Lesung im alten Parlament ist erfolgt, ohne abzustimmen. Die Vorlage werde im neuen Parlament weiterberaten und habe gute Erfolgschancen, sagt Jan Pallokat, ARD-Korrespondent in Polen. Allerdings sei die Partei PiS sehr flexibel und reagiere schnell auf eine Veränderung der Stimmungslage.

Die Kritiker: Die Opposition kritisiert, dass der Gummiparagraph dazu genutzt werden könne, um mit Strafrecht in den Sexualkundeunterricht hineinzuregieren. Ziel sei es, Angst und Schrecken zu verbreiten und eine rigide Sexualmoral durchzusetzen. Allerdings ist die Opposition seit Jahren sehr schwach und handelt oft nur reaktiv.

Polen.
Legende: Das lassen sich die Jungen nicht mehr bieten: Die Organisation Frauenstreik (Strajk Kobiet) mobilisierte Mitte Woche Tausende vor dem Parlament in Warschau. imago images/Archiv

Ernster als die politische Opposition im Parlament muss die PiS die gut vernetzten Frauengruppen nehmen, die schnell mobilisieren und Proteste in den Hochburgen der Regierungspartei organisieren können, wie Pallokat sagt. Vor dem Parlament in Warschau versammelten sich diesmal erneut die bekannten Vorkämpferinnen, die 2016 erfolgreich die Verschärfung des Abtreibungsrechts verhinderten.

Polen.
Legende: «Herbst des Mittelalters». Unter diesem Slogan protestierten Mitte Woche mehrere Hundert gegen die Einschränkung der Sexualkunde. imago images/Archiv

Sexualkunde im konservativen Polen: Es gibt ansatzweise einen Sexualkundeunterricht im Wahlfach «Erziehung zum Leben in der Familie». Dort wird aber laut Pallokat eher gelehrt, wie man ein gutes Familienmitglied und ein guter Patriot wird. Für höhere Jahrgänge gebe es sodann eine Art Sexualkunde, die gemäss Schilderungen sehr medizinisch-technisch und nicht besonders lebensnah ablaufe. Fragen wie der Umgang mit dem Körper, Gefühlen und Verlangen, Verhütung sowie der Schutz vor Krankheiten würden umgangen. Das Thema Sex werde auch in den Lehrmaterialen allgemein in ein eher negatives Licht gestellt.

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

28 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen
  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Unaufgeklärtheit führt zu ungewollten Schwangerschaften, aber Abtreiben darf man in Polen auch nicht mehr oder nur unter grossen Schwierigkeiten. Die jungen Frauen sind die Leidtragenden. Wahrscheinlich soll Sex nur noch angezogen, im abgedunkelten Räumen stattfinden. Da gehen die Priester ja mit gutem Beispiel voran. Vorallem in sexueller Handlungen kennen sie sich ja aus. Hoffentlich ist die Regierung in Polen da auch so konsequent mit bestrafen.
    1. Antwort von Max Wyss  (Pdfguru)
      Abgetrieben wird schon, aber unter miserablen Bedingungen (oder die junge Frau kann es sich leisten ins Ausland zu reisen).

      Das kann zur Folge haben, dass die junge Frau unfruchtbar wird (und damit der offensichtlichen Hauptaufgabe, der Vermehrung von Polen) nicht mehr nachkommen kann.
  • Kommentar von Stefan von Känel  (Trottel der feinen Gesellschaft)
    Als nächstes wird dann wohl Ablasshandel im Alltag und Kreationismus an den Schulen gefordert. Zum Glück gibt es auch in Polen denkende Menschen, die sich den Exzessen der Religion entgegenstellen.
    1. Antwort von Max Wyss  (Pdfguru)
      …nur sind sie zur Zeit in der Minderheit.
  • Kommentar von Sam Brenner  (Sam Brenner)
    Religiöse Fundis, egal von welchem Verein, sind DIE Plage des 21. Jahrhunderts.