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Slowakei kurz vor Inbetriebnahme eines neuen AKW
Aus Rendez-vous vom 06.04.2020.
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Slowakei baut neue Reaktoren Der Atom-Graben zwischen Ost- und Westeuropa

Bald sollen in der Slowakei zwei neue Reaktoren ans Netz. Österreich würde das Projekt in Mochovce gern stoppen.

Im «Energoland», dem Besucherzentrum des Atomkraftwerks Mochovce, ist die Welt in Ordnung. Ein 3D-Werbefilm zeichnet das AKW als eines der modernsten in Europa. Das Risiko eines atomaren Unfalls sei minim. Atomstrom sei die grüne Energie der Zukunft.

160 Kilometer weiter westlich, in der österreichischen Hauptstadt Wien, zeigt Reinhard Uhrig von der österreichischen Umweltorganisation Global 2000 auch ein Video. Ein wackliges Handyvideo, das ein Ingenieur in Mochovce aufgenommen hat. Zu sehen ist ein Dieselgenerator, zu hören ein Knall.

Das sei ein Notstromaggregat im beinahe fertig gebauten Reaktor 3 des AKW Mochovce. Fällt so ein Aggregat aus, kann das katastrophale Folgen haben: Es soll nämlich die Kühlung des Reaktors sicherstellen, wenn ein Blitzschlag oder ein Erdbeben die Stromversorgung unterbricht.

«Die Baustelle ist ausser Kontrolle»

Pannen wie diese seien auf der Reaktorbaustelle von Mochovce nicht die Ausnahme, sondern die Regel, sagt Uhrig. «Mehrere Ingenieure sagen uns, dass essentielle Teile der Baustelle völlig ausser Kontrolle sind. Da arbeiten verschiedene Baufirmen aneinander vorbei. Das Management versagt.»

Kirche, dahinter Blick auf Kühltürme
Legende: CO2-Ausstoss reduzieren und Energiebedarf decken: Osteuropäische Staaten setzen zum Ende des Kohlezeitalters auf Atomkraft. Reuters

Dass beim Bau von Mochovce viel schief gegangen ist, bestreitet niemand. Schon vor Jahren hätte Reaktor 3 und sein Zwilling, Reaktor 4, ans Netz gehen sollen. Doch dann haben Kilometer schlampig verlegter Kabel, fehlerhafte Schweissnähte und andere Mängel den Bau immer wieder verzögert. Das bestreitet auch die Betreiberfirma von Mochovce, Slovenska Elektrarna, nicht. Sie versichert aber, sie habe alle diese Fehler korrigiert.

«Viele der bekannten Mängel wurden tatsächlich behoben. Aber das Problem sind die noch nicht entdeckten», sagt AKW-Gegner Uhrig. Für ihn ist klar: «Das Chaosprojekt Mochovce sollte man abbrechen.»

Quelle: World Nuclear Report, IAEAReaktoren in BetriebNeue Reaktoren im BauNeue Reaktoren / Atomkraftwerk geplantReaktoren abgestellt / eingestelltKernkraftwerke in Osteuropa

Diese Meinung teilen in Österreich fast alle – auch als Resultat der intensiven Anti-Mochovce-Kampagne von Global 2000. Die Medien sprechen praktisch unisono von «Schrottreaktoren». Sogar Bundeskanzler Sebastian Kurz verlangt vom Nachbarland, dass Mochovce gestoppt wird.

Für die slowakische Regierung ist das keine Option, für Slovenska Elektrarna schon gar nicht. Sie hat bereits sechs Milliarden Euro in Mochovce verbaut, fast doppelt so viel wie ursprünglich budgetiert. Sie will die beiden neuen Reaktoren noch diesen Sommer hochfahren.

«Ausländische Hetzkampagne»

Der Sprecher von Slovenska Elektrarna versprach, SRF News zu erklären, wie das gehen soll. Er wollte Stellung nehmen zu den Vorwürfen, das AKW sei nicht sicher. Als ihm die Fragen dann aber vorlagen, war er trotz mehrmaliger Nachfragen nicht mehr zu erreichen. Lieber klagt er vor dem Heimpublikum, in slowakischen Medien, Mochovce sei Opfer einer ausländischen Hetzkampagne.

Darum setzt Osteuropa auf Atomkraft

Darum setzt Osteuropa auf Atomkraft

Neben der Slowakei wollen auch die EU-Länder Ungarn, Tschechien, Rumänien und Bulgarien ihre bestehenden AKW mit neuen Reaktoren ergänzen. Polen, das bisher keinen Atomstrom produziert, will gleich sechs neue Reaktoren bauen.

Die Regierungen dieser Länder sind überzeugt, dass Atomkraft der einzig gangbare Weg ist, um den Energiebedarf zu decken und gleichzeitig den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Anders könne man die bisherigen Kohlekraftwerke nicht ersetzen, heisst es. Ohne Atomstrom könne man das Ziel der EU, bis 2050 klimaneutral zu werden, nicht erreichen.

Die östlichen EU-Länder fordern deshalb, dass sie mit Geld aus dem neuen «Green Deal» der EU, Atomkraftwerke subventionieren dürfen. Ein Ansinnen, das in atomkritischen EU-Ländern wie Deutschland oder Österreich auf heftigen Widerstand stösst.

Ladislav Ehn, Ortsvorsteher in Kalna nad Hronom, dem Dorf gleich neben dem Kraftwerk, sieht das anders: «Wir brauchen kritische Medienberichte. Sie stellen sicher, dass alle Fehler genau überprüft werden.» Am Schluss werden die neuen Reaktoren sicher sein, glaubt Ehn.

Er ist, wie die meisten Slowaken, überzeugt davon, dass das Land Atomkraft braucht – für die wirtschaftliche Entwicklung und für den Klimaschutz. Und auch für sein Dorf sei das Kraftwerk ein Segen. Es biete Arbeitsplätze und spüle viel Geld in die Gemeindekasse.

«Auf dieser Baustelle fehlt die Kontinuität»

Die Entscheidung, ob und wann die neuen Reaktoren in Mochovce ans Netz gehen, liegt bei Marta Ziakova, der Chefin der slowakischen Atomaufsicht. Auch sie sagt: «Mir gefällt nicht, wie auf dieser Reaktorbaustelle gearbeitet wird.»

Seit mehr als zehn Jahren werde gebaut, immer wieder komme es zu Verzögerungen. «Inzwischen ist der sechste oder siebte Bauleiter am Werk. Da fehlt die Kontinuität.» Und weil einzelne Teile bereits so lange auf der Baustelle herumstehen, müssten die Reaktoren möglicherweise öfter repariert werden.

Ein neuer Reaktor soll noch diesen Sommer ans Netz.
Legende: Im slowakischen Mochovce werden zwei neue Atomreaktoren gebaut. Auch die Atomaufsicht sagt, auf dieser Baustelle laufe vieles schief. Reuters

Anders als die Umweltaktivisten von Global 2000 glaubt Ziakova aber, dass die neuen Reaktoren am Schluss sicher sein werden. Die Baumängel seien nach und nach behoben worden. Und: Bevor sie ans Netz gehen, müssten die Reaktoren Tests bestehen, die eine ausreichende Sicherheit garantierten.

Frühestens Ende Jahr könnte der erste der beiden neuen Reaktoren in Mochovce alle Tests bestanden haben und hochgefahren werden, sagte die oberste Atomaufseherin der Slowakei noch vor Ausbruch der Coronakrise – ein halbes Jahr später als die Betreiber hoffen.

Und auch dieser Termin ist nur realistisch, wenn auf der Reaktorbaustelle jetzt plötzlich alles rund läuft.

Video
Aus dem Archiv: Der «Green Deal» der EU
Aus Tagesschau vom 11.12.2019.
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Rendez-vous vom 6.4.2020, 12:30 Uhr

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
    Eine vernüftige Politik der Osteuropär, wie auch in der Migrationspolitik, und bei vielen anderen Themen auch. Bleibt die Frage, wie lange es geht - wenn überhaupt - dass es den "Schönwtter-Politiker*innen" im Westen langsam dämmert.
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  • Kommentar von Hanspeter Burri  (HPABRRBU)
    Arno Zingg: Die Fr. 10'000 haben Sie bereits verloren
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    1. Antwort von Arno Zingg  (Arno Zingg)
      Lieber Herr Burri, schön können Sie in die Zukunft sehen. In dem Fall können Sie ja nichts Besseres tun, als sich auch an der Wette zu beteiligen. Lassen Sie uns alle CHF 10'000.- für 15 Jahre auf ein Sperrkonto legen und dann schauen.
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  • Kommentar von Sascha Ehring  (MountainmanSG)
    Um die unrealistischen Klimaziele zu erreichen wird man um eine saubere und starke Energie wie die Atomenergie nicht herum kommen. Gebaut wird so oder so, warum also keine Hilfe anbieten, zeigen wie man so ein Grossprojekt gestaltet, realisiert? Warum nur motzen und immer nur voll dagegen? Wie bei jedem Thema einfach mal in die Lage des anderen versetzen, sich an den runden Tisch setzen und weiter geht es...
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    1. Antwort von Arno Zingg  (Arno Zingg)
      Lieber Herr Ehring, Sie können bestimmt klar begründen, weshalb die Klimaziele unrealistisch sind.
      Unterdessen können wir uns um die unzähligen Beispiele kümmern, welche seit Jahren beweisen, dass die Stromversorgung rein durch Erneuerbare Energien längst möglich und sehr realistisch ist.
      Und was genau wäre unsere Erfahrung beim Bau von Atomkraftwerken, welche wir als Hilfe anbieten könnten?
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    2. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Herr Zingg, können Sie mir bitte die unzähligen Beispiele aufzeigen? In Deutschland ist der Stromanteil bei der Energie 20 %, davon die Hälfte aus erneuerbarer Energie. Bei Dunkelflauten wird Atomstrom aus Frankreich hinzu gekauft. Gibt dazu einen Guten Vortrag: "Wie wir das Klima retten und wie nicht"
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    3. Antwort von Arno Zingg  (Arno Zingg)
      Liebe Frau Helmers, da wir hier von Strom und nicht von Energie sprechen, beziehe ich mich auf ersteres.
      Ein paar Beispiele:
      - Mehrfamilienhaus in Brütten, 9 Wohnungen mit aktuellem Ausbaustandard, inkl. E-Auto, komplett energieautark.
      - Gemeinde Feldheim (D) ist seit 10 Jahren komplett energieautark, inkl. Industrie. Unterdessen gibt es über 80 energieautarke Gemeinden in D
      - Stromautarke Häuser mit Speichern sind noch einfacher möglich.
      Und: Dunkelflauten in D gibt es nur ca. alle 2 Jahre
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